Einen überraschenden Gast präsentierte der evangelische Pastor Frank Uhlhorn am vergangenen Sonntag zum Gottesdienst: Der Geistliche hatte für die Feier ein Plastinat des umstrittenen Anatomen Gunther von Hagens ausgeliehen und es in den Chorraum gestellt. Seine Predigt bezog sich direkt auf dieses Leihstück. Es ging dabei um die Vergänglichkeit des Menschen.

Plastinate nennt von Hagens seine stark präparierten Leichen. Sie sind so präpariert, dass sie sehr lebensnah wirken. Und so stabil, dass sie zum Beispiel mit einem Fußball oder einem Musikinstrument hantieren können. Die Herkunft der Körper ist umstritten. Von Hagens spricht von Freiwilligkeit, wonach sich Menschen zu Lebzeiten bereiterklären für eine Plastination und öffentliche Zurschaustellung.

Frank Uhlhorn ging es dabei nicht um Sensationsmache, wie er sagt. Der Pastor an der Marienkirche in Osnabrück wollte mit dem unheimlichen Gast vielmehr den 90. Psalm illustrieren, der an diesem Tag als Predigttext verlesen wurde. In diesem biblischen Text heißt es unter anderem: "Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden." Diese Botschaft könne er mit dem ausgestellten Toten am besten darstellen. Deshalb habe er den "Toten mit roter Fackel" kommen und aufstellen lassen. Dabei fügte es sich günstig, dass Gunther von Hagens Schau "Körperwelten" gerade in Osnabrück Station macht und die Kirchengemeinde einfach und günstig an eines der expressiven Präparate gelangte. Auf Anfrage dieser Zeitung teilte Pfarrer Uhlhorn noch mit: "Im Gottesdienst waren einige Menschen, die ihren Körper schon zu Lebzeiten der Plastination verfügt haben."

Die Resonanz auf den makabren Besuch war gut. Es kamen vier Mal soviel Besucher in die geräumige Stadtkirche wie sonst, schreibt die "Osnabrücker Zeitung", und: Es sei ein fröhlicher und zugleich ernsthafter Gottesdienst gewesen. Kritik blieb gleichwohl nicht aus: "Das ist Voyeurismus pur", sagte der Medizinethiker Eckhard Nagel dem Evangelischen Pressedienst. Der Pastor hätte viel eher die Frage nach der Totenruhe stellen können, die diesem Untoten aus Hagens Werkstatt genommen wurde. Er wird seine rote Fackel nie sinken lassen, die Plastinate scheinen tatsächlich zu leben. Durch technische Tricks sind sie zur Dauerpose verdammt. Ohne Rast und Ruhe rennen sie bis zum Jüngsten Tag.