Achtung, dieser Text ist stark subjektiv. Ärgern Sie sich bitte nicht, dass Ihr sicherlich auch schönes Süddeutschland von mir verschmäht wird. Sehen Sie es mir nach, ich kann einfach nicht anders. Ich bin ein Kind des Nordens. Genauer gesagt, des Nordwestens. Das ist oben links auf der Landkarte. Das Land ist hier so flach, da stechen die Kühe und Pferde auf den Weiden und Koppeln heraus. Man kann montags sehen, wer sonntags zu Besuch kommt. Ein Traum. Wind und Weite, Geest und Dünen, Marsch und Meer, Ebbe und Flut – das sind meine Elemente, hier atme ich auf und durch, hier ist es am schönsten. Wirklich.

Wobei, den Norden, den gibt es nicht. Nordniedersachsen, Bremen, Hamburg, Schleswig-Holstein oder Mecklenburg-Vorpommern, überall sieht es ein wenig anders aus. Ostfriesische Inseln sind nicht wie Sylt oder Rügen. Aber überall verbindet die Menschen die Nähe zum Wasser, zur Weite, zum Licht. Und glücklicher sind sie auch. Das behaupte nicht ich, auch wenn ich selber angesichts von Schaumkronen auf den Wellen, Sand zwischen den Zehen und Wind im Haar in einen Glückszustand gerate.

Mehr Glücksgefühle im Norden

Der Deutsche Post Glücksatlas, der seit acht Jahren haarklein die Lebenszufriedenheit der Deutschen untersucht, attestiert den Nordländern klar mehr Glücksgefühle. Vielleicht auch, weil wir, abgesehen von den Großstädten, uns hier nicht auf die Füße treten. Und für jede Art von Kommunikation im Grunde nur ein Wort reicht: Moin. Je nach Betonung und entsprechender Mimik können Sie so ganze Dialoge führen. Wir seien doch gar nicht zugänglich? Also, da kann ich jetzt norddeutsch stur werden! Wir sabbeln uns nur ungern den Mund fusselig. Ach, und wo wir gerade bei Vorurteilen sind: Lachen kann man mit uns auch – nicht nur im Keller. Probieren Sie’s mal aus, wenn Sie uns im Norden besuchen. Dann wollen Sie ohnehin nicht mehr weg.

Ein Kompass zeigt immer nach Norden. Ganz intuitiv weiß die kleine Nadel, wo es hingeht. Wo die richtige Richtung ist. Darauf sollte man vertrauen. Wenn Sie dann hier oben sind, dann ist es eigentlich auch ganz einfach. Immer dem Wind nach. Richtig Wind meint bei uns allerdings, wenn die Schafe auf den Deichen keine Locken mehr haben. Was wirklich nur ganz vielleicht beim nächsten Orkantief vorkommt. Gegen alles andere kann man sich kleiden. Auch ohne Südwester im Schrank. Gummistiefel brauchen wir hier auch höchstens für die Gartenarbeit. Aber seitdem der Trend zur Landlust steht, sind die zum Fashion-Artikel avanciert.

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Ja, ja, kalt und nass ist es bei uns nicht nur im Sommer. Glauben Sie nicht jeder Wetterkarte! Tja, was soll ich sagen. Dieses Jahr – und nicht nur dieses – macht der Sommer, was er will und es ist unerträglich heiß. Also deutlich mehr als 20 Grad und Nieselregen. Ich lebe Gott sei Dank, elf Autobahnausfahrten vom ersten Meereszipfel entfernt. Echtem Meer, keinem See, den man so nennt! Erfrischung naht! 40 Minuten, in denen sich alles ändert. Das Wetter manchmal, immer die Farben und das Licht. Nicht umsonst wussten und wissen die Maler des Lichts um die besondere Faszination des Meeres, der Reflexion, der Küstenlinien, dem Zusammenspiel von Wasser und Licht. Und das nicht nur, aber vor allem bei ihren unzähligen Studien der Nordsee. Die große Raue, Schöne. Von dunkelgrau bis hellblau, nahezu selten auch türkis, reicht die Farbpalette. Jedes Mal, wenn ich die Nordsee erblicke, da macht das Herz einen Extrahüpfer. Zu Hause.

