Schuld sind, natürlich, wieder mal die Skandinavier. Die Trendsetter Europas, diese Hygge-Experten, die immer wissen, was angesagt ist.

Ein kahler Weihnachtsbaum

Jüngst an Weihnachten kam den Nordlichtern möglichst ein dürres, kleines Weihnachtsbäumchen ins Haus. Und das womöglich noch ungeschmückt. Das passe zum aktuellen Trend des Minimalismus, hieß es. Und dass weniger mehr sei.

Landauf, landab hört man, wie toll es doch sei, wenn man sich von überflüssigem Ballast befreit und seine Wohnung und damit gleich seinen Geist aufräumt.

Aufräumen à la Marie Kondo

Auf Netflix lässt die japanische Aufräumfee Marie Kondo Amerikaner den Inhalt ihres gesamten Kleiderschranks ausbreiten. Dann wird aussortiert. Bleiben darf nur das, was einem wirklich wichtig ist. „Die Unordnung im Zimmer entspricht der Unordnung im Herzen“, ist das Motto.

Auch die Buchwelt hat sich auf das Thema geworfen. Schicke Bücher geben Anleitung zum Aufräumen zuhause, etwa „In Ordnung – wie man richtig aufräumt und minimalistisch wohnt“, von Julie Carlson und Margot Guralnick.

Stauboxen, Haken und Gläser

Gearbeitet wird vor allem mit Stauboxen, Haken und Gläsern, sowie ein paar äußerst vernünftigen Grundregeln, wie etwa: Weniger und Besseres kaufen, Überflüssiges verschenken, Routinen nutzen – etwa die Schlüssel immer am gleichen Ort ablegen – , Vorhandenes nutzen.

Natürlich nervt es, wenn im Kleiderschrank immer noch einige Klamotten hängen, die seit Jahren nicht mehr passen. Dazu die ganzen anderen Fundstücke. Taucherbrille, ein angefangener Strickpullover, den man vor zehn Jahren mal begonnen hat, dann aber die Lust an dem verflixt komplizierten Muster verloren hat. Und das Briefpapier aus der Teenie-Zeit. Wer soll darauf, bitteschön, noch Briefe schreiben?

Und erst der Keller!

Vom Keller ganz zu schweigen. Auch wenn es nicht der eigene Beritt ist, nervt es doch kolossal, wenn man, um an die Gemüsekonserven zu kommen, erst mal über acht Kartons und zwei Fahrräder steigen muss. Aber, werte Leserinnen und Leser, das ist alles ganz normal.

Dinosaurier und Verwandtschaft

Der Mensch neigt nun einmal zum Horten, das gibt Sicherheit, falls Dinosaurier oder die Verwandtschaft vor der Tür stehen und die Gewissheit, dass man dieses ganze Gerümpel ganz sicher mal wieder brauchen kann. Außerdem sagt es natürlich auch was aus, ob ich zuhause fünf fett gefüllte Bücherregale stehen habe oder gar keines, ob die Kleidung in einen 1,50-Schrank passt oder das begehbare Ankleidezimmer schon wieder voll ist.

Gestylt, aber leblos

Natürlich ist es sinnvoll, die Dinge, die man besitzt, gut zu pflegen und zu verstauen. Dient ja auch dem eigenen Leben, wenn man sich nicht ständig einen Wolf sucht. Tipps, wie man möglichst plastikfrei wohnt, desgleichen. Und die Umwelt sagt auch danke.

Aber: Die Flure und Küchen in den Ratgeberbüchern sind sauber, gestylt, aber auch ein bisschen leblos. Und das Heilsversprechen, das kommt ein bisschen hoch daher. Ist das denn so einfach: Ordnet sich mein Leben wirklich, wenn ich Küchenschrank und Keller aufräume? Da ist mächtig viel Zen dabei.

Etwas Chaos ist o.k.

Was aber, wenn ich keine Lust auf ein völlig aufgeräumtes Leben habe? Bei mir gibt es ein paar Stapel-Ecken, in denen Papiere sich häufen, und eine Ecke im Zimmer, die meine persönliche Rumpelkammer ist. Der Rest ist o.k. Diese Ecken unterstützen die Entropie des Universums, die uns ja ohnehin umgibt, und das ist ja auch wichtig. Offenbar bin ich ein schwer zu bekehrender Typ.

Harald Welzer, kluger Soziologe und Autor der lesenswerten Kolumne „Welzer wundert sich“ im deutschen „National Geographic“, schreibt ganz ohne fernöstliche Anklänge darüber, warum zu viel Kram, den kein Mensch braucht, nicht glücklich macht und wie wir profitieren, wenn wir nicht jeden Schrott kaufen, der gerade durchs digitale Dorf getrieben wird. Zu viele Dinge vernebeln den Verstand. Einverstanden.

Der Schrank reicht nicht

Der Punkt ist doch: Die Wohnung aufzuräumen ist wunderbar. Aber wenn im Kopf Chaos herrscht, bringt Entrümpeln allein auch nicht weiter. Greg McKeown, Unternehmensberater, öffentlicher Redner und Vordenker aus Großbritannien, erweitert in seinem Buch „Essentialismus. Die konsequente Suche nach weniger“, den Gedanken, dass weniger mehr ist, auf Berufsleben und eigene Ansprüche.

Seine Prinzipien: Entscheiden, was wichtig ist, auch mal Nein sagen, sich konsequenter um das kümmern, was Bedeutung hat, Kompromisse schließen. „Die meisten Dinge sind belanglos“: Bei diesem Satz schaut Diogenes aus seiner Tonne.

Mit einem Klick ist eingekauft

Barbara Immler ist Aufräum-Expertin in Leonberg bei Stuttgart. Auch sie hilft Menschen, die von ihrem Besitz erdrückt werden, allerdings auf schwäbisch-sachliche Weise. „Die Leute verzetteln sich in ihren Dingen“, sagt sie.

Am Überfluss habe das vereinfachte Einkaufen im Internet Mitschuld, ebenso wie die Freizeitbeschäftigung Shopping, nach der man immer mit ein paar Tüten nach Hause kommen müsse. Gefragt, wie sie beim Aufräumen mit ihren Kundinnen vorgeht, sagt sie ganz schlicht: „Von links nach rechts“, und indem man entscheidet, was einem gefällt, was noch passt, was man behalten und was man weggeben will.

Was man gewinnt

Wer aufräume, gewinne viel, schiebt sie noch nach. „Platz, ein befreiendes Gefühl, Struktur, Ordnung, Überblick, Zeit. Wenn ich mich von 50 Prozent meiner Kleidung trenne, habe ich es beim nächsten Mal viel einfacher, wenn ich den Schrank aufmache.“ Und: „Es bringt Ruhe ins Leben und Zeit für anderes, zum Beispiel eine halbe Stunde hinzusitzen und ein Buch zu lesen.“

Womöglich ist also doch was dran an der schwäbisch-japanischen Weisheit. Man könnte ja mal die Stapel-Ecken angehen. Aber meinen Kleiderschrank lasse ich trotzdem so, wie er ist. Vielleicht passen die Klamotten ja irgendwann mal wieder.