Spiel mir das Lied vom Tod

Welcher Mann lässt diese Frau kaltschnäuzig stehen und zieht stattdessen in die Wüste? Claudia Cardinale in Sergio Leones Film "Spiel mir das Lied vom Tod".
Welcher Mann lässt diese Frau kaltschnäuzig stehen und zieht stattdessen in die Wüste? Claudia Cardinale in Sergio Leones Film "Spiel mir das Lied vom Tod". | Bild: Imago

Draußen Hitze, Staub, gleißendes Licht. Drinnen im Haus ist es kühl, sicher und behaglich. Claudia Cardinale schmachtet ihn an, wie noch nie eine Frau einen Mann angeschmachtet hat. Du kannst bleiben, sagen ihre Augen. Bleib doch. Bleib! Charles Bronson steht schon in der Tür und schaut nach draußen, wo Arbeiter in Hitze und Staub eine neue Stadt bauen. „Das wird mal eine schöne Stadt, Sweetwater“, sagt der Revolvermann.

„Sweetwater wartet auf Dich“, lockt die schöne Witwe McBain.

„Irgendeiner wartet immer“, erwidert er. Und geht. Ohne sich noch einmal umzusehen.

Jeder Mann, der die Abschiedsszene in Sergio Leones epochalem Western „Spiel mir das Lied vom Tod“ (1968) sieht, fragt sich: Wie kann dieser Kerl bloß so blöd sein? Wie kann er sich diesem sehnenden Blick Claudia Cardinales entziehen, wie den Verlockungen einer so bequemen Heimstatt anstelle der Rauheit und Gefahr des wüsten Landes?

Sweetwater wird mal eine schöne Stadt. Doch haben Männer wie er in schönen Städten nichts verloren. Wenn die Zivilisation nachrückt, suchen sie das Weite. Sie sind das Alte, Archaische, unmöglich zu domestizieren. Eine Heimstatt ist ihnen nicht vergönnt. Die Eisenbahn kommt. Hoffnungsvolle Menschen springen von den Waggons, laden Holz ab, hämmern und sägen, bauen sich eine Zukunft. Derweil schaut der Westernheld, dass er schnell fortkommt. Das ist Sergio Leones Botschaft.

„Das wird mal eine schöne Stadt, Sweetwater.“ Für einen Revolvermann liegt viel Sehnsucht in diesem schlichten Satz.

Le Train

Der Triumph der Todgeweihten: Jean-Louis Trintignant und Romy Schneider in der Schlußszene des Films "Le Train" von Pierre Granier-Deferre.
Der Triumph der Todgeweihten: Jean-Louis Trintignant und Romy Schneider in der Schlußszene des Films "Le Train" von Pierre Granier-Deferre. | Bild: imago stock&people

Er könnte gehen. Er müsste gehen. Schließlich ist er Familienvater, eine Frau und zwei Kinder warten auf ihn. Sie brauchen ihn in dieser wirklich schlimmen Zeit. Eine Stadt in der französischen Provinz während der deutschen Besatzung. In der Nacht hat die Gestapo Julien holen lassen. Ein höflicher und scheinbar verständnisvoller Kommissar fragt, ob er Anna Kupfer kenne. Nein, antwortet Julien, nie gehört und nie gesehen. Dann sei ja alles geklärt, sagt der Kommissar. Eine reine Formalität. Er könne gehen.

Er ist schon bei der Tür. Er müsste gehen. Auch Anna Kupfer würde das verstehen. Wenn er zugibt, dass er sie kennt, wenn herauskommt, dass er ihr bei der Flucht geholfen hat, dann hat er sein Leben verwirkt. Er kann sowieso nichts für sie tun. Anna Kupfer, Jüdin und Widerstandskämpferin, ist so gut wie tot. Sie sitzt mit im Verhörzimmer. Als der Kommissar in der Akte blättert, schauen sich die beiden kurz an. Kurz und streng. Sag nichts. Wir kennen uns nicht!

Er ist schon bei der Tür. Doch er geht nicht. Stattdessen tut er etwas Unfassbares. Er kommt zurück zu Anna und streichelt sanft ihre Wange. Sie schaut zu ihm hoch – ja wie? Erlöst ist vielleicht das richtige Wort. Ein Bild dieses Gesichts, Romy Schneiders Gesicht, gehört als Ikone der Menschheit eigentlich in jeden Haushalt. Anna und Julien haben sich vor Jahren in einem Zug kennengelernt, in einem Waggon voller Flüchtlinge. Eine unmögliche Liebe. Und nun dieser Abschied in Folter und Tod.

So endet der Film „Le Train““ (deutscher Zusatz: „Nur ein Hauch von Glück“) aus dem Jahr 1973. Ganz anders übrigens als die Romanvorlage von Georges Simenon. Julien bekennt sich. Anna lehnt sich an ihn an. Liebe und Schmerz, Glück und Verzweiflung, der Triumph der Todgeweihten. Die Zuschauer, atemlos, können es nicht fassen.

Was vom Tage übrig blieb

Zu spät – aus dieser Liebe wird erkennbar nichts mehr. Anthony Hopkins und Emma Thompson in James Ivorys "Was vom Tage übrig blieb".
Zu spät – aus dieser Liebe wird erkennbar nichts mehr. Anthony Hopkins und Emma Thompson in James Ivorys "Was vom Tage übrig blieb". | Bild: Cover Images

Gelegentlich stehen wir dem Glück penetrant im Weg. Besonders formvollendet und dienstbeflissen tut dies Butler James Stevens im Film „Was vom Tage übrig blieb“ (1993). Stevens kennt und will nichts anderes als bedingungslosen Einsatz für Ihre Lordschaft und Darlington Hall. Man muss nicht Sigmund Freud sein, um zu sehen, dass sich hier ein armer Mensch hinter seinen Pflichten verschanzt und tadellos einigelt. Chancenlos rennt Miss Kenton, die Hausdame, gegen diesen Panzer an, schließlich heiratet sie unglücklich einen anderen.

Viele Jahre vergehen, bis Stevens erkennt, dass er einen großen Fehler gemacht hat. Er reißt sich von Darlington Hall los und fährt quer durch England zu Miss Kenton, deren Ehe mittlerweile zerrüttet ist. Lässt sich das Rad zurückdrehen? Ist es noch nicht zu spät? Doch, es ist zu spät. Als auf dem Pier die Lichter angehen, wird Stevens bitter bewusst, was von seinem Tage übrig bleiben wird. Anthony Hopkins' Gesicht spiegelt Verlorenheit und Verzweiflung.

Es regnet in Strömen, als Stevens und Miss Kenton Abschied nehmen für immer. Sie steigt in den Bus. Ein letzter Händedruck, die allerletzte Chance. Der Bus rollt an. Jammer in beider Augen. Die Finger lösen sich. Aus, Ende, Nacht.