Wer sich umweltfreundlich und ohne stinkenden Verbrennungsmotor fortbewegt, hat in weiten Kreisen dennoch ein schlechtes Image. Elektromobilität klingt nach Spaßbremse und nach schleichender Fortbewegung. Das Fahrzeug hängt am Kabel wie ein alberner Toaster, oder? Wer so denkt, hat sich noch nie mit Timo Schneeweis unterhalten. Der Mann macht sich seit fünf Jahren einen schweren Kopf um die Frage, ob und wie man in Zeiten der Klimakrise überhaupt noch Auto fahren kann. Darauf hat er bisher fünf Antworten gefunden, und alle fünf sind optimistisch und praktikabel. Alle fünf sind Autos und fahren mit Strom.

Ein kleiner Renault

Schneeweis, 44, und seine Familie wollen umweltfreundlich leben. Dieses ehrgeizige Ziel setzen sie erst einmal an der Fortbewegung an. Das erste E-Fahrzeug war ein Renault Twizy – ein Klein- und Leichtfahrzeug, das im Leerzustand gerade 487 Kilogramm auf die Waage bringt. Im Prinzip ist der Twizy ein überdachtes Motorrad mit kleinem Motor und einer gewissen Ähnlichkeit zum legendären Messerschmitt-Kabinenroller, der nach dem 2. Weltkrieg gebaut wurde.

Witzig und zweisitzig: Der Renault Twizy zählte zu den ersten Elektroautos, die Timo Schneeweis testete.
Witzig und zweisitzig: Der Renault Twizy zählte zu den ersten Elektroautos, die Timo Schneeweis testete. | Bild: Fricker, Ulrich

Da braucht man Geduld

Der Geschäftsmann nutzte den Zweisitzer für das Pendeln von Oberschwaben ins Konstanzer Büro. Mit einer Reichweite von 45 Kilometer schaffte er gerade die Hinfahrt. Dabei erlebte er als Fahrer sämtliche Schwächen der E-Mobilität: Gute Beweglichkeit, aber kaum Radius. Und er entdeckte, dass der flotte Straßenfloh für Städte angelegt ist, für urbanes und überschaubares Hoppeln. Im Überland-Modus war das zierliche Gerät bald am Ende. Schlag 55.000 Kilometer auf dem Tacho machte der Renault schlapp. Jetzt sind Motor und Getriebe fällig.

Schneeweis ließ sich von den ersten, gemischten Erfahrungen nicht abschrecken. Zum großen Sprung setzten er und seine Familie mit einem VW Bus T5 an. Damit wollten die Sechs beweisen, dass eine große Familie mit Sonne und Wind nach Italien fahren kann, um dort Sonne und Wind zu genießen. Den VW Bus erwarb er gebraucht, ausgerüstet war das Kultauto mit einem Dieselmotor (2.5 tdi) – ein Aggregat, nach dem sich andere die Finger schlecken. Nicht aber Timo Schneeweis. Er rüstete den Kleinbus mit einem Elektromotor um. Drei Alukästen mit den Batterien wurden unter den Boden montiert, was den VW noch schwerer machte – und leiser.

Anspruchvoller Umbau

Den Umbau ließ er sich einiges kosten. 45.000 Euro kamen zusammen, um das gebrauchte Fahrzeug von Fossil auf Strom umzupolen.

Das rote Kabel verrät den E-Bus (von links): Campingplatzbetreiber Pietro (weißes T-Shirt) freut sich über die deutsche Familie an der Ladestation. Neben ihm stehen (von links) Marie, Phil und Vater Timo Schneeweis. Im Fenster sitzt Carla Schneeweis. Bild: privat
Das rote Kabel verrät den E-Bus (von links): Campingplatzbetreiber Pietro (weißes T-Shirt) freut sich über die deutsche Familie an der Ladestation. Neben ihm stehen (von links) Marie, Phil und Vater Timo Schneeweis. Im Fenster sitzt Carla Schneeweis. | Bild: Fricker, Ulrich

Mit diesem Volkswagen-Klassiker fuhr das Ehepaar mit seinen vier Kindern mehrfach in den Urlaub. Immer Italien. Denn Flugreisen scheiden aus, da der CO2-Ausstoß zu hoch wäre und die Klimabilanz nach unten drücken würde. Denn darum geht es immer, nicht nur beim Fahren: um die Klimabilanz. Je weniger Kohlendioxid, desto besser. Das ganze Leben lässt sich danach berechnen und bilanzieren.