Von den kleinen (Kur)Orten Carolinensiel, Neuharlingersiel oder Ben-
sersiel winkt die Erholung zu einem rüber. Aufgereiht wie an einer Perlenkette, fast zum Greifen nah. Die Ostfriesischen Inseln versprechen auch für ein paar Stunden absolute Entschleunigung (zumindest die autofreien, wo das Hufegeklapper den Takt angibt) – und breiten Sandstrand. Den man ansonsten, zugegebenermaßen, an der Nordsee durchaus suchen kann. Wer nicht um das Watt weiß, der steht enttäuscht in Badehosen im Schlamm. Es empfiehlt sich also ein Blick in den Tidenkalender.

Andersherum, für eine Thalassobehandlung muss man ansonsten viel Geld bezahlen und hier bekommen Sie Wellness ganz umsonst zumindest bis zur Wade – nur nicht ausrutschen. Und Obacht vor den Wattwürmern! Aber, schließlich ist das Wattenmeer Unesco Weltkulturerbe. Also einmalig. Auch der Schlamm und dessen Subkultur.

Fischbrötchen am Hafen

Schiffe, Krabben, Fische – logisch, die gehören natürlich auch zum Norden. Fischkopp, höre ich Sie murmeln. Ich nehme das mal als Kompliment. Vor allem, wenn es von Bewohnern jenseits des Weißwurstäquators kommt, also der Kulturgrenze zwischen Altbayern und dem Rest des Landes, wie wir hier im Norden sagen. Sie wissen es einfach nicht besser, ganz bestimmt. Okay, Krabben pulen, das ist müßig. Und eine echte Schweinerei. Aber Sie werden stolz sein, wenn Sie den Bogen raushaben und die Würmer auf Schwarzbrot mit Spiegelei genießen.

Geräucherter Aal, auch nicht jedermanns Sache. Ein Erlebnis ist es aber allemal. Doch ein leckeres Backfischbrötchen mit Blick auf einen der pittoresken Fischerhäfen voller Kutter, das hat immer Charme – und Geschmack. Außerdem denken Sie an Ihre Gesundheit. Stichwort Omega 3! Bekommen Sie hier schmackhaft verpackt und hübsch angerichtet an jeder Ecke. Ohne Schnickschnack – Gurke, Tomate, etwas Petersilie. Es geht schließlich um den Fisch. Und immer Fleisch, ach, Sie wissen doch. Hier können Sie sich ewig durchs Fischbüffett schlemmen.

Aber die Berge, ich höre Sie das jetzt denken. Ja, Berge sind sicherlich ganz toll. Ich habe ehrlicherweise nur rudimentäre traumatische Erinnerungen, als meine Eltern mich als Jugendliche auf die Berge rund um Ruhpolding schleiften, mir Tolles versprachen und ich den Sinn nicht verstand. Ich war froh, oben und vor allem wieder unten zu sein. Ich mag ihnen unrecht tun. Heute erkenne ich durchaus die – auch mentale – Stärke des Wanderns. Dort oben kriegt man sicherlich auch den Kopf frei. Allerdings ist es mir entlang der Küstenlinie eindeutig lieber. Wenn schon Berge, dann gern als Kulisse am Mittelmeer. Ein Nordlicht braucht auch ab und an zuverlässig Meer und Sonnenschein. Ich gebe es ja zu. Ansonsten aber gilt das Credo „keine Kompromisse“.

Bild: (privat)

Corinna Fuchs-Laubach, Jahrgang 1973, wurde in Bremerhaven geboren und lebt und arbeitet als freie Journalistin im Nordwesten.