Tübingen funktioniert. Seit Dienstag lockt in den Altstadtgässchen der schwäbischen Perle ein Schokoladenfestival mit süßen Sünden. Beim „Schreibtreff“ in der Stadtbücherei können sich Interessierte eigene Geschichten vorlesen. Die Stadt ist beliebt bei Studenten, gilt als Vorreiter beim Klimaschutz, samstags fahren Busse kostenlos. Da kann Berlin nicht mithalten, meint Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne). „Wenn ich dort ankomme, denke ich immer: „Vorsicht, Sie verlassen den funktionierenden Teil Deutschlands“, sagte er den Zeitungen der Funke-Mediengruppe.

Für Boris Palmer funktionstüchtig: Die Stadt Tübingen mit ihrer historischen Altstadt. Im Hintergrund ist das Rathaus der Stadt zu sehen.
Für Boris Palmer funktionstüchtig: Die Stadt Tübingen mit ihrer historischen Altstadt. Im Hintergrund ist das Rathaus der Stadt zu sehen. | Bild: dpa

In der Hauptstadt klappe einfach gar nichts, will Palmer festgestellt haben. „Ich komme mit dieser Mischung aus Kriminalität, Drogenhandel und bitterer Armut auf der Straße als spießbürgerliche baden-württembergische Grünen-Pflanze schlicht nicht klar. Ich will diese Verhältnisse in Tübingen nicht.“

Bewunderung und Kopfschütteln

Mit „diesen Verhältnissen“ schlagen sich in Berlin immerhin 3,7 Millionen Bewohner herum. Jährlich kommen 40 000 hinzu, was der halben Stadt Tübingen entspricht. Dabei darf als gesichert gelten, dass die allermeisten freiwillig in die Hauptstadt kommen, auch aus dem Schwäbischen. Die einzigartige Kulturlandschaft, die Clubszene, die Möglichkeit zur persönlichen Entfaltung, gute Jobs oder einfach ein besonderes Lebensgefühl gehören zu ihren Argumenten.

Laut Palmer nicht funktionstüchtig: Die Stadt Berlin, in der Einwohner gerne mal Möbel zur Entsorgung auf die Straße stellen, wie etwa in Berlin-Neukölln.
Laut Palmer nicht funktionstüchtig: Die Stadt Berlin, in der Einwohner gerne mal Möbel zur Entsorgung auf die Straße stellen, wie etwa in Berlin-Neukölln. | Bild: dpa

Gleichzeitig ist das „Berlin-Bashing“, bei dem Palmer mitmacht, in Mode. Vielleicht auch ein bisschen zu Recht? Vielerorts in Deutschland schauen Menschen mit einer Mischung aus Bewunderung und Kopfschütteln nach Berlin – auf die Stadt also, die sie mit ihrem Steuergeld über den Länderfinanzausgleich oder Bundesmittel mitfinanzieren. Denn aus der rot-rot-grün regierten Metropole hören sie allerlei Merkwürdigkeiten, die auch viele Berliner schwer nerven.

Berlins Problemzonen

Einen Termin beim Bürgeramt zu bekommen, um einen neuen Ausweis zu beantragen, kann Wochen dauern. Das gilt auch für die Bestellung des Aufgebots beim Standesamt oder für Sterbeurkunden. Bezahlbare Wohnungen sind knapp, Kita-Plätze oder Lehrer auch. Weil jahrzehntelang gespart wurde, sind Schulen marode. Clans treiben in manchen Stadtteilen ihr kriminelles Unwesen, in Kreuzberg verticken Drogenhändler weitgehend unbehelligt ihre Ware. In Neukölln werden alte Sofas oder Matratzen einfach auf dem Bürgersteig entsorgt.

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Die von Rot-Rot-Grün deklarierte „ökologische Verkehrswende“ hatten sich viele auch anders vorgestellt. Weil Wagen und Fahrer fehlen, schaffen es die Verkehrsbetriebe auf vielen U-Bahn-Linien nicht mehr, einen berechenbaren, zuverlässigen Betrieb zu organisieren.

Wie ein Entwicklungsland in Afrika

Die „FAZ“ befand vor einiger Zeit, die Politik in Berlin werde der Missstände nicht Herr. Dort herrsche „organisierte Unzuständigkeit“. Ein Korrespondent der „Neuen Zürcher Zeitung“ verglich die Stadt mit einem Entwicklungsland „in Afrika“. Nun zu behaupten, Berlin funktioniere gar nicht, wäre aber alles andere als fair. Irgendwie ruckelt sich in der Hauptstadt immer alles zurecht. Mal abgesehen vielleicht vom immer noch nicht fertigen Pannenflughafen BER als Dauerärgernis. Der Senat hat viele Probleme erkannt. 2019, 2020 oder 2021 soll vieles besser werden, heißt es aus dem Roten Rathaus.

Und überhaupt die Schwaben. Auf die sind manche in Berlin ohnehin nicht gut zu sprechen. Im Prenzlauer Berg stammt gefühlt jedes zweite Helikopter-Elternpaar aus dem Südwesten. Was zu Problemen führt. Auf eines wies der SPD-Politiker Wolfgang Thierse schon 2012 hin, als er sich darüber beklagte, dass sein Bäcker um die Ecke Wecken anbietet statt Schrippen, wie die Brötchen in Berlin eigentlich heißen. „Ich wünsche mir, dass die Schwaben begreifen, dass sie jetzt in Berlin sind und nicht mehr in ihrer Kleinstadt mit Kehrwoche“, grummelte er.

Die Reaktion aus Berlin kommt prompt

Die Berlin-Schelte von Boris Palmer provoziert wiederum Schelte aus der Hauptstadt:

  • Gescheiterter Staat: Seine Schimpftirade ergänzte Palmer auf Facebook: „BER. S-Bahn. Öffentliche Schulen. Sicherheit auf Plätzen. Völlig überlastete Ämter und zig Milliarden Schulden.“ Berlin sei ein gescheiterter Staat, der seine Funktionen nicht mehr erfüllt.
  • Reaktion aus Berlin: Die Reaktionen folgten prompt. Palmers Parteikollegin, die Berliner Wirtschaftssenatorin Ramona Pop, twitterte: „Lieber #BorisPalmer, niemand zwingt dich, nach #Berlin zu kommen. Wenn Du Metropole, Vielfalt, Tempo und Lebenslust nicht erträgst, kannst du woanders die Kehrwoche zelebrieren und Dich als Hilfssheriff blamieren.“
  • Antwort vom Bürgermeister: Berlins Regierendem Bürgermeister Michael Müller (SPD) zufolge gibt es in der „Fast-Vier-Millionen-Stadt“ Berlin besondere Probleme, Anforderungen und Dynamiken. „Die sind nun in der dörflichen Struktur, in der Herr Palmer arbeitet, so nicht zu finden.“
  • Zuspruch von der Hauptstadt-CDU: Die Berliner Union griff die Kritik dankbar auf: „Es sollte die Grünen nachdenklich stimmen, dass der Rest der Republik die politische Wurstigkeit des Senats regelmäßig lautstark beklagt“, so der Generalsekretär des CDU-Landesverbands Berlin, Stefan Evers. (dpa)