Dieses Buch, das gleich vorweg, ist zu 99 Prozent für Männer geschrieben, und zwar für jene, die sich mit nostalgischem Anflug an ihre Kindheit in den 60er-, 70er- oder 80er-Jahren erinnern, als sie in einer großen Kiste oder auf einem breiten Regal alle Typen von Automodellen horteten. Im Gegensatz zur heutigen Zeit, in der Individualität der Stromlinie zum Opfer gefallen ist, waren Autos damals noch unterscheidbar und vor allem Material gewordene Emotion und Besitzerstolz – im Großen bei Papa und im Kleinen bei den Buben.

Die Jungen machten früher auf dem Nachhauseweg von der Schule einen Umweg, um beim Spielwarenladen durchs frisch dekorierte Schaufenster zu gucken, weil die neuen Modelle dort bereitstanden: Siku, Wiking, Gama, Schuco oder auch von Faller aus Gütenbach im Schwarzwald. Dort liefen in der guten alten Zeit Modellautos für die elektrische Autostraße vom Band.

Kleinejungenschätze mit Qualität

Diese Kleinejungenschätze kamen nicht aus einer Billigproduktion irgendwo in China, sondern waren fein ziselierte Qualitätsware. Und wenn sie aus dem Ausland stammte, dann von Lesney Products in England, wie auf dem Wagenboden eingeprägt zu lesen war. Die Marke Matchbox wurde sprichwörtlich und zum Synonym des Kinderzimmerautomobils schlechthin. Wiking und selbstverständlich auch Märklin waren dagegen mit den Miniaturstädten der Eisenbahnlandschaften verbunden – und sind es heute noch.

Die Autos hat man früher nicht wie heute in störrisches Plastik eingeschweißt, das nichts als Nachschub für den Gelben Sack liefert, sondern jedes Stück parkte in seiner eigenen kleinen Schachtel, wenn es über die Ladentheke ging. Die Schachtel flog meistens in den Müll. Nicht so beim Sammler und Buchautor Ulrich Biene – und das ist ein Glück. Denn sein Band „Lieblingsautos“ ist gerade deshalb ein gelungener Ausflug in die Kindheit, weil auch das liebevoll bedruckte Verpackungsmaterial von damals als Kulisse dient. Daneben sind Werbeanzeigen eingestreut. So blickt ein Papa neben seinem Bub auf die kleine Tankstelle des Jungen, während im Hintergrund der Ford „Taunus“ für DM 6485 wartet. Überschrift: „Warum tankt er wohl so selten?“

Die Generation Kettcar freut sich

Man kann sich heute mit Blick auf Playstation, Smartphones und Mini-Tablets für Kinder kaum noch vorstellen, wie es war, als man sich über eine bescheidene graue Bodenplatte freute, auf der Zapfsäulen und eine Werkstatt mit Hebebühne verschraubt waren, wo sich ein paar VW-Bullis, Käfer und eine Borgward Isabella zum Volltanken trafen. Die Autoschätze der Buben von damals – wo sind sie hin? Alles wurde irgendwann mal entsorgt und verhökert. Flohmarktware. Nicht so bei Ulrich Biene. Er hat Spielzeuggeschichte archiviert und nimmt die Generation Kettcar mit auf eine Reise in die Vergangenheit. Die alten Buben freuen sich.

Ulrich Biene: Lieblingsautos. Die schönsten Modelle aus der Spielzeugkiste, Verlag Delius Klasing, Bielefeld, 160 Seiten, 322 farbige und 22 Schwarz-Weiß-Fotos, gebunden, 29,89 Euro

Auch das Modell des Mercedes-Benz SL war Wertarbeit. Hersteller Tekno machte nicht nur Türen und Haube, sondern auch die Sitzlehnen beweglich.
Auch das Modell des Mercedes-Benz SL war Wertarbeit. Hersteller Tekno machte nicht nur Türen und Haube, sondern auch die Sitzlehnen beweglich. | Bild: Delius Klasing
Neuheit der späten 50er-Jahre. Hersteller Novapax liefert Borgwards Isabella aus – aus dem Kunststoff Oriol. Mit dem Ende der Borgward-Produktion in Bremen 1961 endete auch der kurze Siegeszug dieser Modelle im Maßstab 1:40.
Neuheit der späten 50er-Jahre. Hersteller Novapax liefert Borgwards Isabella aus – aus dem Kunststoff Oriol. Mit dem Ende der Borgward-Produktion in Bremen 1961 endete auch der kurze Siegeszug dieser Modelle im Maßstab 1:40. | Bild: Delius Klasing
Mit Gummireifen, lenkbarer Vorderachse, Flügeltüren und Batteriemotor fährt 1969 die Mercedes-Vision C 111 von Schuco vor.
Mit Gummireifen, lenkbarer Vorderachse, Flügeltüren und Batteriemotor fährt 1969 die Mercedes-Vision C 111 von Schuco vor. | Bild: Delius Klasing
Die Wiking-Modelle der Berlin-Busse waren ein beliebtes Mitbringsel von einer Reise in die Frontstadt.
Die Wiking-Modelle der Berlin-Busse waren ein beliebtes Mitbringsel von einer Reise in die Frontstadt. | Bild: Delius Klasing