Die spektakuläre Entführung des behinderten und hilflosen Mannes aus schwerreichem Hause sorgte bundesweit für Aufsehen – nun kommt der Fall vor Gericht: Am Dienstag, 11. September, wird der Prozess gegen den mutmaßlichen Kidnapper des Sohnes von Unternehmer Reinhold Würth eröffnet. Sitz des Konzerns des schwäbischen Schraubenmilliardärs Würth ist Künzelsau (Hohenlohekreis). Am Landgericht Gießen wird mit einem großen Medien-Aufgebot gerechnet.

Die Entführung des Milliardärssohnes im Juni 2015 sowie die Festnahme des mutmaßlichen Täters Mitte März in Offenbach sorgten für Schlagzeilen. Im Fall einer Verurteilung muss der Mann, ein 48-jähriger Serbe, mit einer Haftstrafe zwischen 5 und 15 Jahren rechnen. Der Fall ist nach Polizeiangaben in Fulda eine der spektakulärsten Entführungen in der jüngeren deutschen Kriminalgeschichte. Der Wiesbadener Kriminologe Rudolf Egg bewertet: „Wenn man eine Rangliste erstellen würde, wäre der Fall sicherlich in den Top Ten.“

Was war passiert? 

Der damals 50 Jahre alte Sohn des Industriellen und Milliardärs Reinhold Würth wurde am 17. Juni in Schlitz auf dem Hofgut Sassen entführt. Er lebte dort in einer integrativen Wohngruppe für behinderte und nicht-behinderte Menschen in einem idyllischen Dorf. Die Lösegeldforderung ging damals telefonisch am Stammsitz des Unternehmens in Künzelsau (Baden-Württemberg) ein. Würth und seine Frau waren zu dem Zeitpunkt auf einer Geschäftsreise in Griechenland.

Zu einer Lösegeld-Übergabe in Höhe von drei Millionen Euro kam es nicht. Einen Tag später wurde die Geisel in einem Waldgebiet bei Würzburg entdeckt, an einen Baum gekettet, aber unversehrt. Zuvor hatte der Entführer die Geodaten des etwa eine Autostunde von Schlitz entfernten Fundortes preisgegeben.

Wieso?

Der Sohn des Industriellen war für den Entführer ein attraktives Ziel. Würth ist einer der reichsten Deutschen. Zu Reichtum kam der heute 83-Jährige mit dem gleichnamigen Handelskonzern, der aus einer Schraubengroßhandlung hervorging. Seine Unternehmensgruppe beschäftigt weltweit 76 000 Mitarbeiter. Der Umsatz der Gruppe lag 2017 bei 12,7 Milliarden Euro, wie Maria Theresia Heitlinger von der Würth-Pressestelle sagte.

Ausgewählt wurde der Würth-Sohn vielleicht auch, weil er nicht sprechen kann – und den Entführer im Falle des Scheiterns nicht verraten kann. Der Gehandicapte sei wegen eines Impfschadens seit dem ersten Lebensjahr behindert, wie Heitlinger sagte. Zur Entführung und der Ungewissheit bis zur Freilassung ließ Reinhold Würth 2015 verlautbaren: „Die Nacht vom 17. auf den 18. Juni war die schlimmste unseres Lebens.“ Seit dem Horror-Ereignis lebt der Sohn an einem unbekannten Ort. Neben seinem Sohn hat Würth noch zwei Töchter.

Filmreife Ermittlungen

Nach der Entführung laufen die Ermittlungen auf Hochtouren. Eine Sonderkommission mit 30 Ermittlern – später in Hochphasen bis zu 50 Mitarbeiter – wird gegründet. Um dem Entführer auf die Spur zu kommen, werden Sprachaufzeichnungen von ihm veröffentlicht. Der Fall wird mehrmals in der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY... ungelöst“ vorgestellt. Nach der Ausstrahlung im Juli 2015 können Stimmproben des Entführers bei einer Hotline abgehört werden.

Im April 2017 veröffentlichen die Ermittler in der Sendung eine neue Stimmanalyse und daraus gefolgerte Informationen: Der vermutlich aus dem ehemaligen Jugoslawien stammende Mann spreche mit deutlichem Akzent. Den Erkenntnissen nach habe er Deutsch im Rhein-Main-Gebiet gelernt. Man könne davon ausgehen, dass er dort gelebt oder gearbeitet habe. Laut der Analyse dürfte der Täter zwischen 40 und 52 Jahre alt sein. Wahrscheinlich stamme er aus dem Grenzgebiet zwischen Serbien und Montenegro.

Aus der Stimmanalyse zogen die Ermittler weitere Rückschlüsse: Beruflich sei der Mann wahrscheinlich im Umgang mit Menschen geübt. Jobs als Fahrdienstleister für Personen oder als Bote seien ebenso denkbar wie eine Beschäftigung im sozial-karitativen Bereich oder in der Gastronomie. Seine Höflichkeit und die wiederholte Verwendung des Wortes „bitte“ führten auf diese Fährte, erklärten die Ermittler.

