Am Largo della Pace, dem Platz des Friedens in Civitavecchia, geht es rund. Alle paar Minuten spuckt ein Kleinbus eine Ladung Menschen aus, die von hier zum nahen Bus-Terminal weiterlaufen. Die Busse bringen sie in den Hafen, wo an diesem Abend das Kreuzfahrtschiff MSC Seaview auf seine Passagiere wartet. Familien, Senioren, ganze Reisegruppen steigen aus.

Die Fahrer kassieren ab, sie halten Eurobündel in der Hand. Ein Fahrer fängt zu brüllen an. Offenbar gibt es Streit mit seinen Fahrgästen über den Tarif des Transports von Rom hierher ins 70 Kilometer entfernte Civitavecchia.

Beladen mit Einkaufstüten

Es ist Nachmittag und drückend heiß. Die Touristen sind beladen mit Einkaufstüten. Ein großer schwarzer Amerikaner in Basketball-Outfit hält eine McDonald‘s-Tüte in der Hand. Die meisten haben es jetzt eilig, in einer Stunde legt das Schiff ab.

Ein Mülleimer, der zwischen dem Halt der Kleinbusse und dem Terminal in der Sonne steht, ist einer der letzten Berührungspunkte der Passagiere an Land vor der Abfahrt in den nächsten Hafen. Bevor sie den Bus besteigen und wenig später an Bord gehen, werfen die Touristen hier ihren Müll ab. Längst ist der Eimer voll.

Ein britischer Tourist lässt sein Cola-Fläschchen drei Meter vor dem Eimer auf den Boden fallen, ein letzter Abschiedsgruß an Civitavecchia.

Verletzte bei Kollision in Venedig

Der Mülleimer ist ein Symbol: Er ist überfüllt – wie die Kreuzfahrtschiffe, das Mittelmeer, die Städte und viele Geldbeutel. Die Frage lautet, wann in diesem Betrieb die Grenze erreicht ist.

Das Kreuzfahrtschiff “MSC Opera„ ist beim Anlanden an der Anlegestelle San Basilio im Kanal von Giudecca mit einem Touristenboot zusammengestoßen.
Das Kreuzfahrtschiff “MSC Opera„ ist beim Anlanden an der Anlegestelle San Basilio im Kanal von Giudecca mit einem Touristenboot zusammengestoßen. | Bild: Philipp Laage/dpa

Als Anfang Juni in Venedig ein Kreuzfahrtriese auf ein Ausflugsschiff und die Hafenmole prallte, wurden vier Personen verletzt. Es kam damals auch die Frage auf, wann dem Geschäft und seinen Nebeneffekten Einhalt zu gebieten ist. Das Geschäft mit den Kreuzfahrten boomt, doch Städte wie Rom, Florenz oder Venedig werden immer voller und unbewohnbarer.

Wegen der Unterwasser-Verdrängung der Zigtausende Tonnen schweren Schiffe erodiert der Untergrund in der Lagune Venedigs, die Statik der Stadt selbst ist also langfristig gesehen bedroht. Dazu kommt die Luftverschmutzung durch die Ozeanriesen, die in den Häfen rund um die Uhr die Motoren laufen lassen und deren Schweröl um ein Vielfaches mehr Stickoxide und Schwefel ausstößt als der Treibstoff von Autos.

Konzerne verdienen viel Geld

Gerade hat der Verein „Italia Nostra“ (Unser Italien) deshalb die UN-Kulturorganisation Unesco aufgefordert, Venedig auf die Liste der gefährdeten Weltstätten zu setzen. „Die Lage ist dramatisch“, sagt Flavia Corsano von „Italia Nostra“. „Anstatt es wie die Norweger zu machen, die die großen Schiffe aus den Fjorden ausgesperrt haben, lassen wir die Schiffe überall rein.“

Sogar für den 500 Jahre alten Hafen der Toskana-Insel Elba sei ein Kreuzfahrt-Terminal in Planung. „Solange sich das Tourismus-Modell nur daran orientiert, dass immer mehr Passagiere befördert werden können, haben wir mit unseren Anliegen keine Chance“, sagt Corsano. Verantwortlich seien in erster Linie die großen Kreuzfahrt-Konzerne, die „Geld in Strömen“ verdienten.

