Herr Mertens, was würden Sie Eltern sagen, die schwanken, ob sie ihr Kind gegen Masern impfen lassen sollen?

Masern sind keine harmlose Kinderkrankheit, sondern eine Erkrankung, die viele, zum Teil lebensgefährliche, Nebenwirkungen haben kann.

Was sind das für Nebenwirkungen?

Das Masernvirus verursacht eine lang anhaltende schlechtere Immunabwehr. Das führt dazu, dass andere, auch bakterielle Infektionserreger in der Zeit nach einer Masernerkrankung ein leichteres Spiel haben und es beispielsweise zu einer Lungenentzündung kommen kann. Besonders gefährlich ist eine Spätkomplikation der Masern: die Subakute Sklerosierende Panenzephalitis (SSPE), die leider viel häufiger ist, als man früher angenommen hat und etwa in einem von 5000 Fällen vorkommt.

Was versteht man darunter?

Diese Krankheit kann Jahre nach einer Masernerkrankung auftreten – und zwar durch eine mutiertes Masernvirus im Gehirn. Die Kinder fallen zunächst durch Wesensveränderungen auf. In der Folge kann es zu Krampfanfällen und schweren funktionalen Beeinträchtigungen des Gehirns kommen. Die Kinder sterben ein bis zwei Jahre nach der Diagnose.

Der Virologe Thomas Mertens, Vorsitzender der Ständigen Impfkommission am Robert Koch-Institut
Der Virologe Thomas Mertens, Vorsitzender der Ständigen Impfkommission am Robert Koch-Institut | Bild: RKI

Können Sie beschreiben, wie sich das Virus zum Beispiel in einer Kita oder in der Schule ausbreiten kann?

Das Masernvirus wird extrem leicht über die Luft übertragen. Wenn Sie ein Kind, das sich noch in der Inkubationszeit befindet – also drei Tage vor dem eigenen Krankheitsausbruch – in einen Klassenraum schicken und Sie lassen es dort eine halbe Stunde herumlaufen, dann sind danach alle Kinder infiziert, die nicht geimpft sind oder schon eine Masernerkrankung hinter sich haben.

Das heißt, es reicht schon, jemanden anzuatmen?

Ja, das reicht. Die Viren fliegen zwar nicht frei durch die Luft, doch die Tröpfchen sind so klein, dass sich das Virus sehr gut in der Luft halten kann und dort lange schwebt. Die Übertragbarkeit ist deshalb extrem hoch.

2017 gab es einen großen Masernausbruch mit fast 500 Fällen in Nordrhein-Westfalen. Wie muss man sich eine solche Ausbreitung vorstellen?

Die Inkubationszeit von Masern beträgt zirka 14 Tage. Doch schon in den letzten drei bis vier Tagen vor Ausbruch der Krankheit beginnen die Betroffenen, das Virus über die Schleimhäute und die Atmung auszuscheiden. Diese Ansteckungsfähigkeit hält noch bis zu einer Woche nach Krankheitsausbruch an. Betroffene Patienten sind deshalb etwa zehn Tage lang infektiös. Deshalb kann es auch zu einer solchen Häufung von Fällen kommen.

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Nehmen wir an, ich habe Kontakt mit einer infizierten Person. Kann ich mich dann noch nachträglich impfen lassen?

Hat man sich infiziert, so kann eine rasche Gabe von Antikörpern den Ausbruch der Krankheit noch verhindern. Man kann unter Umständen auch noch aktiv impfen. Je länger die Infektion jedoch schon besteht, desto geringer ist die Chance, dass man auf diese Weise den Ausbruch der Krankheit noch verhindern kann.

Was können Eltern tun, wenn ein Spielkamerad ihres Kindes erkrankt ist?

Da man in der Regel nicht genau weiß, wann das eigene Kind sich eventuell infiziert hat, weiß man natürlich nicht, ob die Gabe dieser Immunglobuline noch hilft.

Sonst kann man nichts tun?

Nein. Es gibt kein Medikament gegen die Masern. Wenn die Krankheit ausbricht, gibt es auch keine antivirale Therapie dagegen.

Ein dreijähriges Kind infiziert sich mit Masern, und die Krankheit bricht aus. Woran erkennt man sie, und wie verläuft sie?

Normalerweise bildet sich ein zusammenfließender Ausschlag, der intensiver ist als bei Röteln. Man kann ihn mit den Fingern ertasten. Bei Röteln spielt sich der Ausschlag im Milieu der Haut ab und ist nicht erhaben. Im Mund zeigt sich der Masern-Ausschlag durch kalkspritzerartige Flecken auf der Schleimhaut. Alle Kinder haben Zeichen eines respiratorischen Infekts: Bindehautentzündung, die Nase läuft, sie husten. Der Verlauf ist unterschiedlich stark mit Fieber und schwerem Krankheitsgefühl. Ob es spätere Organ-Komplikationen, seitens der Lunge, der Ohren oder des Gehirns gibt, kann man im Einzelfall nicht vorhersagen. In zirka einem von 1000 Fällen ist der Verlauf tödlich.

Masernerkrankte haben einen großflächigen roten Ausschlag. Drei bis vier Tage davor sind sie schon ansteckend.
Masernerkrankte haben einen großflächigen roten Ausschlag. Drei bis vier Tage davor sind sie schon ansteckend. | Bild: luanateutzi - stock.adobe.com

Eine besonders gefürchtete Komplikation ist die akute postinfektiöse Enzephalitis, also eine Gehirnentzündung. Was passiert dabei und mit welchen Folgen?

