Als der Audi Kombi mit VS-Kennzeichen sich in Schleichfahrt der Fähre nähert, wird Omar Bouaoune für einen Momente ein kleines bisschen energisch. Er rudert mit dem rechten Arm so durch die Luft, dass die neongelbe Warnweste hin und her rutscht. Als wollte er sagen: Nur, weil es auf einem Schild „Schritt fahren, Hochwasser„ heißt, gibt es noch keinen Grund zum Schneckentempo. Es ist Montagnachmittag, der Pegel des Bodensees hat gerade an der kritischen Marke von 4,80 Meter gekratzt, und in Konstanz-Staad hilft Bouaoune beim Beladen der Schiffe nach Meersburg. „Hochwasser?“, gibt er die Frage zurück, „bis es wirklich eng wird, dauert es noch.“

Steil hinauf auf die Fähre nach Meersburg: Besondere Überbrückungen sind in Konstanz-Staad im Einsatz.
Steil hinauf auf die Fähre nach Meersburg: Besondere Überbrückungen sind in Konstanz-Staad im Einsatz. | Bild: Rau, Jörg-Peter
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Zumal von dem vielen Treibholz, das vor allem über den Alpenrhein derzeit in den Bodensee gespült wird, noch nichts am Überlinger See angekommen ist. Vor Lindau oder Kressbronn gab es zeitweise trotz aller Bemühungen von Behörden und Helfern ganze Felder mit armdicken Ästen und ganzen Baumstämmen aus den Alpen. Entwurzelt von Schnee- und Schuttlawinen, mitgerissen von oberflächlich zu Tal stürzendem Wasser oder umknickt vom Sturm, sind sie in die Zuflüsse des Sees geraten. Während sie im Osten des Sees irgendwann tatsächlich Hindernis oder Gefahr werden könnten, ist der See zwischen Konstanz und Meersburg eine einzige blaue, friedliche Fläche. Bagger wie in Bregenz wird man hier so schnell nicht brauchen.

Vor dem „Römerbad“ auf der Lindauer Insel treibt ein großes Treibholzfeld.
Vor dem „Römerbad“ auf der Lindauer Insel treibt ein großes Treibholzfeld. | Bild: Susanne Hogl

Entspannung in den nächsten Tagen

Hochwasser-Warnschilder haben sie in Konstanz-Staad dennoch aufgestellt, und damit die Autos bei der Fahrt aufs Schiff nicht aufsitzen, gibt es stabile Brücken, die den Winkel entschärfen. Wo sich die Zufahrten sonst gemächlich gen Fahrbahndeck neigen, geht es derzeit recht steil bergauf. Hatten die Fährbetriebe beim letzten extrem hohen Wasserstand im vor fast genau drei Jahren noch auf schlichte Holzbohlen gesetzt, können sie dieses Jahr auf eine stabilere Konstruktion zurückgreifen.

Ob die Fährlinie erneut an ihre Grenzen stößt, ist dabei alles andere als ausgemacht. Die Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg (LUBW) hat lange Erfahrung in der Vorhersage von Pegelwerten. Für die nächsten Tage rechnet Expertin Ute Badde mit einer Entspannung. Das bewertet Metereologe Jörg Schmidt ähnlich. Der Chef des Dienstleisters Wetterkontor, von dem auch diese Zeitung ihren Wetterbericht bezieht, erwartet für die nächsten sieben Tage zwar Niederschläge, aber nicht den tückischen, tagelangen Landregen.

Der Regen frisst den Schnee weg

Dass der Pegel innerhalb weniger Tage so schnell steigen konnte, führt Ute Badde vor allem auf die Kombination aus viel Restschnee in den Alpen und ergiebigem Regen zurück. Was alle Skifahrer als Phänomen kennen und hassen – der Schnee wird förmlich weggefressen -, ist gerade im Frühsommer für den Bodensee bedeutsam. Die Schneehöhen in den Alpen gehen deshalb wie auch Lufttemperatur, Niederschlag oder Wind als Rechengröße in das Modell ein, mit die LUBW alle ein bis drei Stunden neue Prognosen für die Entwicklung des Wasserstands ermittelt.

