Noch Stunden später flattern die rot-weißen Absperrbänder der Polizei. Mehrere Gleise sind großräumig abgesperrt, damit Experten die Spuren sichern können. Mitten im Frankfurter Hauptbahnhof ist es ungewöhnlich ruhig, die Stimmung wirkt gespenstisch. Am Montagvormittag, kurz vor 10 Uhr, spielten sich an Gleis 7 grauenhafte Szenen ab. Eine Mutter stand mit ihrem acht Jahre alten Sohn am Bahnsteig, als die beiden plötzlich vor einen einfahrenden ICE gestoßen wurden.

Der ICE im Frankfurter Hauptbahnhof vor den der Junge bei der Einfahrt des Zuges ins Gleisbett gestoßen wurde.
Der ICE im Frankfurter Hauptbahnhof vor den der Junge bei der Einfahrt des Zuges ins Gleisbett gestoßen wurde. | Bild: Frank Rumpenhorst, AFP

Mutter gelingt es noch, zur Seite zu rollen

„Das Kind wurde vom Zug überrollt und tödlich verletzt, es starb noch im Gleisbett“, sagt Polizeisprecher Thomas Hollerbach. „Der 40-jährigen Mutter ist es noch gelungen, sich zur Seite zu rollen und zu retten.“ Der mutmaßliche Täter, der aus Eritrea stammen soll, konnte zunächst entkommen. Er wurde aber von Passanten verfolgt; die Polizei konnte ihn schließlich außerhalb des Bahnhofs festnehmen.

Innenminister bricht Urlaub ab

Nach der Tat kündigte Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) an, seinen Urlaub zu unterbrechen, um eine Krisensitzung der Sicherheitsbehörden zu leiten.

„Jetzt Angst zu haben oder sich unsicher zu fühlen, wenn ich am Gleis stehe, ist völlig normal.“Christian Lüdke, Angstforscher und Kriminalpsychologe
„Jetzt Angst zu haben oder sich unsicher zu fühlen, wenn ich am Gleis stehe, ist völlig normal.“Christian Lüdke, Angstforscher und Kriminalpsychologe | Bild: Jens Ressing

Was verleitet jemanden zu so einer solchen Attacke? „Es gibt keinerlei Anhaltspunkte, dass Täter und Opfer sich kannten“, sagte eine Polizeisprecherin. Was könnte also das Motiv sein? Anruf bei Christian Lüdke, Kriminalexperte und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut aus Essen: Man könne natürlich nur spekulieren, aber oft entwickelten sich solche Taten aus Frust, Wut, Angst oder dem Gefühl, alles verloren zu haben, sagt er. „Das führt zu einem Ohnmachtsgefühl. Durch die Gewaltausübung verwandelt sich diese Ohnmacht in ein Gefühl der Allmacht.“

Niemand wird über Nacht zum Mörder

Im Bruchteil einer Sekunde könne die Stimmung kippen und so eine Attacke auslösen, sagt Lüdke. „Der Affekt ist die Mutter aller Gewalttaten, sagt man in der Kriminalpsychologie.“ Vielleicht sei der Tatverdächtige nicht einmal mit dem Plan zum Bahnhof gegangen, jemanden zu töten. Aber der Psychologe sagt auch: „Niemand wird über Nacht zum Mörder. Das ist immer der Abschluss einer langen gestörten Entwicklung.“

Eine Tat, die fassungslos macht: Ein Polizist legt am Tatort Blumen nieder.
Eine Tat, die fassungslos macht: Ein Polizist legt am Tatort Blumen nieder. | Bild: Frank Rumpenhorst, dpa

Eine Patentlösung für mehr Sicherheit an deutschen Bahnsteigen sieht Thomas Kraft vom Fahrgastverband Pro Bahn Hessen nicht. „Ich weiß keinen Rat. Man kann so etwas nicht hundertprozentig verhindern“, sagt er. An größeren Bahnhöfen wie dem Frankfurter Hauptbahnhof gebe es sogar noch vergleichsweise viel Aufsichtspersonal. An kleinen Bahnhöfen oder Haltepunkten könne letztlich auch jemand aus einer Hecke hervorspringen und Reisende auf die Gleise stoßen.

Bahnsteig-Zugang kontrollieren?

Auch Konzepte wie etwa für größere Bahnhöfe in England oder Frankreich, wo Bahnreisende oft nur mit einem Ticket oder erst nach Einfahren des Zugs auf den Bahnsteig gelangen, bringen Kraft zufolge keine völlige Sicherheit. Potenzielle Täter kämen dort eben mit einem Kurzstrecken-Ticket für wenig Geld auf den Bahnsteig. Bei kurzen Zug-Aufenthalten sei es zudem zeitlich kaum machbar, die Reisenden erst nach Einfahren des Zugs an die Gleise zu lassen. „Eine Lösung des Problems ist auf jeden Fall nicht kurzfristig zu finden.“

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Müssen wir uns an Bahnsteigen jetzt fürchten?

Müssen wir uns jetzt also fürchten an Bahnsteigen? „Jetzt Angst zu haben oder sich unsicher zu fühlen, wenn ich am Gleis stehe, ist völlig normal“, sagt Angstforscher Lüdke. „In der Psychologie sagt man, die Summe aller Ängste bleibt immer gleich bei uns Menschen.“ Was das bedeute? Es gebe immer ein konstantes Angstniveau. Was sich ändere sei dagegen die Richtung oder die Objekte. „Mal haben wir Angst vor Jobverlust, mal vor Terroranschlägen oder mal davor, dass der Partner sich trennt.“

Irgendwann denkt man nicht mehr daran

Wenn nun durch die beiden aktuellen Ereignisse unsere Aufmerksamkeit auf die Gefahr an Bahnsteige gelenkt werde, sei das nicht ungewöhnlich. „Dann sind wir vielleicht eine Weile in einer Schonhaltung und besonders aufmerksam, wenn wir am Gleis stehen. Aber irgendwann denken wir nicht mehr daran und das ist auch gut so.“

Plötzliche Attacke auf dem Bahnsteig

Derartige Fälle wie am gestrigen Montag in Frankfurt am Main kommen zwar selten vor, sind aber keine Einzelfälle:

  • Voerde, 20. Juli 2019: In der niederrheinischen Stadt stößt ein 28-jähriger Mann eine 34-jährige Frau vor eine einfahrende Regionalbahn. Sie stirbt an ihren Verletzungen. Das Motiv des Mannes ist unklar. Er war wegen Körperverletzungen polizeibekannt.
  • München, 26. April 2017: Ein 59-jähriger Mann wartet an einem U-Bahnhof, als ihn eine 38-jährige Frau vor die einfahrende Bahn stößt. Der Zug bremst und kommt etwa zehn Meter vor dem Mann im Gleisbett zum Stehen. Die Frau leidet unter paranoider Schizophrenie. Ein Gericht ordnet die Unterbringung in der Psychiatrie an.
  • Berlin, 19. Januar 2016: Eine Frau wird auf einem U-Bahnhof von einem psychisch kranken 29-Jährigen vor eine Bahn gestoßen und stirbt. Der Täter muss dauerhaft in die Psychiatrie.
  • Stuttgart, 24. Dezember 1998: Ein Unbekannter stößt eine 20-Jährige vor die S-Bahn. Sie wird überrollt und stirbt noch vor Ort. Ein Jahr später stellt sich ein Mann der Polizei. Ein Gutachten ergibt, dass er an einer schizophrenen Psychose leidet. Auch er muss dauerhaft in die Psychiatrie. (dpa)