2016 war es ganz bitter. Da war es nur ein Einziger. Ganz allein lag Josef Laup­heimer im Juli 2016 bäuchlings auf dem kalten Boden der Kirche St. Petrus Canisius in Friedrichshafen beim Weihgottesdienst der Diözese Rottenburg-Stuttgart.

Ein einziger neuer Hirte für ganz Württemberg, für die viertgrößte Diözese Deutschlands mit rund 1,83 Millionen Katholiken. So gerechnet, kann die Diözese im Jahr 2018 zumindest statistisch auf einen beispiellosen Erfolg verweisen: Auf eine Zunahme der Priesterweihen um 600 Prozent im Vergleich zu 2016.

Denn sechs Männer waren es, die Bischof Gebhard Fürst vor wenigen Wochen in der Stuttgarter Domkirche St. Eberhard zu Priestern weihen konnte. Die höchste Zahl seit Langem. Im vergangenen Jahr waren es drei, im kommenden Jahr werden es wohl nur zwei sein. Was auf sie wartet: ein ordentliches Einkommen, vergleichbar mit dem eines Gymnasiallehrers, 30 Tage Urlaub im Jahr, in der Regel ein mietfreies Quartier, auf Wunsch die hälftige Finanzierung einer Haushälterin, ein krisensicherer Arbeitsplatz.

Verzicht auf Sexualität und Familiengründung

Aber auch: absolute Gehorsamspflicht gegenüber Vorgesetzten, weder freie Arbeitsplatzwahl noch Aussicht auf eine 40-Stunden-Woche, die Gewissheit auf regelmäßige Wochenend-, Feiertags- und Nachtarbeit. Und keine Chance darauf, mit 65 oder 67 Jahren bei körperlicher und geistiger Gesundheit in Rente gehen zu können. Unter den gegenwärtig 954 in der Diözese Rottenburg Stuttgart tätigen Priestern sind nach Angaben der Diözese 325 formal bereits im Ruhestand, aber nach wie vor in mehr oder weniger großem Umfang weiter im seelsorgerischen Einsatz.

Dazu kommt das Gelübde, keusch zu leben und damit der Verzicht auf Sexualität und die Gründung einer Familie. Von einem Teil der Gesellschaft wird der Priesterstand respektiert und geachtet. Aber von immer mehr Menschen ist das Angebot der Kirche nicht mehr gefragt.

Was bringt oft auch nicht mehr ganz junge Männer dazu, in Zeiten abfallenden Glaubens Priester zu werden? Unter den sechs im Juli geweihten Neupriestern sind ein promovierter Jurist und Richter, ein gelernter Schreiner; ein studierter Volkswirt, der zuvor als Journalist und in der Versicherungsbranche gearbeitet hat, und ein Wirtschaftswissenschaftler.

Auf Sinnsuche

Und Stjepan Prtenjaca ist darunter, in Böblingen bei Stuttgart als Kind einer kroatischen Einwandererfamilie geboren. Mit 34 Jahren ist er der Zweitjüngste der sechs Neupriester und hat einen vergleichsweise geradlinigen Weg hinter sich. Zum Gespräch in Stuttgart, per Mail und Smartphone verabredet, kommt Prtenjaca in Zivil, er trägt keinen Priesterkragen, sondern Hemd, Jeans und modische Schuhe.

"Es ist erschütternd, dass der ganze esoterische Bereich boomt, aber die Kirche diese Nachfrage nicht stillen kann." Stjepan Prtenjaca, katholischer Priester
"Es ist erschütternd, dass der ganze esoterische Bereich boomt, aber die Kirche diese Nachfrage nicht stillen kann." Stjepan Prtenjaca, katholischer Priester | Bild: Bäuerlein, Ulrike

Kirchgang und katholisches Gemeindeleben gehörten zwar zum Familienalltag, doch den Berufswunsch Priester gab es für ihn zunächst nicht, berichtet er. „Ich wollte Dolmetscher werden, das hat nicht geklappt.“ So studierte er nach dem Abitur neben Englisch, Religion und Theologie und war dabei „auf Sinnsuche“, wie er sagt. Eine gescheiterte Beziehung trägt ihren Teil dazu bei. „In den Semesterferien bin ich immer wieder in Klöster gegangen, um zur Ruhe zu kommen“, so der 34-Jährige. Dort arbeitete und betete er mit den Mönchen, ein Leben, das er sich auch selbst vorstellen konnte. Gebet, Kontemplation und Liturgie sprachen ihn zutiefst an.

