Die Stimmung ist angespannt. Steif, mit geradem Rücken und äußerst still sitzen die sieben Kinder um den langen, in edlem Damast eingedeckten Tisch. Vor ihnen stehend eine ebenso steife, spitz gefaltete Serviette. Sonst nichts. Bis jetzt, denn die Kinder zwischen acht und 14 Jahren sollen heute lernen, wie man einen Tisch formvollendet deckt. Doch zunächst gilt es, sich korrekt vorzustellen. Und Knigge-Trainerin Antonia Wegmann möchte außerdem wissen, warum die Kinder sich für gute Manieren interessieren.

Sie will es wissen, er soll es wissen

Die 13-jährige Moisha hat sich heute ein schickes Kleid angezogen und ihre Haare elegant hochgesteckt: „Ich wollte selbst an dem Kurs teilnehmen, ich will wissen, wie man mit soviel Besteck essen kann und wie man sich dabei richtig benimmt.“ Anders der achtjährige Vincent, der leise murmelt, dass sein Vater ihn angemeldet habe, weil er sich am Tisch nicht richtig benehmen könne. Ein Grund, warum Wegmann eigentlich lieber die Eltern der Kinder in ihren Kursen hat: „Lieber zeige ich den Eltern wie es geht und sie zeigen und leben es ihren Kindern vor.“ Doch einmal im Jahr macht sie eine Ausnahme, weil sie die Kursgebühr an soziale Einrichtungen spenden möchte. Mit dem regen Zulauf von Kindern kann sie jedes Jahr rechnen. Denn gutes Benehmen wird schließlich erwartet: Eine repräsentative Umfrage vom Institut für Demoskopie Allensbach 2011 ergab, dass 93 Prozent der Deutschen gute Manieren wichtig sind. Und auch den Eltern: In einer Studie der Stiftung Lesen 2017 bei der Eltern mit Kindern bis zu drei Jahren befragt wurden, gaben 83 Prozent der Eltern an, dass ihnen Höflichkeit und gutes Benehmen ihrer Kinder sehr wichtig seien.

Gerade sitzen: Antonia Wegmann bringt Kindern gutes Benehmen bei.
Gerade sitzen: Antonia Wegmann bringt Kindern gutes Benehmen bei. | Bild: Antje Urban

Kinder nicht mehr willkommen

Doch die Realität sieht oftmals anders aus. Nicht ohne Grund sind immer öfter Kinder in Restaurants unerwünscht. Zuletzt sorgte Rudolf Markl vom Restaurant Omas Küche und Quartier in Binz auf Rügen für mediale Aufregung, weil er Kinder nicht mehr willkommen heißt in seinem Restaurant. Er ist einer von vielen, die aber gleichzeitig darauf bestehen, nicht kinderfeindlich zu sein. In einem Gastronomie-Fachblatt argumentierte er: „Das ist das Ergebnis einer elf Jahre langen Beobachtung. Vor allem die Eltern sind mit der Zeit immer ignoranter geworden. Manche geben ihre Verantwortung an unserer Tür ab. Unser Job ist es aber nicht, Kinder zu erziehen.“

Ähnlich sieht es an den Schulen aus. In einem Interview mit dem Focus äußerte sich Josef Kraus, bis 2017 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, über die immer schlechteren Manieren von Kindern. So würden Kinder in den Schulbus einsteigen, ohne den Fahrer zu grüßen, an Lehrern vorbei gehen als seien sie Luft und im Unterricht ginge es weiter mit Rumlümmeln am Tisch, Trinkflasche vor dem Gesicht, das Käppi auf dem Kopf und am Handy rumspielen. Auch das Wort „Danke“ scheine nach seiner Ansicht aus dem Wortschatz vieler Schüler und auch Eltern völlig verschwunden zu sein.

Er bemängelt zudem den Trend, dass immer mehr Eltern Erziehungsverantwortung an die Schule delegieren wollten. In der Tat würden viele das befürworten: In einer Befragung des Instituts YouGov 2015 sprachen sich 51 Prozent der Befragten dafür aus, „Benehmen“ als Schulfach einzuführen. Kraus fasste es in seinem Focus-Interview so zusammen: „Die Schule kann da nur sehr begrenzt korrigierend eingreifen. Mein dringender Appell an die Eltern ist: Macht euch eure Erziehungsverantwortung bewusst. Was ihr im ersten Lebensjahrzehnt an Prägungen versäumt, ist kaum aufzuholen. Entscheidende Prägungen müssen zu Hause stattfinden. Ihr seid das Vorbild für eure Kinder.“

Familienstrukturen ändern sich

Doch die Eltern als Vorbilder – gerade auch in Hinsicht auf Tischmanieren – fallen heute oft aus, weil sie zum Beispiel lange arbeiten müssen. Früher war die Großfamilie Erziehungstaktgeber und gesellschaftlicher Übungsraum in einem. Tischsitten wurden meist von mehreren Generationen gelehrt: „Unsere Großmutter hat jedes Mal, wenn wir den Ellenbogen auf dem Tisch hatten, diesen einmal kurz angehoben und auf den Tisch geknallt. Das tat jedes Mal höllisch weh. Irgendwann haben meine Brüder und ich begriffen, dass man das nicht macht“, erzählt zum Beispiel die 51-jährige Andrea Münster. Doch Familienleben und Strukturen hätten sich geändert, meint auch Dr. Alexandra Langmeyer, Leiterin der Fachgruppe „Lebenslagen und Lebenswelten von Kindern“ des Deutschen Jugendinstituts e. V., sie nennt es den Wechsel vom Befehls- zum Verhandlungshaushalt: „Die Werte haben sich geändert. Früher stand klar Gehorsam und Ordnung an erster Stelle. Heute soll das Kind selbstbewusst sein und erfolgreich durchs Leben gehen.