„Betreten des Ufers verboten“: Im Naturschutzgebiet zwischen Bodman und Ludwigshafen.
„Betreten des Ufers verboten“: Im Naturschutzgebiet zwischen Bodman und Ludwigshafen. | Bild: Löffler, Ramona

Und wie zuverlässig ist eine solche Pegel-Vorhersage? Ute Badde sagt: „Das bekommen wir für ein so großes Gewässer wie den Bodensee gut hin, denn es verhält sich ja vergleichsweise träge.“ An einem kleinen Fluss könne der Wasserstand innerhalb von wenigen Stunden von 50 Zentimeter auf vier Meter steigen. Am Bodensee mit seinem riesigen Volumen sind die Ausschläge geringer. Das erklärt auch, warum Christopher Pape von den Konstanzer Stadtwerken am Tag der 4,79 Meter so gelassen ist: Es gibt zwar keinen festen Wert, ab dem die Schifffahrt eingestellt werden müsste. Aber unter 4,95 Metern ist es kaum kritisch, im Moment können alle Landestellen angefahren werden. Nur beim Besteigen und Verlassen der Schiffe gehe es auf den Rampen tatsächlich etwas steiler zu, so Pape.

„Es kommt, wie es kommt.“

Auch Valentina Stoll und Chiara Pandolfi schauen in Konstanz-Staad in aller Ruhe auf die Wasserfläche des Obersees hinaus. Die beiden sind aus Kempten im Allgäu für ein paar Tage an den Bodensee gekommen. Dass das Wasser so viel höher steht als normal, haben sie kaum noch gemerkt. Für den Rest ihres Aufenthalts dürfen sie mit einer Wetterlage rechnen, die den Pegel zumindest nicht weiter in die Höhe treibt. Im Mai, sagt Metereologe Jürgen Schmidt, hat es in Vorarlberg 50 Prozent mehr geregnet als im langjährigen Mittel. „Das“, gibt der Wetterexperte noch zu bedenken, „war schon überraschend, nachdem ja bereits vom nächsten Dürresommer die Rede war.“ Und das ist dann auch der Punkt, an dem Fähre-Einweiser Omar Bouaoune, Wetterkundler Jürgen Schmidt und Hochwasser-Expertin Ute Badde zusammenfinden: „Es kommt, wie es kommt.“

Nur die oberste Stufe ist gerade noch zu sehen von der Freitreppe am Überlinger Landungsplatz.
Nur die oberste Stufe ist gerade noch zu sehen von der Freitreppe am Überlinger Landungsplatz. | Bild: Deck, Martin

Hochwasser am Bodensee: So entsteht es

Der Bodensee ist das größte Gewässer im Voralpen- und Alpenraum, dessen Zuflüsse im Kern nicht reguliert sind. Das bringt erhebliche Pegelschwankungen mit sich.

  • Großer See, noch viel größeres Einzugsgebiet: Der Bodensee hat eine Fläche von 548 Quadratkilometern, was für einen Binnensee auch im europäischen Vergleich stattlich ist. Doch auf jeden Quadratkilometer Seefläche kommen 21 Quadatkilometer Einzugsgebiet. Darum ist es nicht nur wichtig, wie viel es direkt am Bodensee und in diesen hineinregnet, sondern vor allem, was um den See herum passiert.
  • Drei Viertel des Bodensee-Wassers stammen aus den Alpen: Der Alpenrhein sorgt aus der Ostschweiz, für rund 61 Prozent der Zuflüsse in den See. Auf Platz zwei folgt mit 13 Prozent die Bregenzer Aach, die den Bregenzerwald entwässert. Es folgen aus dem Allgäu die Argen (5,3 Prozent), aus dem Rheindelta Alte Rhein (3,1 Prozent) und aus Oberschwaben die Schussen (2,6 Prozent, Angaben der Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg)
  • Die Stauseen in den Bergen haben ebenfalls Einfluss: An den Zuflüssen von Vorder- und Hinterrhein in der Schweiz sowie im Montafon und in der Silveretta in Österreich betreiben verschiedene Unternehmen Kraftwerke. In Stauseen wird ein Teil des Wassers zurückgehalten oder aus tieferen Becken hochgepumpt, wie Dominique Durot von den Kraftwerken Hinterrhein in Thusis (Graubünden) auf Anfrage erklärt. Allerdings haben alle Stauseen im Einzugsgebiet zusammen ein Volumen von rund 800 Millionen Kubikmetern. Der Bodensee dagegen fasst etwa 48 Kubikkilometer. (rau)
    Erinnerungen an 1999: Zu Pfingsten hatte der Bodensee mit 521, Meter das stärkste Hochwasser seit 1890.
    Erinnerungen an 1999: Zu Pfingsten hatte der Bodensee mit 521, Meter das stärkste Hochwasser seit 1890. | Bild: Rüdiger Schall