Der Montagabend sollte eigentlich eine Zäsur in Frankreich setzen, um die aufgebrachte Stimmung im Land nach Monaten der teils gewaltsamen Proteste der „Gelbwesten“ wieder zu beruhigen. Mit seiner Ansprache wollte Präsident Emmanuel Macron einen konstruktiven Weg in die Zukunft weisen und die soziale Krise hinter sich lassen, die alle Reformvorhaben blockierte. Vielleicht brachte der Montagabend in der Tat eine Zäsur, womöglich sogar eine positive trotz der dramatischen Ereignisse – aber ganz anders als gedacht. Macron musste seine geplante Fernsehansprache absagen, weil die Kathedrale Notre-Dame brannte.

Ohnehin ist zu bezweifeln, ob diese wirklich den Volkszorn entscheidend besänftigt und die verlorene Einheit eines zerrissenen Landes wiederhergestellt hätte. Kann das nun infolge des erschütternden Dramas gelingen?

So schmerzhaft die großen Zerstörungen der einzigartigen Kathedrale sind und so mühsam und kostspielig ihr Wiederaufbau wird – die Katastrophe ließ Frankreich innehalten und brachte die Menschen dazu, sich mehr, als auf das Trennende, auf das zu besinnen, was sie eint: eine gemeinsame Kultur und eine geteilte Geschichte.