Nach Italien

Also Italien mit dem strombetriebenen VW-Bus. Comer See, Lago Maggiore, Sardinien. „Die Kinder kennen es gar nicht anders“, berichtet der Vater. Sie sind es gewohnt, dass Park- und Rastplätze immer nach der Frage ausgesucht werden: Gibt es dort eine Steckdose? Wer E-Autos fährt, entdeckt alte Fähigkeiten des Menschen wieder. Zum Beispiel die Spürnase der Jäger und Sammler, der unscheinbare Hinweise in Großstädten liest wie ein Trapper: Kann man vor diesem Café Strom tanken? Wer entdeckt an diesem Platz eine Steckdose? „Wir nutzen jede Gelegenheit zum Aufladen“, berichtet der 44-Jährige.

Auch der Mietwagen fährt mit Strom statt Benzin: Timo Schneeweis mit einem Renault Zoe. Bild: Uli Fricker
Auch der Mietwagen fährt mit Strom statt Benzin: Timo Schneeweis mit einem Renault Zoe. | Bild: Fricker, Ulrich

Bella Italien ist das Paradies der Verbrennungsmotoren. Das elektrische Fahren genießt dort noch den Status des Exotischen. Das Stromnetz ist für den Bedarf großer Batterien nicht ausgerüstet, berichtet Schneeweis. „Das Aufladen geht ewig“, berichtet er schmunzelnd. Im Ferrari-Land sind Autos mit langen Kabeln suspekt.

Kamele in den Alpen

Er kommt sich mit seinem E-Bus manches Mal wie ein Kamelbesitzer in den Alpen vor. Richtiger Antrieb, aber falscher Ort. Die Familie amüsiert sich über das Abenteuer. Die Campingleute kommen und stehen um das Auto herum und betrachten das lange Kabel. Gespräche entwickeln sich.

Gut aufgehoben fühlt er sich dagegen in Vorarlberg. „Die sind sehr weit mit E-Mobilität“, fällt ihm auf.

Strom ist nicht gleich Strom, berichtet der VW-Fahrer. Auf der Fähre von Genua nach Olbia wurde der Kleinbus nicht ans Kabel gehängt. „Der Strom auf der Fähre war mir doch zu dreckig“, sagt Schneeweis. Die Großschiffe erzeugen ihre Energie selber und verbrennen Schweröl. Berüchtigte CO2-Schleudern. Also verzichtete die Familie dankend auf diese Energiespende.

Verzichten? Auch nicht

Wieso das alles? Schneeweis wirft den Begriff Klimabudget in die Runde. Demnach darf jeder Mensch eine beistimmte Menge an CO2 produzieren – durch Ernährung, Fortbewegung oder Wohnen. Noch besser wäre ein Mensch, der sich nicht vom Fleck rührt. Einer, der keine unnötigen Reisen angeht. Konsequent wäre ein Verzicht auf Urlaub. Doch so radikal will es die sechsköpfige Familie nicht haben. Sie fliegt nicht und fährt elektrisch in den Urlaub.

Schneeweis kennt die Einwände gegen das Elektro-Zeitalter. Es beginnt mit der Herstellung der Batterien und endet mit deren Entsorgung. Es sind jeweils und für sich gute Argumente. Was ihm nur auffällt: Die wenigsten Gegner haben es bisher probiert (siehe Infobox unten).

Brückentechnologie

Dass sie mithilfe von Strom anstatt fossiler Energie über die Alpen zuckeln, ist für diese Familie kein Lichterlebnis. Sondern das kleinere von zwei Übeln. Das elektrische Fahren nennt Schneeweis eine „Brückentechnologie“. Sie überbrückt die Spanne zwischen dem Erdöl-Zeitalter und einer zukünftigen Technologie. Batterien sind im Moment nötig und nützlich, sagt er. Eines Tages wird etwas Besseres kommen. Da ist er sich sicher.

