Frau Llanos, Süd- und Mittelamerika geben wieder Anlass zur Sorge. In Brasilien kommt der Rechtspopulist Bolsonaro an die Regierung, in Venezuela klebt Maduro an der Macht. Erleben wir einen Rückfall in die Autokratie, den sogenannten Caudillismo?

Nein, diese Frage stellt sich so nicht. Der Caudillismo zeigt sich immer in den großen Persönlichkeiten, seien sie kommunistische Revolutionäre wie Fidel Castro oder rechte Generäle wie Augusto Pinochet in Chile. Diese Caudillos, die Anführer, stellen sich über die Institutionen der Regierung, und sie gab es in Lateinamerika immer schon. Aber Ideologien wechseln. Neu ist das Phänomen von Jair Bolsonaro, der als Rechtspopulist in Brasilien an die Regierung gekommen ist. Man wird sehen, ob die demokratischen Institutionen stark genug sind, um ihn zu bremsen.

Was sind die Wurzeln des Caudillismo?

Sie liegen im 19. Jahrhundert und fallen in die Phase der Loslösung von den Kolonialmächten Spanien und Portugal. In dieser Epoche kam es immer wieder zu blutigen Bürgerkriegen, die die Caudillos dann als Vertreter lokaler und regionaler Herrschaft hervorgebracht haben. Das wiederum vertrug sich nicht mit der Zentralisierung der Macht.

. . . weil man moderne Verfassungen verabschiedet hat . . .

Genau. Die sollten die Macht starker Persönlichkeiten einschränken, wofür die USA Vorbild gewesen sind mit ihrer Gewaltenteilung und dem Zwei-Kammern-System. Dennoch hatten die Präsidenten immer große Machtbefugnisse. Die Caudillo-Figuren wollte man dadurch in Schach halten, dass man die Amtszeit begrenzte. Das misslang, wenn ihre Anhänger in den Parlamenten zahlreich waren. So ist es Männern wie Hugo Chávez in Venezuela, Daniel Ortega in Nicaragua oder Evo Morales in Bolivien gelungen, die Verfassung zu ändern, um an der Macht bleiben zu können. Über das Nein des Volkes zum Verbleib an der Regierung hat sich Morales glatt hinweggesetzt. Das zeigt dann schon, wie verletzbar die Demokratie in Lateinamerika ist.

Aber so einfach kann diese neue Art von Caudillos ihre Sache nicht mehr durchziehen . . .

Ja, denn der Widerstand in den Gesellschaften Venezuelas und Nicaraguas ist stark. Der Einfluss der zivilen Organisationen ist groß, ebenfalls das Gewicht der im Exil organisierten Gruppen.

Wie schätzen sie die Chance ein, dass der neue Übergangspräsident Guaido das Militär, das bisher zu Maduro hält, auf seine Seite ziehen kann?

Das ist eine sehr riskante Sache. Man kann nicht sagen, ob und wann die Truppen, die loyal zu Maduro stehen, ihn verlassen werden. In der Geschichte Lateinamerikas waren diese Übergänge – oder die Rückkehr – zur Demokratie niemals einfach. Aber es war die Macht der Menschen auf der Straße, die diesen Prozess erzwungen und legitimiert hat. Es kommt auch darauf an, wie kompromissbereit die jetzigen Machteliten Venezuelas sind, damit die Polarisierung nicht voranschreitet.

Könnte in Caracas auch das Militär für eine Übergangszeit die Macht übernehmen?

Man kann von hier aus kaum hinter die Kulissen schauen. Aber ich finde es bemerkenswert, dass der ganze Prozess nicht vom Militär sondern von zivilen Parlamentariern geführt wird und das Militär bei den Protesten nicht auf der Gegenseite aufgetaucht ist. Dabei spielt auch eine Rolle, dass sich die meisten lateinamerikanischen Länder auf die Seite Juan Guaidos gestellt haben. Im Moment ist die Lage jedenfalls sehr unsicher.

Fragen: Alexander Michel