Wie nach einem Albtraum wachten die Menschen in Paris am Morgen auf; wenn sie überhaupt geschlafen hatten. Wie nach einem bis dahin eigentlich unvorstellbaren Albtraum, der doch wahr geworden war, in dem die Kathe­drale Notre-Dame brannte, eingehüllt in eine gewaltige Rauchwolke – eines der prachtvollsten Wahrzeichen von Paris, das so selbstverständlich zum Stadtbild gehört wie der Eiffelturm oder die Basilika Sacré-Cœur.

Wo bisher der 96 Meter hohe Spitzturm stolz in die Luft ragte, verblieb nur noch ein Gerüst-Gerippe. Doch die beiden Zwillingstürme hatten standgehalten, die Grundsubstanz schien ebenfalls gerettet. Am Morgen danach waren zumindest die Flammen gelöscht.

Staatsanwaltschaft geht von Unfall aus

„Fluctuat nec mergitur“ – „Sie wankt, aber sie fällt nicht“: Das Stadtmotto von Paris in lateinischer Sprache, das im 16. Jahrhundert auf Geldmarken der Stadt auftauchte, ab 1853 offiziell als Ausdruck für ihre bewegte Geschichte verwendet wurde und nach den Terroranschlägen im November 2015 ihre Widerstandsfähigkeit betonte, scheint auch auf die Kathedrale zuzutreffen. Es prangt auf den Helmen der Feuerwehrmänner, von denen mehr als 400 neun Stunden lang um die Rettung des Sakralbaus gekämpft haben. „Notre Drame“, „Unser Drama“, titelte eine Zeitung gestern. „Notre-Dame des Larmes“, „Notre-Dame der Tränen“ eine andere.

Dieses von der Pariser Feuerwehr zur Verfügung gestellte Foto zeigt einen Mitarbeiter der Feuerwehr bei den Löscharbeiten am 15.04. im Inneren der Kathedrale Notre-Dame.
Dieses von der Pariser Feuerwehr zur Verfügung gestellte Foto zeigt einen Mitarbeiter der Feuerwehr bei den Löscharbeiten am 15.04. im Inneren der Kathedrale Notre-Dame. | Bild: Benoit Moser (Paris Fire Brigade/AP/dpa)

Die Staatsanwaltschaft von Paris, die eine Untersuchung einleitete, geht von einem durch aktuelle Renovierungsarbeiten ausgelösten Unfall aus. „Nichts weist auf einen mutwilligen Akt hin“, sagte Staatsanwalt Rémy Heitz. Im Juli 2018 hatte eine umfangreiche Restauration des Spitzturms und des Dachs begonnen, deren aktuelle Bauphase 150 Millionen Euro kosten sollte.

Wiederaufbau wird Jahrzehnte dauern

Kurz vor sieben Uhr abends, als die 40 Arbeiter längst die Baustelle verlassen hatten, trafen die Feuerleute nach einem Alarm ein, um möglichst viel vom Inneren wie vom Äußeren des Bauwerks zu retten. Dabei brachten sie viele historische Schätze in Sicherheit, die zu den bedeutendsten Reliquien der katholischen Kirche gehören, wie die Dornenkrone, die Jesus Christus bei seiner Kreuzigung getragen haben soll, und die Tunika von König Ludwig XIV.

Völlig zerstört ist hingegen das riesige Balkenwerk aus Eiche, dessen Elemente teils aus dem achten Jahrhundert stammten. Das gesamte Ausmaß der Schäden kann wohl erst in den kommenden Wochen ermittelt werden. „Die Hauptstruktur ist gerettet, aber die Lage bleibt instabil“, sagte der französische Kulturminister Franck Riester. „Zwei Drittel des Dachs sind verbrannt, der Spitzturm stürzte ins Innere, was ein Loch im Kreuzgewölbe gerissen hat.“ Die Vierung, wo das Haupt- und das Querschiff der Kirche zusammentreffen, sei teilweise zusammengebrochen, ebenso wie das nördliche Querschiff.

Aus den Flammen geborgen: Die Dornenkrone die Jesus Christus der Überlieferung zufolge trug. | Bild: REMY DE LA MAUVINIERE (dpa)

Der Wiederaufbau des mehr als 850 Jahre alten Gebäudes wird Jahrzehnte dauern und viel Geld verschlingen. Noch in der Nacht wurden mehrere Spendenaktionen lanciert, bis gestern Nachmittag waren bereits mehr als 600 Millionen Euro zusammengekommen. So versprach der Milliardär François-Henri Pinault, Chef des Luxusmodekonzerns Kering, 100 Millionen Euro, woraufhin sein ewiger Rivale Bernard Arnault, Chef des Luxuskonzerns LVMH (Louis Vuitton Moët Hennessy), die Gabe von 200 Millionen Euro ankündigte, ebenso viel wie L‘Oréal (siehe Politik, Seite 5).

Kathedrale zählte jährlich 13 Millionen Besucher

Die zwischen dem zwölften und dem 14. Jahrhundert errichtete Kathedrale, die Victor Hugo in seinem Jahrhundert­roman „Der Glöckner von Notre-Dame“ verewigt hat, gehört zum nationalen Kulturgut Frankreichs: Nach dem Ende des 100-jährigen Krieges 1430 wurde hier der neunjährige Henri VI., König von England, zum französischen König gesalbt und Napoleon setzte sich hier 1804 in Anwesenheit von Papst Pius VII. selbst die Kaiserkrone aufs Haupt.

Ein Feuer verwüstete am Montag die Pariser Kathedrale Notre-Dame.
Die Pariser Kathedrale Notre-Dame nach dem Brand. | Bild: Thibault Camus (AP/dpa)

In Anspielung an diese bewegte Geschichte der Kathedrale, die jährlich 13 Millionen Besucher zählt, versprach Präsident Emmanuel Macron noch in der Nacht, sie gemeinsam wieder aufzubauen. Er lud „Talente aus aller Welt“ ein, sich daran zu beteiligen: „Das ist zweifellos ein Teil des französischen Schicksals und ein Projekt, das wir in den nächsten Jahren haben werden.“

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Die Ausstrahlung von Macrons Fernsehansprache zu den Forderungen der Protestbewegung der „Gelbwesten“ am Abend war verschoben worden. Für einen kurzen Moment hielten auch seine schärfsten Kritiker inne – zumindest, bis sie den real gewordenen Albtraum realisiert haben.

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