Die schlimmsten Hasswörter fallen am Esstisch. Wenn etwa der zu Besuch weilenden Tante beim Blick auf den Frühstückstisch der Zuckerrübensirup auffällt. „Ach“, ruft sie: „Mögt ihr also auch gerne Goldschleim!“

Der Mensch kann vieles ertragen. Die Fünf unter der Mathe-Arbeit des faulen Sohnes. Die Rüge vom Chef auf der Arbeit. Den verregneten Sommertag. Aber ein Sirupbrot essen, nachdem das Wort „Goldschleim“ gefallen ist? Ausgeschlossen!

"Goldschleim"? Igitt!

Hasswörter haben eine geradezu magische Wirkung. Obwohl sie doch nichts weiter sind als Schall und Rauch, können sie uns den ganzen Tag verderben. Wie eine Zauberformel halten sie Menschen vom Verzehr bestimmter Lebensmittel ab oder sorgen dafür, dass sie plötzlich das Weite suchen.

Nicht immer liegt der Fall so offenkundig auf der Hand wie bei „Goldschleim“. Oft genügt schon allein, dass dieser aufs Brot „geschmiert“ wird statt gestrichen. Oder würden Sie statt des „Brotaufstrichs“ ein „Brotgeschmier“ kaufen wollen?

Sprache gibt Alarm

Die Konstanzer Sprachwissenschaftlerin Regine Eckardt erklärt das Phänomen des Hassworts mit der „multiplen Alarmfunktion“ von Sprache. In neurowissenschaftlichen Experimenten habe man nachweisen können, dass unser Gehirn beim bloßen Lesen von Wörtern wie „Blut“ nicht nur das dazugehörige Bild entstehen lässt, sondern auch gleich Angst auslöst.

Wörter spielen dem Leser oder Hörer also einen Streich, indem sie ihn grundlos in Panik versetzen. Obwohl weit und breit kein Blut zu sehen ist, ergreift uns beim Vernehmen des Wortes insgeheim die Furcht. Und auch wenn der Sirup so aussieht wie eh und je, kommt er uns doch vor wie Schleim.

Das "Muttiheft"

Doch nicht immer ist es die Alarmfunktion, die uns ein Wort hassen lässt. Wie auch nicht alle Hasswörter sich auf Nahrungsmittel beziehen. Regine Eckardt selbst zum Beispiel reagiert auf ein Wort allergisch, das weder schmierig, noch schleimig daherkommt, sondern im Gegenteil geradezu staubtrocken: „Muttiheft“.

So haben in Berlin Lehrer und Kindergärtner noch bis vor wenigen Jahren ein Heft genannt, in das sie Nachrichten an die Eltern schreiben konnten. Heute heißt es weithin „Mitteilungsheft“, was sich für emanzipierte Frauen schon ganz anders anhört.

Sprache bildet Gruppen

Hasswörter wie „Muttiheft“, sagt Eckardt, beziehen ihre Wirkung aus einem über Jahrtausende eingeübten Mechanismus der sozialen Gruppenbildung. Denn mit unserem Wortschatz kommunizieren wir nicht nur: Wir geben auch unser Weltbild preis. „Spricht jemand zum Beispiel ständig vom Tieferlegen, dann ahne ich, dass er sich in seiner Freizeit viel mit Autos beschäftigt.“

Und nimmt ein Lehrer das Wort „Muttiheft“ in den Mund, so sieht er die Verantwortung fürs Kind offenbar vorrangig bei der Mutter angesiedelt – die er zu allem Überfluss auch noch verniedlicht. Wer diesem Weltbild, dieser Wertegemeinschaft auf keinen Fall angehören will, entwickelt unbewusst Abwehrreflexe: Nicht aussprechen, dieses Wort! Bitte nicht!

Gehört der zu uns?

„Wir sind darauf getrimmt, an der Sprache von anderen abzuleiten, welcher Gruppe sie angehören“, sagt Eckardt. Diesem Prinzip haben sich auch die Dialekte zu verdanken, die nahezu sämtliche Sprachgemeinschaften der Menschheit in weitere Kategorien unterteilen. „Es muss sich in der Evolution als Vorteil erwiesen haben, die Frage zu stellen, woher jemand kommt und wohin er gehört: zu uns oder zu denen? Hierher oder dorthin?“

Heute sind es nicht nur Dialekte, die einzelne Gruppen voneinander abgrenzen, sondern auch Sprachmoden. „Nervt mich total, wenn Jugendliche ‚Alter’ sagen“, schreibt jemand in einem Internetforum zu Hasswörtern. „Quasi – bei dem Wort könnt’ ich ausrasten!“, meint ein anderer.

"Scheibenkleister"? Bitte nicht!

Ein Dritter findet: „‚Zum Bleistift’ und ‚Scheibenkleister’ – Schlimmste aller Zeiten!“ Auch auf der Liste: „Alldieweil“, „frägt man sich“, „tschö“... Und immer geht es um die Frage: Willst du zu dieser Gruppe dazugehören oder, im Gegenteil, auf gar keinen Fall?

Hasswörter sind also ganz normal. Das bedeutet aber nicht, dass sie auch gut sind. „Nicht alles, was sich evolutionär entwickelt hat, ist auch nützlich“, sagt Eckardt. Ihre Lust auf Zucker etwa mag zwar unseren Urahnen noch das Überleben gesichert haben. Für uns bewirkt sie heute eher das Gegenteil.

Miteinander reden statt abwehren

Ähnliches gilt für unsere Sprache: Globalisierung und Migration fordern die Menschheit zu grenzüberschreitendem Dialog und Kooperation heraus. Instinktive Abwehrreflexe sind da oftmals hinderlich. Wir sollten also versuchen, mit unseren Hassworten Frieden zu schließen.

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Drei nervige Hasswörter aus der Redaktion:

Figurschmeichelnd

Beate Schierle
Beate Schierle | Bild: Tesche, Sabine

Was bitte schön, soll dieses Wort denn bedeuten? Doch wohl die Idee, echte Frauenfiguren, die nicht der Norm entsprechen, mit Zelten und Planen zu verhüllen. Wie wäre es, wenn Mode uns auf den Leib geschneidert würde und wir uns nicht in unbequemste Shapewear zwängen müssten, um unsere Körper der Mode anzupassen? Hat schon mal jemand Shapewear für Männer gesehen? Die der Figur schmeichelt? Eben. (Beate Schierle)

Verstörend

Bild: Tesche, Sabine

Die Karriere dieses neudeutschen Adjektivs geht mir schwer auf die Nerven. Jeder, der zum Ausdruck bringen will, dass er sich über etwas wundert, aufregt oder totärgert, kommt jetzt mit diesem runtergedimmten „verstörend“ über die Bühne! Aufhören! Dieses verschämte Hühnerbrust-Wörtlein passt leider in den Geist dieser Ära – die Ära der rhetorischen Leisetreterei und Verbrämerei. Dieses Konstrukt muss auf den Index. Jetzt! (Alexander Michel)

Zeitnah

Bild: Tesche, Sabine

Bald, schnell, gleich, sofort ... an Nuancen mangelt es nicht, wenn es darum geht, den zeitlichen Abstand vom Jetzt zum Später zu bezeichnen. Aber diese Nuancen verschwinden alle hinter einer einzigen Vokabel: zeitnah. „Wir werden das zeitnah umsetzen“, heißt es. Aber heißen tut das gar nichts. Es ist eine unverbindliche Gewäschvokabel, wir sollten sie daher zeitnah abschaffen. Und zwar sofort. Na, wird’s bald? (Roland Wallisch)