So reagieren Freunde und Verwandte: Wer im Glashaus sitzt...

Menschen, die mich privat kaum kennen, musterten mich plötzlich mit skeptischen Blick. „Du bist also so ein richtiger Lügner. Da muss ich ja aufpassen, was du mir erzählst“, sagte jemand, als mein Text zum Auftakt der Fastenzeit veröffentlicht wurde. Solche Sätze hörte ich in Folge nicht selten. Sie ärgerten mich. Der sonst offene und freundliche Julian verwandelte sich durch einen Artikel in einen lügenden Bösewicht. Nun zum Mitschreiben: Nein, ich bin kein notorischer Lügner. Mir ging es bei meinem Verzicht darum, meine wahrheitsbeugende Komfortzone zu verlassen. Ich wollte mit Mut in eine Konfrontation gehen, anstatt wie so oft beschwichtigend einen Rückzieher zu machen. Meine engen Freunde und meine Familie haben das verstanden.

Julian Kares verzichtete für 40 Tage auf Flunkereien im Alltag. Was sich in seiner Fastenzeit zeigte: Menschen mögen die Wahrheit.
Julian Kares verzichtete für 40 Tage auf Flunkereien im Alltag. Was sich während seiner Fastenzeit zeigte: Menschen mögen die Wahrheit. | Bild: Gora, Aldo

Meine ersten Tage: Verfluchter männlicher Stolz

Ich habe bewusst vor jedem Satz darauf geachtet, wie ich mich ausdrücke. Jeden Tag seine Wortwahl zu hinterfragen, ist anstrengend. Doch ich wollte jede noch so kleine Flunkerei im Keim ersticken. Das funktionierte bis zum vierten Tag. Dann schaltete mein Gehirn einen Moment ab und mein männlicher Stolz zwang mich zu einer Lüge. Ich erzählte, dass ich perfekt rückwärts einparken könne – dabei fühle ich mich im Rückwärtsgang jedes Mal unsicher. Erst zehn Minuten später schlug das schlechte Gewissen durch. Ich war unfassbar wütend über diese dumme Prahlerei. Und ich war geschockt, wie schnell so ein unehrlicher Satz über die Lippen kommt.

Die Schwierigkeiten: Ab wann fängt eine Lüge an?

Um auf Lügen zu verzichten, musste ich erst meine persönliche Definition einer Lüge finden. Meine Gedanken dazu muteten philosophisch an. Ich dachte darüber nach, ob Schweigen eine Lüge sei. Eine Antwort habe ich nicht gefunden. Und ja, manchmal nutzte ich die Stille. Oder folgende Frage: Wie weit lässt sich Wahrheit dehnen, bis sie zur Lüge wird? Ein Beispiel verdeutlicht das Dilemma.

Ich wurde gefragt, ob ich am Abend Zeit hätte. Meine Antwort lautete, dass ich müde sei. Das war die Wahrheit. Ich hätte aber auch sagen können: Nein, unsere Gespräche langweilen mich nach fünf Minuten. Das wäre ebenfalls die Wahrheit gewesen – nur eben keine schöne. Ist das immer noch ein bisschen feige? Bestimmt.

Die Vorteile: Menschen respektieren wahre Antworten

Die Wahrheit ist unkomplizierter, als ich gedacht habe. Sie lässt keine Fragen offen. Jeder hat bestimmt schon erlebt, wie eine fadenscheinige Ausrede zu einem Lügenkomplex anwachsen kann. Mit der Wahrheit passiert das nicht. Der Kopf ist frei von möglichen Anschluss-Lügen und dem Gewissen geht es damit irgendwie besser. Was sich außerdem zeigte: Menschen mögen die Wahrheit. Ich erlebte keine wütende Reaktion, sondern Verständnis und Respekt. Ich glaube, dass jeder spürt, wie viele Unwahrheiten im Alltag umherkreisen. Eine ehrliche Antwort tut vielen einfach mal gut.

Das könnte Sie auch interessieren
Das könnte Sie auch interessieren
Das könnte Sie auch interessieren
Das könnte Sie auch interessieren
Das könnte Sie auch interessieren
Das könnte Sie auch interessieren
Das könnte Sie auch interessieren