Seit tausenden von Jahren gehören sie zu den Geißeln der Menschheit im Nahen Osten: Riesige Heuschreckenschwärme aus hunderten Millionen Insekten können ganze Landstriche verheeren und Ernten vernichten. Derzeit sucht die biblische Plage erneut mehrere Länder der Region heim – und zwar in einem Ausmaß, das der UNO ernste Sorgen macht. Sie hat Vertreter der betroffenen Länder diese Woche zu einem Sondertreffen in Jordanien eingeladen, um über koordinierte Abwehrmaßnahmen zu beraten.

Ergiebige Regenfälle in Eritrea und im Sudan in den vergangenen Monaten haben die Voraussetzungen für die starke Ausbreitung der Wüstenheuschrecken geschaffen. Die sprießende Vegetation stellt so viel Nahrung zur Verfügung, dass es seit Oktober bereits zwei Paarungszeiten gegeben hat, teilt die UN-Ernährungsorganisation FAO mit. Viele der Insekten ziehen seitdem nach Norden Richtung Ägypten.

Regen sorgt für starke Vermehrung

Andere Schwärme haben das Rote Meer überquert und sind in Saudi-Arabien eingefallen. Im Januar machten die Heuschrecken bereits den Bewohnern der heiligen Stadt Mekka das Leben schwer. Auch im Innern der normalerweise sehr trockenen Arabischen Halbinsel finden die Heuschrecken gute Bedingungen vor, denn zwei Wirbelstürme im Winter haben selbst dort für viel Regen gesorgt. Inzwischen haben sich Teile des Schwarms weiter ausgebreitet und sind in den Vereinigten Arabischen Emiraten (UAE) und sogar im Süden Irans eingetroffen.

Nächsten drei Monate für Ausbreitung der Plage entscheidend

Die FAO befürchtet, dass die Heuschrecken bis nach Pakistan und Indien weiterziehen könnten. Denn es könnte bald noch mehr Heuschrecken geben. Die nächsten drei Monate seien entscheidend, um die Population vor Beginn der nächsten Paarungszeit unter Kontrolle zu bringen, erklärte Keith Cressman, Heuschrecken-Experte der FAO. Die betroffenen Länder können jedoch nicht alle Faktoren beeinflussen. Wenn es etwa zwischen März und Mai in Eritrea, im Sudan und auf der Arabischen Halbinsel erneut stark regnet, wird die Zahl der Insekten weiter zunehmen.

Bild: sk

Eine enge Zusammenarbeit zwischen mehreren westafrikanischen Ländern hat seitdem weitere Heuschrecken-Plagen im Zaum gehalten. Satellitenbilder sowie Informationen über Regenfälle und Vegetation in den Ländern ermöglichen rechtzeitige Gegenmaßnahmen wie den gezielten Einsatz von Pestiziden.

Bereits 30.000 Hektar mit Insektengift behandelt

Cressman und seine FAO-Kollegen hoffen, dass Ähnliches jetzt auch in der Nahost-Region gelingen wird.

Eine erwachsene Wüstenheuschrecke, die zu den Wanderheuschrecken gehört, frisst pro Tag etwa zwei Gramm Nahrung – so viel, wie sie selbst wiegt. Bei einigen hundert Millionen Tieren kann so Tag für Tag Nahrung für 35 000 Menschen vernichtet werden, schätzt die UN-Ernährungsorganisation FAO.
Eine erwachsene Wüstenheuschrecke, die zu den Wanderheuschrecken gehört, frisst pro Tag etwa zwei Gramm Nahrung – so viel, wie sie selbst wiegt. Bei einigen hundert Millionen Tieren kann so Tag für Tag Nahrung für 35 000 Menschen vernichtet werden, schätzt die UN-Ernährungsorganisation FAO. | Bild: Wikipedia/Christiaan Kooyman

Seit Dezember lassen die Behörden in mehreren Ländern bereits Pflanzenschutzmittel versprühen; allein in den vergangenen zwei Wochen behandelten sie laut FAO eine Fläche von insgesamt 30 000 Hektar mit Insektengift. Doch die Zahl der Heuschrecken ist bereits so groß, dass die Plage allein damit nicht beendet werden kann. Ende des Monats könnten sich neue Schwärme auf den Weg machen, warnen die Experten.

Insekten mit gewaltigem Hunger

Die Dimensionen der Heuschrecken-Plage könnte durch ungünstige Bedingungen katastrophale Ausmaße annehmen

  • Großen Appetit: Eine erwachsene Wüstenheuschrecke, die zu den Wanderheuschrecken gehört, frisst pro Tag etwa zwei Gramm Nahrung – so viel, wie sie selbst wiegt. Bei einigen hundert Millionen Tieren kann so Tag für Tag Nahrung für 35 000 Menschen vernichtet werden, schätzt die UN-Ernährungsorganisation FAO.
  • Rasante Vermehrung: Wenn es genug regnet, wächst die Zahl der Heuschrecken explosionsartig: Ein Weibchen legt in seinem bis zu fünfmonatigen Leben rund 300 Eier.
  • In der Luft unterwegs: Mit Rückenwind kann ein großer Schwarm in einer Flughöhe von bis zu zwei Kilometern eine Strecke von rund 150 Kilometer am Tag zurücklegen – auch die Überquerung von Gewässern wie dem Roten Meer ist kein Problem.
  • Große Ausbreitung: Bei der letzten schweren Heuschrecken-Plage vor 15 Jahren flogen Millionen von Insekten nach reichen Regenfällen in Marokko und Mauretanien über Senegal, Mali und Niger 4000 Kilometer nach Osten bis nach Tschad. Einige kamen bis nach Israel. Die Kosten für die damaligen Ernteausfälle wurden auf 2,5 Milliarden Dollar geschätzt, viele Menschen in den kahl gefressenen Gebieten waren auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen. Während einer mehrjährigen Heuschrecken-Plage in 1980er Jahren flogen einige Schwärme laut FAO sogar von Afrika aus über den Atlantik bis in die Karibik. (ts)