Aber diese Art des Lebens, so spürte Prtenjaca, ist bedroht. „Die erste Idee war, Mönch zu werden. Nur stellt sich in den Klöstern die Zukunftsfrage noch ganz anders als in der Gemeinde. Und mit diesem Damoklesschwert zu leben, war kein angenehmer Gedanke“, so der Priester. Als immer noch Suchender beendete er 2013 sein Theologiestudium und fand Aufnahme und Begleitung im Tübinger Wilhelmsstift, das nicht nur die Priester der Diözese ausbildet, sondern auch Suchenden Einblick in in die verschiedenen kirchlichen Lebenswege gibt.

Und der Zölibat?

Prtenjaca sammelte Erfahrung als Praktikant und ging wieder ins Kloster, um über einen längeren Zeitraum mit den Mönchen zu leben. „Mit der Zeit gab es für mich keine ernsthafte Alternative mehr dazu, Priester zu werden“, sagt er. Der Entschluss reifte, es folgten mit Diakonweihe und Diakonatsjahr die nächsten Schritte.

Und der Zölibat? Da wirkt Stjepan Prtenjaca bei aller Höflichkeit leicht genervt. „Das wird immer als Erstes an einen herangetragen. Für Außenstehende ist das offenbar immer das Wichtigste, für mich in der Relevanz aber nicht.“ Der 34-Jährige ist beziehungserfahren, er weiß, wovon er redet. „Ich sehe den Zölibat als Verzicht, aber es gibt andere Sachen, die für mich virulenter sind.“ Denn Zweifel und offene Fragen zum Berufsalltag als katholischer Priester gibt es auch bei ihm: „Über die kirchlichen Strukturen, wie das sein wird mit der vielen Bürokratie. Wie werde ich als Priester überhaupt gebraucht oder bin ich obsolet? Werde ich genug Zeit fürs Gebet haben?“, fragt er sich.

Im Gemeindedienst arbeiten heißt heute auch für Priester vor allem: viel Papierkram bewältigen. „Das macht mir keine Angst, aber auch keine große Freude“, sagt Prtenjaca. Gedanken macht sich der 34-Jährige vielmehr darüber, wie er die Menschen erreichen kann. „Es ist erschütternd, dass der ganze esoterische Bereich boomt, aber die Kirche diese Nachfrage nicht stillen kann“, so Prtenjaca.

Wann ist ein Priester ein guter Priester?

Ist er durch die feierliche Priesterweihe – auch ein großes Fest für Familie und Freunde – ein anderer geworden? „Ich glaube, ich gehe seitdem anders mit mir und anderen um“, so der Neupriester. Vor allem versucht er, für sich selbst und andere den Anforderungen gerecht zu werden, die an Priester gestellt werden – sei es im persönlichen Umgang oder bei Äußerlichkeiten wie Kleidung. Kragen und Soutane trägt er zwar gerne, meint aber bemerkt zu haben, dass das Priestergewand nicht überall bei öffentlichen Anlässen gern gesehen ist. Zum Stundengebet ist er jetzt als Priester verpflichtet, aber ansonsten ist „es jedem selbst überlassen, wie er sein Priestersein lebt, solange es nicht sittenwidrig ist“, so Prtenjaca.

Sittenwidrig ist derzeit ohnehin ein schwieriges Wort für einen Repräsentanten der katholischen Kirche – in Zeiten von neuen Missbrauchsvorwürfen und Rücktrittsforderungen an den Papst wegen angeblicher Verschleierung. „Das Thema und das Glaubwürdigkeitsproblem hat uns auch in der Priesterausbildung sehr beschäftigt“, erzählt er.

Er selbst schäme sich für die Täter, nicht aber für seinen Stand und die Kirche – „das ist keine flächendeckende Erscheinung und es gibt auch viel Aufklärung. Man weiß, dass da Menschen am Werk sind, die Fehler machen.“ Und wann ist ein Priester für Stjepan Prtenjaca ein guter Priester? „Wenn man Gott und den Nächsten liebt, in der Nachfolge Christi lebt, wenn man lebt, was man predigt und glaubwürdig bleibt, ist man nahe dran, ein guter Priester zu werden“, ist er überzeugt.

Erste Stelle im Allgäu

Als Vikare müssen die Neupriester nun unter Anleitung eines Gemeindepriesters jeweils zwei Jahre an zwei verschiedenen Orten tätig sein. Der Weg von Stjepan Prtenjaca führt nach Wangen. Ins Allgäu nimmt der Schwabe nur eine kleine Hypothek mit: seinen komplizierten Nachnamen. „Ich glaube, ich bin dort schnell der Stefan“, sagt er.