So müssen Messer, Gabel und Löffel liegen. Auch Jungs lernen beim Benimm-Knigge-Seminar.
So müssen Messer, Gabel und Löffel liegen. Auch Jungs lernen beim Benimm-Knigge-Seminar. | Bild: Antje Urban

Gemeinsames Essen ist seltener

Das neue Denken stellt die Eltern vor Herausforderungen, weshalb sie vieles durchgehen lassen. Dabei gehört zu einer guten Erziehung heute wie damals, auch Grenzen und klare Richtlinien zu geben.“ Gemeinsames Essen finde ihrer Beobachtung nach immer weniger statt. „Jeder isst nach seinem Bedarf und Kinder werden im Restaurant oftmals mit dem Tablet ruhig gestellt.“ So könnten Tischmanieren nicht vorgelebt werden. Stattdessen entlasten sich Eltern, indem sie ihre Kinder zum Benimm-
unterricht schicken.

Vielen antiautoritär erzogenen Kindern der 60er, 70er und 80er Jahre und heutigen Eltern fehlt es denn selbst an der nötigen Sicherheit. Spätestens, wer die Karriereleiter emporsteigen will, stellt aber fest, dass es nicht nur im Privatleben, sondern auch im Berufsleben auf gute Umgangsformen ankommt. Und die „Etikette-Branche“ ernährt sich gut von diesem Zustand. Nicht nur das Angebot an Knigge-Trainings für Groß und Klein ist riesig, auch die Bücherregale sind voll mit Titeln, wie „Kids mit Stil“ oder „Benimm-Führerschein für Grundschüler“. Knigge-Trainerin Wegmann sieht das Dilemma ebenfalls: „Ich mache keinem Kind oder Azubi den Vorwurf, dass sie nicht wissen wie eine korrekte Begrüßung oder Vorstellung aussehen sollte oder wie manch diffizile Speise gemeistert wird, denn von wem sollen Sie es lernen, wenn nicht einmal die Eltern es vorleben oder es möglicherweise auch nicht gelehrt bekommen haben.“

Grüßen gehört zur Höflichkeit

Dabei geht es heute weniger um steife Benimmregeln, sondern um gesamtheitliche Werte. Ohne Werte seien Manieren nicht zu erreichen und Eltern sollten sich der Werte, die sie ihren Kindern mitgeben möchten, bewusst werden, so Wegmann: „Der Grundton des höflichen Miteinanders, gegenseitiger Respekt, Wertschätzung und Dankbarkeit sollten wieder eine Selbstverständlichkeit werden. Daher sind nicht nur Eltern, sondern auch Lehrer und Ausbilder gefragt. Da eignet sich das gute Beispiel Grüßen – egal, wer man ist, ein Tagesgruß gilt immer, wenn ein Raum betreten wird – ob im Büro, Arztpraxis, Bäcker oder en passant in der Nachbarschaft.“ Und in Hinsicht auf die Tischmanieren der Kinder kann nicht früh genug damit begonnen werden, denn nur wenn sie früh erlernt werden, werden sie zur Selbstverständlichkeit.

Knigge-Regeln für Jedermann

  1. Niesen: Beim Niesen den Rücken der linken Hand benutzen und sich wegdrehen. Hat sich jemand erschreckt, entschuldigt man sich. In kleiner Runde kann man sich ‚Gesundheit‘ wünschen, in großen wird es ignoriert.
  2. Andere anrufen: Nach 21.30 Uhr nur in äußerstem Notfall jemand anrufen.
  3. Unangekündigter Besuch: Die sollte man vermeiden, damit der Gastgeber nicht zu ungelegener Zeit gestört wird. Ansonsten: 30 Minuten vorher anrufen, um es abzuklären.
  4. Kleidung: Offizielle Anlässe erlauben es, den Gastgeber rechtzeitig nach seinem Kleidungswunsch zu fragen, sofern es nicht auf der Einladung steht. Sonst droht die Gefahr von unangenehmen Blicken.
  5. Unterhaltung: Korrekt antworten immer nur in ganzen Sätzen, nicht in Fragmenten. So heißt es nicht: „Ein Apfelschorle“ auf die Frage nach dem gewünschten Getränk, sondern: „Ich hätte gern ein Glas Apfelschorle.“
  6. Gastsein: Wer zu Besuch bei anderen ist, sollte sich vom Gastgeber entsprechend anweisen oder führen lassen. Da passt es gar nicht, wenn der Gast sich mal auf eigene Faust ein wenig umsieht. Akzeptabel ist es, wenn man den Gastgeber schon zu Beginn um eine kleine Führung bittet.
  7. Schuhe: Ein Gastgeber sollte seinem Gast erlauben, die Schuhe anzulassen. Sonst gilt: getragene Hausschuhe sollte man keinem anbieten. (sk)