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Tatsächlich geht der Trend nach wie vor nach oben. Weltweit soll in diesem Jahr erstmals die Marke von 30 Millionen Kreuzfahrt-Passagieren geknackt werden. Seit 2009 sind die Passagierzahlen in Italien um 25 Prozent gestiegen. Kreuzfahrten sind ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. 4000 Arbeitsplätze hängen alleine in Venedig direkt an der Kreuzfahrt-Branche.

„Früher waren Kreuzfahrten etwas extrem Exklusives“

Verfolgt man die Erwerbskette aus Civitavecchia zurück, sieht sie so aus: Die Busunternehmen, die die Passagiere nach einem Tagesausflug vom Terminal aufs Schiff transportieren, verdienen. Es verdienen auch die Fahrer der Kleinbusse, die die Menschen nach Rom und zurück transportieren.

Es verdienen Fremdenführer, Museen, die Stadt Rom mit den Eintrittsgeldern etwa für das Kolosseum, der Vatikan. Außerdem verdienen Restaurantbetreiber, Eisdielen und die fliegenden Händler. Was ist aber, wenn das Gleichgewicht zwischen Wohlstand und Lebensqualität zugunsten des Wohlstands kippt und das Leben in den einst bezaubernden Metropolen unzumutbar wird?

Sehenswürdigkeiten im Schnelldurchlauf: Touristen treffen sich vor dem Trevi-Brunnen in Rom, bevor es zurück aufs Kreuzfahrtschiff und in die nächste Metropole geht.
Sehenswürdigkeiten im Schnelldurchlauf: Touristen treffen sich vor dem Trevi-Brunnen in Rom, bevor es zurück aufs Kreuzfahrtschiff und in die nächste Metropole geht. | Bild: Gregorio Borgia/dpa

Aidanova, Costa Deliziosa, Queen Victoria, Fantasy, Ecstasy – Mark Wittmann kennt jedes Schiff. Er hat ja auch ständig mit Menschen zu tun, die dort gern eine Kabine buchen. Seit ein, zwei Jahren spüre man den Kreuzfahrt-Boom besonders, sagt der Inhaber des Wittmann Reisecenters in Neuburg an der Donau.

Früher seien Kreuzfahrten etwas „extrem Exklusives“ gewesen, erzählt er. Senioren, alleinstehende Witwen, Wohlhabende, das war die Kundschaft. Heute sind die Preise niedriger, Kreuzfahrten für ein paar Hundert Euro zu haben.

An Bord herrscht weniger Etikette, also buchen in Wittmanns Büro auch Familien und Urlauber, die später in Jeans beim Captain‘s Dinner sitzen werden. Wohin geht die Reise? „Im Sommer vor allem in den Mittelmeerraum, im Winter in die Karibik, nach Dubai oder Asien.“

Eins eint alle Schiffsgäste: Wer eine Kreuzfahrt bucht, wolle „etwas ganz Besonderes“ erleben. Wittmann freut sich, wenn er dabei helfen kann. Das ist sein Job. „Die Schiffe bieten alles. Man hat jede Annehmlichkeit vom Pool bis zum Kino, ist fast täglich an einem anderen aufregenden Ort und im Zweifel spricht auch noch jeder Deutsch.“

Aber was, wenn es zu viele werden?

Der Reiseexperte kann gut verstehen, wenn Städte wie Palma oder Venedig den Riesenschiffen das Anlegen verwehren wollen – dass es etwas bringt, glaubt er nicht. „Dann legen die Schiffe eben eine halbe Stunde entfernt von der Lagune an und die Urlauber werden im Bus in die Innenstädte gefahren. Das ist den Leuten egal.“

Genauso wie dem Großteil der Kreuzfahrer der Umweltschutz zumindest für ihre Zeit auf dem Schiff relativ egal zu sein scheint. „Es gibt zwar Leute, die bewusst nur mit der Aidanova fahren möchten – dem ersten Flüssiggasschiff auf dem Markt.“ Manch andere bezahlen den CO2-Ausgleich, kompensieren also ihre Schadstoffe mit Spenden an Umweltprojekte. Doch, so formuliert es Wittmann diplomatisch, spiele der Umweltgedanke „eine eher untergeordnete Rolle“.