Neben der Stimmenanalyse nahm die Polizei Handy-Auswertungen vor. Dadurch entstand ein Bewegungsbild des Täters, wie der Gießener Staatsanwalt Thomas Hauburger im TV sagte. Gelungen sei dies mit Hilfe von Cash-Code-Einkäufen, mit denen der Kidnapper sein Handy aufgeladen habe. Diverse Einkäufe seien im Rhein-Main-Gebiet erfolgt, am Tattag in einem Supermarkt in Würzburg-Eisingen, in der Nähe des späteren Auffindeort des Opfers.

Nach der zweiten über das TV ausgestrahlten Tätersuche kommen innerhalb eines Monats 200 Hinweise zusammen. Am 14. März dieses Jahres – knapp drei Jahre nach der Entführung – vermelden die Fahnder den Durchbruch: Spezialeinheiten der Polizei nehmen in einem Offenbacher Hochhaus den mutmaßlichen Täter fest. Es ist ein 48 Jahre alter Mann aus Serbien, ein Gelegenheitshandwerker.

Neue Details nach der Festnahme

Weil sein Plan scheiterte, soll der Tatverdächtige im vergangenen Jahr einen erneuten Erpressungsversuch unternommen haben. Diesmal verlangte er von „Schraubenkönig“ Würth umgerechnet 70 Millionen Euro in einer Kryptowährung. Er drohte damit, den Sohn erneut oder ein anderes Familienmitglied zu entführen.

Doch zu einem erneuten Verbrechen kommt es nicht. Und der vom Erpresser hergestellte E-Mail-Kontakt bricht wieder ab. Auf die Spur kommen die Ermittler dem Mann auch nicht. In seinen Mails lässt er zwar Täterwissen durchblicken, aber der Mailverkehr ist verschlüsselt. Die elektronische Post nach ihrem Weg durchs Daten-Labyrinth des Darknets zurückzuverfolgen, gelingt nicht.

Finaler Hinweis

Zum Durchbruch kommt es bei den letztlich rund 1000 Tage währenden Ermittlungen durch eine aufmerksame Zeugin aus dem Rhein-Main-Gebiet. Sie erkennt im Januar auf einem Fahndungsplakat mit einem Phantombild den Mann wieder. Sie ruft die Polizei-Hotline an, um sich seine Stimme anzuhören. Dann wird ihr klar: Es ist der Mann, der in ihrem Haushalt schon als Handwerker tätig war. Sie alarmiert die Polizei. Die Beamten observieren den Verdächtigen – verheiratet, zwei Kinder, keine Vorstrafen – und schlagen zu, als sie sich sicher sind.

Der Tatverdächtige stellt sich zwar als sehr gesprächig heraus. „Er hat zehn Stunden dauer-gequatscht“, sagte Daniel Muth, Kriminaloberrat bei der Fuldaer Polizei, nach der Festnahme. Aber zu den Tatvorwürfen sagt er nichts.

Alleine ist das kaum machbar

Ungeklärt ist die Frage, ob der Entführer Komplizen hatte. Eine Allein-Täterschaft sei möglich. Dass es Mittäter gab, könne aber nicht ausgeschlossen werden, sagten die Ermittler im März. Auch Kriminologe Egg vermutete, dass der Entführer nicht ohne Unterstützung am Werk war. „Das kann man allein kaum schaffen. Entführungen sind ein komplizierte Verbrechen. Sie sind aus der Mode gekommen.“

Verlockend, erklärte Egg, seien sie für Verbrecher gewesen, weil sie die Beute bestimmen können, und nicht davon überrascht werden, wie viel sich etwa in einem Tresor befinde. Doch die Komplexität und auftretende Komplikationen schreckten heutzutage eher ab. „Man muss sein Opfer verstecken und verpflegen, wenn man es nicht ohnehin umbringen will.“ Da seien Erpressungen im Internet für Kriminelle inzwischen reizvoller geworden.

Wahrmherzig wirkender Täter

Nach Ermittler-Erkenntnissen handelte der Tatverdächtige vermutlich wegen Geldsorgen. Er hatte „finanzielle Nöte“ und sei gern dem Glücksspiel nachgegangen, sagte der Soko-Leiter Muth. „Vielleicht hat er aus Geldnot die Einfachheit der Entführung eines behinderten Menschen gesehen.“ Und es habe eine sehr günstige Situation gegeben, um sich des Würth-Sohnes zu bemächtigen.

Kriminaloberrat Muth beschrieb den mutmaßlichen Kidnapper als einen außergewöhnlichen Tatverdächtigen: „Der Mann ist sehr kommunikativ, so etwas habe ich selten erlebt. Er ist Familienvater und kann gut mit Menschen umgehen, wirkt warmherzig.“ Die Ermittler glauben, dass wegen dieser vertrauenswürdigen Art der Würth-Sohn mit ihm gegangen sein könnte. Für den Tattag – den 17. Juni 2015 – habe er Alibis genannt, „die aber allesamt widerlegt werden konnten“, sagte Muth.

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