Ihren Priester korrekt beim Namen zu nennen, ist eine Herausforderung, die nicht nur auf Katholiken in Wangen zukommt. In der Diözese fehlen im Schnitt über das Jahr rund 20 Pfarrer- und Pfarrvikare. Und weil die Kirche als weltweit tätiges „Glaubensunternehmen“ global nicht über Fachkräftemangel zu klagen hat, sind zunehmend Priester anderer Nationalitäten im Einsatz, oft vom afrikanischen Kontinent oder aus Indien. Allein in der Diözese Rottenburg-Stuttgart sind bereits ein Drittel der Vollzeit-Priester ausländischer Herkunft. Ganz ohne Einwanderungsgesetz und Integrationsdebatte.

Auch die evangelische Kirche bangt um Nachwuchs

Noch können sich die Badische und die Württembergische Landeskirche über genügend Pfarrer in ihren Gemeinden freuen. Doch die evangelischen Kirchen schlagen Alarm.

  • Sorgen: Obwohl es in den letzten Jahren knapp 20 Prozent mehr Theologie-Studenten gibt, leidet die Kirche unter Nachwuchssorgen: „Die geburtenstarken Jahrgänge der 50er- und 60er-Jahre wechseln ab 2020 allmählich in den Ruhestand“, sagt Kirchenrat Dan Peter auf SÜDKURIER-Anfrage. Gingen im vergangenen Jahr noch 44 Pfarrer in den Ruhestand, wird 2026 bereits mit 133 Geistlichen gerechnet. Deutschlandweit betrifft das 30 bis 40 Prozent der Pfarrstellen in den Landeskirchen. Dabei sind die Aussichten für angehende Geistliche laut Oberkirchenrätin Birgit Sendler-Kuschel so gut wie seit Jahrzehnten nicht mehr.
  • Kehrtwende: Das steigende Interesse kann die Abgänge in den Gemeinden jedoch nicht auffangen. Die Nachwuchssorgen sind das Resultat eines schleichenden Prozesses, der vor rund 20 Jahren begann. „In den 90er-Jahren gab es mehr Absolventen als freie Stellen in Baden-Württemberg“, sagt Peter. Da nicht alle Kandidaten übernommen werden konnten, sank die Zahl der Theologiestudenten. Die Evangelische Landeskirche musste viel investieren, um junge Menschen wieder für den Beruf des Pfarrers zu begeistern. Der Negativtrend konnte erst ab 2010 durch Werbekampagnen der Kirche gestoppt werden.
  • Schwindendes Interesse: Auch der demografische Wandel trägt zum Personal-Mangel bei. Während die Gesellschaft älter wird, spielen der Glaube und die Kirche für junge Menschen eine untergeordnete Rolle: „Es gibt heutzutage viel mehr Möglichkeiten, was die Jobwahl angeht“, sagt Peter. Neue Berufe rücken in den Fokus der Absolventen.
  • Generation Y: Wer sich für einen Beruf in der Kirche entscheidet, muss dem Glauben tief verbunden, kirchlich sozialisiert sein und die Abläufe der Kirche kennen. Doch diese Eigenschaften passen für viele Menschen nicht mehr zu der heutigen Lebensauffassung. Die junge Generation verfolgt andere Interessen. Laut Experten ist die Generation Y, die sich auf junge Menschen zwischen 20 bis 40 Jahren bezieht, geprägt von Individualismus: Job, Gehalt, Aufstieg und Konkurrenzdenken. Jeder geht seinen eigenen Weg. Dieser Individualismus widerspreche dem Gemeinsinn eines Pfarrers, weil gerade in diesem Beruf Solidarität gefragt ist.
  • Geld: Selbst das Gehalt eines Geistlichen von knapp 4000 Euro ist für die Berufswahl nicht ausschlaggebend. Dies ist jedoch kein alleiniges Phänomen der Kirche. Junge Menschen leben eine andere Arbeitseinstellung als vorherige Generationen. Familie, Freizeit und Privatleben nehmen einen deutlich höheren Stellenwert in der Gesellschaft ein. Ein Pfarrer arbeitet jedoch an sechs Tagen die Woche, hat lange Arbeitszeiten und muss auf flexible Arbeitszeiten eingestellt sein.
  • Anstrengend: Neben den beruflichen Anforderungen ist auch psychologische Stärke ein wichtiger Faktor. Pastoren begleiten Familien in ihrer Gemeinde oft von der Geburt über die Konfirmation bis zum Tod von Angehörigen. Sie übernehmen Krankenbesuche, sind ständiger Ansprechpartner und begleiten Familienangehörige beim Abschiednehmen. Viele Menschen können mit dieser Belastung nicht umgehen und sind der Arbeit eines Pfarrers nicht gewachsen. (lsc)