Schön ist er, wie er so dasteht. Der sattrote Lack ist tipptopp, die Formen sind rund, geschwungen, eine Augenweide. Man möchte sofort einsteigen und losfahren. „Das ist ein Volvo Amazon 123 GT von 1968“, sagt Daniel Kammel, und seine Augen glänzen fast so wie der Lack seines automobilen Schätzchens.

Der 41-jährige Singener pflegt ein ungewöhnliches Hobby. Er hat sein Herz an alte Volvos verloren, die er wieder zu neuer Schönheit bringt. „Den Amazon GT habe ich von 2001 bis 2003 restauriert. Außer der Lackierung habe ich alles selbst gemacht“, sagt er stolz. Kammel ist Automatisierungstechniker, das Technische liegt ihm also.

„Es entsteht etwas, und man hat ein positives Erlebnis“

Das Schrauben ist ihm willkommener handfester Ausgleich zu seinem Beruf: „Es entsteht etwas, und man hat ein positives Erlebnis.“ Klar koste das Ganze Geld und Zeit, dafür habe man aber auch etwas davon und viele Oldtimer seien wertstabil. Eine ganze Bibliothek von Reparatur-Handbüchern steht in einem Blechregal, und in einem Schrank verwahrt Kammel Spezial-Werkzeug.

Ohne Schrauben geht es nicht: Für Oldtimerfans gehört die Eigenarbeit fest dazu. Daniel Kammel bei der Arbeit. Im Hintergrund: sein Volvo 123 GT, Bj. 1968.
Ohne Schrauben geht es nicht: Für Oldtimerfans gehört die Eigenarbeit fest dazu. Daniel Kammel bei der Arbeit. Im Hintergrund: sein Volvo 123 GT, Bj. 1968. | Bild: Tesche, Sabine

Gekauft hatte er zunächst ein 69er-Modell der schwedischen Amazone für 2400 Mark in Stockach. Aber die Karosserie war hinüber, er musste sich also nach einem neuen Untersatz mit Brief umsehen. Der fand sich schließlich auch, ein 68er, und dann hieß es, alt und neu zusammenzufügen.

Von der Sicherheit tipp-topp

Sicherheitstechnisch ist die rote Schönheit für damalige Zeit sehr fortschrittlich. So verfügt der Wagen über eine Sicherheitslenksäule und eine Zweikreis-Bremsanlage. „Drei-Punkt-Gurte waren bei Volvo schon ab August 1959 Serie“, erzählt Kammel.

Im Innenraum des Amazon fällt der Rallye-Zähler auf, ein unerlässliches Instrument für Rallyefahrer für Entfernungen und Geschwindigkeiten. Denn Daniel Kammel fährt auch Rallyes. Als Maskottchen ist ein Elch-Stofftier an Bord. Wie passend!

Goldig: der Volvo 144 GL, Baujahr 1971. Der Motor hat zwei Liter Hubraum und leistet 124 PS. Bilder: Sabine Tesche
Goldig: der Volvo 144 GL, Baujahr 1971. Der Motor hat zwei Liter Hubraum und leistet 124 PS. Bilder: Sabine Tesche | Bild: Tesche, Sabine

Nicht ganz so glücklich ist Kammel mit seiner jüngsten Erwerbung, einem goldfarbenen Volvo 144 GL, Baujahr 1971, mit 124 PS und zwei Litern Hubraum, von der Ausstattung damals vom Feinsten mit Schiebedach und Leder. Aber: „Das war ein schlechter Kauf“, muss er selbstkritisch zugeben. Vor allem die Teilelage sei heikel. Die Teile seien schwer zu kriegen und dazu noch teuer.

Im Motorraum ist noch Platz

Und der Lack muss noch mal gemacht werden, da hat der Vorbesitzer geschlampt. Nur der Motorraum wurde schon neu lackiert. Tatsächlich sieht es hier deutlich besser aus. Auffällig ist, wie viel Platz noch ist im Vergleich zu modernen Fahrzeugen. Keine Klimaanlage, keine Plastik-Abdeckung.

Die Technik des Goldautos, das gerade oben auf seiner Hebebühne thront, sei spannend, erklärt Kammel. So hat der 144er ein Vier-Gang-Getriebe mit Overdrive. Das ist ein früher fünfter Gang, mit dem man sich behalf, bis moderne Fünf-Gang-Getriebe entwickelt wurden. Stabil und zuverlässig. Und der 144er hat keinen Vergaser, sondern eine Einspritzanlage. Sehr fortschrittlich also für damalige Zeiten.

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Warum aber bitte, und die Frage sei gestattet, restauriert Kammel ausgerechnet alte Volvos? Kammel kennt die einschlägigen Frotzeleien und hat eine gute Antwort: „Ich kannte immer nur die eckigen Volvos. Aber irgendwann habe ich gesehen, dass Volvo in den 1960er-Jahren auch schöne runde Autos gebaut hat. Ich wollte etwas, was nicht jeder hat. Und mein Vater ist immer Volvos gefahren.“

Die kleinen Töchter helfen gern mit

Das Benzin im Blut liegt also in der Familie. Ehefrau Sylvia, ebenfalls 41, steht dem Hobby ihres Mannes positiv gegenüber: „Wenn er schlechte Laune hat, schicke ich ihn eine Stunde zum Schrauben, dann ist alles wieder gut“, sagt sie grinsend.

Schrauber unter sich: Daniel Kammel mit seiner Frau Sylvia und den Töchtern Lina und Chiara.
Schrauber unter sich: Daniel Kammel mit seiner Frau Sylvia und den Töchtern Lina und Chiara. | Bild: Tesche, Sabine

Die beiden Töchter Lina und Chiara, beide 7, finden es spannend, wenn der Papa in der Garage verschwindet, und helfen gern mal beim Reifenwechseln oder anderen Dingen, wie sie stolz erklären.

Sie sind natürlich auch mit dabei, wenn die Familie zum historischen Campen aufbricht. Ein historischer Wohnwagen gehört nämlich ebenfalls zum Fuhrpark der Familie. Im Sommer fahren die Kammels gern Richtung Norden. Wenn alles klappt, wollen sie beim großen Volvo-Treffen im August in Göteborg dabei sein.

Plötzlich war der Auspuff weg

Apropos Norden. Nach seinem skurrilsten Erlebnis mit seinen Oldtimern befragt, berichtet Kammel, wie sie einmal in Richtung Polarkreis unterwegs waren. Kurz vor Hamburg überholte man einen Lkw und wunderte sich, warum dessen Auspuff so laut war. Als das Geräusch nicht leiser wurde, zeigte sich, dass der eigene Auspuff verloren gegangen war.

Niemals ohne Elch: Blick in das Cockpit des Volvo 123 GT.
Niemals ohne Elch: Blick in das Cockpit des Volvo 123 GT. | Bild: Tesche, Sabine

Zum Glück konnte der Stamm-Teilehändler in Hamburg den Reisenden einen Ersatz-Schalldämpfer verkaufen. Nach kurzer Reparatur ging es dann weiter Richtung Norden. Ein bisschen Abenteuer gehört eben dazu, aber Kammel stört das nicht.

Nun aber ist genug geredet, Kammel muss los. Der Motor des goldenen 144er brummelt ein bisschen nach dem Start, aber der Klang ist gut. Man hört das Volumen des Hubraums, zwei Liter sind es, für die sich der Volvo schon gern zehn Liter Super Plus auf 100 Kilometer genehmigt. Und dann geht es dezent brummelnd und goldglänzend davon durch den blauen Samstagmorgen.