Mobilität ist das eine, Wohnen und Essen das andere. Seine Frau lebt als Flexiveganerin. Sie ernährt sich vegan und verzichtet deshalb auf Milchprodukte. Ab und zu isst sie Fleisch (deshalb flexi für flexibel). Und die Kinder? Die dürfen bestellen, was sie wollen. Und wenn es ein Schnitzel ist, sagen die Eltern nicht nein.

Ein Hektar für die Bienen

Es bleibt das Wohnen. Auch hier setzt die Familie auf Ökologie. Sie ist bereit, dafür einen hohen Preis zu bezahlen. Das Ehepaar erwarb ein altes Bauernhaus in einem Weiler mit gerade 15 Häusern. Horgenzell heißt er und liegt im Kreis Ravensburg. Weil er später einmal Bienen züchten will, kaufte der Familienvater einen Hektar Land dazu.

Aktuelles Fahrzeug: Mit dem Tesla S geht es derzeit auf Reisen. Bilder (2): privat
Aktuelles Fahrzeug: Mit dem Tesla S geht es derzeit auf Reisen. | Bild: Fricker, Ulrich

Nun schreit das Haus nach gründlicher Renovation. Die Familie will Beton vermeiden und sieht sich schon einmal nach alten Werkstoffen um. Zum Beispiel nach Stroh. Im Moment forscht der Familienvater nach alten Techniken, um das Stroh zu verarbeiten. „Wir brauchen ein Strohbaukompetenzstelle“, sagt er.

Wenn das Stroh kommt

Aus diesem Grund wackelt der Urlaub in diesem Sommer. Er will dabei sein, wenn das Stroh geschnitten und angeliefert wird. Warten auf Baumaterial ersetzt den Urlaub. Für die Umwelt ohnehin die maximale Lösung. Streng ökologisch betrachtet ist jeder Kilometer, der nicht gefahren wird, ein guter Kilometer.

Das E-Mobil im Kreuzfeuer

  • Kosten: „Das Elektroauto ist ein schönes Thema für bessergestellte Leute als Zweit- oder Drittwagen für die Innenstadt,“ sagt Wolf-Henning Schneider, Chef von ZF Friedrichshafen. Andererseits: Wenn die Stückzahl eines Tages steigt, werden diese Fahrzeuge auch billiger. Momentan gelten sie noch als Kleinserie, was sie zwangsläufig teurer macht.
  • Batterien: Sie sind eine Schwachstelle der Stromfahrer. Das Problem dabei ist noch immer die mangelnde Reichweite, die nur stückweise ausgeweitet werden kann. Sie ist auch das teuerste Teil eines E-Autos.
  • Herstellung: Die Produktion der Batterie ist die Achillesferse dieser Fahrzeuge. Die Lithium-Ionen-Akkus stehen stark in der Kritik. Zum Beispiel werden seltene Erden benötigt wie Kobalt und Lithium. Bei der Produktion eines 100-kWh-Akkus entsteht zum Beispiel eine Klimabelastung von 15 bis 20 Tonnen Kohlendioxid. Ein Kleinwagen könnte 200.000 Kilometer weit fahren, um diesen Ausstoß zu erzeugen. Allerdings: 100-kWh-Akkus werden nur in großen E-Autos verbaut (Quelle: Greenpeace).
  • Reichweite: Sie wird häufig gegen das E-Mobil angeführt. Dabei pendelt die Hälfte aller Arbeitnehmer weniger als zehn Kilometer zur Arbeit. Weitere 27 Prozent sind nach maximal 25 Kilometern am Ziel.
  • Reparaturen: Das Instandsetzen dieser Fahrzeuge kann teuer werden, wenn sie einmal kaputt sind. Dabei hat ein E-Auto deutlich weniger Bauteile als ein Fahrzeug mit Verbrennungsmotor. Es benötigt weder eine Kupplung noch Motor- oder Getriebeöl. Auch Verschleißteile wie Zahn- oder Keilriemen fehlen oder Zündkerzen. Die E-Befürworter sagen: Teile, die nicht vorhanden sind, können auch nicht kaputtgehen. (uli)