Unter strikter Geheimhaltung hat die umstrittene Scientology-Organisation in Stuttgart in zentraler Lage ihre neue Repräsentanz eröffnet. Die beiden Gebäude an der viel befahrenen Einfallstraße stuft der Verfassungsschutz als „Ideale Org“ ein, wie die Sekte Zentralen mit Ausstrahlung in bedeutenden Städten nennt. Zutritt bei der Feier hatten nur geladene Gäste.

Erst am Abend vor der Eröffnung hat Scientology das Kreuz mit Strahlen als Logo über den Eingang anbringen lassen und sich damit erstmals zum neuen Sitz bekannt. Der Standort ist geschickt gewählt: Nebenan baut gerade der Arbeitgeberverband Südwestmetall seine neue Zentrale mit Kongresszentrum, gegenüber lockt das Einkaufszentrum Milaneo viele Menschen, auch aus dem Stuttgarter Umland, an.

Nutzen und Propaganda

Der wirtschaftsstarke Südwesten spielt in der Strategie der umstrittenen Sekte eine zentrale Rolle. Das Landesamt für Verfassungsschutz (LfV) geht davon aus, dass in Baden-Württemberg 750 bis 800 Mitglieder leben. In ganz Deutschland sollen es 3500 sein. Trotzdem erscheint den Sicherheitsbehörden die sechsstöckige, auf zwei Gebäude verteilte Zentrale mit rund 6000 Quadratmetern Nutzfläche reichlich überdimensioniert.

Nach LfV-Ansicht geht es der Organisation mit der „Idealen Org“ neben dem Nutzen auch um Propaganda: „Scientology will nach innen und außen Präsenz zeigen und Expansion vorspiegeln.“

Dabei stand das Stuttgarter Vorzeigeprojekt unter keinem guten Stern. Die zwei Häuser, die früher diverse Läden für Motorradzubehör beherbergten, wurden bereits vor acht Jahren über einen Strohmann beschafft, der später in Israel wegen schwerer Straftaten zu einer achtjährigen Freiheitsstrafe verurteilt wurde. „Im Grunde ein PR-Desaster“, heißt es im Verfassungsschutzbericht über die öffentliche Wirkung.

Die „Ideale Org“ in Stuttgart mit Schulungsräumen und Verwaltungssitz für die Scientology-Gemeinde ist erst das dritte dieser besonders repräsentativen Zentren in Deutschland. Seit 2007 residiert Scientology in Berlin in einem Bau mit viel Beton und Glas, 2012 folgte Hamburg. Aber nur im Südwesten ist Scientology flächendeckend aktiv. 300 Werbeaktionen wurden 2017 bei den Behörden angemeldet. Am stärksten präsent ist die Sekte im Großraum Stuttgart. Daneben gibt es „Missionen“ in Karlsruhe, Göppingen, Ulm und Kirchheim (Kreis Esslingen).

Eine Million Einnahmen pro Jahr

„Mit der Vermarktung von Publikationen, Seminaren und durch das Eintreiben von Spenden erzielt die Organisation nach wie vor erhebliche Einnahmen“, betonen die Verfassungsschützer. Eine Million im Jahr schätzen sie. Die finanzielle Schlagkraft sei groß.

Trotzdem sinken die Mitgliederzahlen kontinuierlich. Seit Beginn der Beobachtung durch das LfV im Jahr 1997 sei ein Drittel der Basis weggebrochen.

In diesem schwierigen Umfeld hat die neue Repräsentanz strategische Bedeutung für die US-Zentrale, die längst das Sagen bei dem Vorzeigeprojekt hat. 150 Mitarbeiter sollen in der „Ideale Org“ arbeiten. Ein LfV-Sprecher meint dazu: „Dieses Ziel wurde wohl durch Abzug von Personal aus anderen Niederlassungen erreicht.“

Tarnorganisationen und Druck auf Mitglieder: Die Methode Scientology

  • Kauf: 2010 hatte Scientology für acht Millionen Euro die Gebäude für ihre neue Repräsentanz gekauft. Viele Jahre standen die Gebäude leer, ehe im Frühjahr 2017 der Umbau begann. „Der Kaufpreis wurde mit teils rüden Methoden bei den Mitgliedern eingetrieben“, so das Landesamt für Verfassungsschutz.
  • Genehmigung: Die Stadt Stuttgart hatte im Jahr davor die Genehmigung für ein „Bürogebäude mit Schulungs- und Seminarräumen“ erteilt. Der Bebauungsplan lasse auch Anlagen für kirchliche und andere Zwecke zu.
  • Unter Beobachtung: Nach Ansicht der Verfassungsschützer strebt die weltweit tätige Organisation ein „totalitäres System“ an, in dem Grundrechte wie Menschenwürde, Meinungs- und Pressefreiheit sowie das Rechtsstaatsprinzip massiv eingeschränkt oder sogar außer Kraft gesetzt wären. Scientology sei keine Kirche, sondern ein Wirtschaftskonzern, der auf Gewinnstreben ausgerichtet ist.
  • In der Region: Um die verfassungsfeindlichen Ziele zu verbergen, arbeitet Scientology mit Tarnorganisationen. In Freiburg gibt es ein „Zentrum für Lebensfragen“, in Überlingen bietet die Sekte unter dem Namen „Pofoli“ psychologische Hilfe an. (pre)