Dabei kommt es zu einer Infektion, die mit einem Zelluntergang im Gehirn einhergeht. Je nach dem welches Areal betroffen ist, kann es zu vorübergehenden neurologischen Ausfällen kommen. Die Infektion kann völlig ausheilen, sie kann aber auch zu einer anhaltenden geistigen Behinderung führen oder auch zu einer körperlichen Behinderung. Das können Lähmungserscheinungen oder eine gestörte Sprachmotorik sein.

Warum sind zwei Masernimpfungen nötig, um den vollen Impfschutz zu haben?

Es kann sein, dass die Impfung beim ersten Mal nicht richtig anschlägt. Es handelt sich ja um einen Lebendimpfstoff, das heißt die Immunreaktion erfolgt auf das Virus, das sich durch die künstliche Infektion im Geimpften vermehrt hat. Wenn diese Impfvirusvermehrung nicht stattgefunden hat, gibt es auch keine Immunantwort. Holt man zum Beispiel den Impfstoff im Sommer in der Apotheke ab, legt ihn dann aber im Auto auf die vordere Ablage, dann vermehrt sich das abgeschwächte Impfvirus bei der anschließenden Impfung nicht mehr. Die zweite Gabe dient aber auch dazu, eine ausreichend hohe Aktivierung des Immunsystems zu erreichen. Man nennt das Booster-Effekt: So erreicht man bei der Masernimpfung mit einer neuen Impfung einen noch höheren Antikörperspiegel.

Warum impft man Babys nicht unmittelbar nach der Geburt, sondern erst zum Ende des ersten Lebensjahrs?

Der Grund ist, dass das Impfvirus durch mütterliche Antikörper, die das Kind noch in sich trägt, inaktiviert werden kann und wiederum nicht wirksam ist. Wenn Kinder früh in die Kita kommen, kann man aber durchaus die Impfung auch vor dem ersten Lebensjahr machen.

Impfgegner führen ins Feld, dass Mütter, die selbst an Masern erkrankt waren, diese Immunität als Nestschutz an ihre Babys weitergeben. Was sagen Sie dazu?

Der Nestschutz ist abhängig von der Menge der Antikörper, die die Mutter übertragen kann. Es ist zwar richtig, dass der Nestschutz nach Erkrankung der Mutter in der Regel besser ist als nach Impfung der Mutter. Doch er hält in jedem Fall nur zwischen sechs Monaten und einem Jahr an.

Impfskeptiker sehen einen Zusammenhang zwischen Autismus und der Masernimpfung. Was ist davon zu halten?

Zunächst einmal sind echte, anhaltende Nebenwirkungen, wie neurologische Störungen, ganz extrem rar. Seriöse Studien haben nie einen Zusammenhang zwischen Autismus und der Masernimpfung finden können. Der britische Arzt, der das 1998 behauptet hat, hat sogar seine Zulassung in Großbritannien verloren. Elterngruppen von autistischen Kindern haben seine Veröffentlichung mitfinanziert. Als Gerücht ist die Behauptung bei Impfkritikern schwer auszurotten, zumal im Internet. Wissenschaftlich entbehrt sie jeder Grundlage.

Fragen: Birgit Hofmann

Masern-Ausbreitung und Impfpflicht

  • Krankheitssymptome: Acht bis zehn Tage nach der Ansteckung tauchen zunächst uneindeutige Symptome, wie Fieber, Bindehautentzündung, Schnupfen und Husten auf. Die Inkubationszeit von Masern, das heißt die Zeit von der Ansteckung bis zum Ausbruch der Krankheit, beträgt 14 Tage: Dann werden bräunlich-rosafarbene Flecken auf der Haut sichtbar, beginnend im Gesicht. Auch am Gaumen und der Mundschleimhaut bildet sich ein Ausschlag.
  • Weltweit: Bis 2016 war die weltweite Zahl der Masern-Fälle rückläufig, seitdem steigt sie wieder. Die vorläufige Zahl der gemeldeten Erkrankungen hat sich 2018 im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt, auf 229 000 Fälle, wie die Weltgesundheitsorganisation (WHO) mitteilt.
  • Europa und Deutschland: In der WHO-Region Europa stieg die Zahl der gemeldeten Fälle 2018 im Vergleich zum Vorjahr sogar auf das Dreifache. Betroffen war vor allem die Ukraine. In Deutschland war der Trend rückläufig: Nach gut 900 Masern-Fällen 2017 wurden 2018 etwa 500 Fälle gemeldet. Die Fallzahlen schwanken von Jahr zu Jahr teilweise erheblich.
  • Impfpflicht: Immer wieder wird auch in Deutschland über eine Impfpflicht diskutiert. SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach hat jüngst wieder einen neuen Vorstoß dazu unternommen. "Ich selbst befürworte bei einer so gefährlichen Krankheit wie den Masern die Impfpflicht", sagt er. Karin Maag, gesundheitspolitische Sprecherin der Unionsfraktion, sieht Impfgegner zwar auch als großes Gesundheitsrisiko, will aber erst prüfen, welche Erfahrungen Frankreich und Italien nach der dortigen Einführung einer Impfpflicht gemacht haben. Auch die Grünen sind gegen eine Impfpflicht. Sie setzen auf Beratung statt Zwang und Sanktionen. (ink/dpa)