Das erste Kreuzfahrtschiff, das nicht mit Schweröl, sondern mit Flüssiggas fährt: die „Aidanova“.
Das erste Kreuzfahrtschiff, das nicht mit Schweröl, sondern mit Flüssiggas fährt: die „Aidanova“. | Bild: Mohssen Assanimoghaddam/dpa

Civitavecchia, das sich selbst den Beinamen „Port of Rome“ (Hafen von Rom) gegeben hat, ist der meist angefahrene Hafen für Kreuzfahrten in Italien, nach Barcelona der meist angefahrene Mittelmeerhafen für Kreuzfahrtschiffe. 2,4 Millionen Passagiere gingen hier 2018 an Land, das sind in etwa zehn Prozent aller Besucher, die im Jahr nach Rom kommen.

Nimmt man an, samt Transport, Besichtigungen und Verpflegung gibt ein durchschnittlicher Passagier am Tag in Rom 200 Euro aus, wird das Geschäft deutlich: Fast eine halbe Milliarde Euro fließt hier über das Jahr verteilt – nur an Land und in einer einzigen Stadt, der Umsatz der Kreuzfahrt-Anbieter nicht eingerechnet.

Umweltschäden und überfüllte Städte

760 Ozeanriesen legten 2018 in Civitavecchia an, 2019 sollen es 827 werden. Manchmal liegen sieben Riesenschiffe gleichzeitig im Hafen, 20 000 Menschen ergießen sich dann in die Gassen Roms. Dass das Maß längst voll ist, spürt man besonders im überlaufenen, weil auf dem Wasser gebauten und deshalb engen Venedig.

Vorgestern Barcelona, gestern Neapel, heute Rom und morgen geht es – wohin eigentlich? Antonio Blasco, der die Kreuzfahrt „Die fünf Wunder des Mittelmeers“ gebucht hat, fragt seine Lebensgefährtin. Sie weiß, dass es abends Richtung Florenz geht. „Das Schiff ist so groß, alles andere wirkt so klein“, sagt er. Über die Nebeneffekte dieser Art von Massentourismus, über Umweltschäden und überfüllte Städte macht er sich keine Gedanken.

Wohin reisen Kreuzfahrt-Touristen?

  • Deutsche Touristen: Zwei Millionen Deutsche unternahmen 2017 eine Kreuzfahrt – Tendenz steigend. Die USA sind weltweit der wichtigste Kreuzfahrtmarkt: Dort buchten im selben Jahr fast 12 Millionen US-Amerikaner eine Kreuzfahrt.
  • Die beliebtesten Ziele bei Hochsee-Kreuzfahrten der deutschen Touristen waren 2017 Nordeuropa, das Mittelmeer und die Karibik. Die Donau und der Rhein und ihre Nebenflüsse waren die beliebtesten Ziele für Flusskreuzfahrten.
  • Die Karibik zählt weltweit zum beliebtesten Ziel auf Hochseekreuzfahrten mit einem Passagieranteil von mehr als 35 Prozent, gefolgt vom Mittelmeer und dem restlichen Europa.
  • Die wichtigsten deutschen Häfen sowohl vom Passagieraufkommen als auch von der Anzahl der Schiffsanläufe her waren 2017 Rostock/Warnemünde und Hamburg. Die größten Kreuzfahrt­anbieter mit den meisten Passagieren sind die amerikanischen Reedereien Norwegian Cruises, Carnival Cruise Line und Royal Caribbean. Letzteren gehört ebenfalls das aktuell größte Kreuzfahrtschiff, die Symphony of the Seas, auf der mehr als 5500 Passagiere Platz haben. (sk)