Herr Latif, als wir im Jahr 2009 mit Ihnen gesprochen haben, hielten Sie Temperaturen von 50 Grad in Süddeutschland irgendwann für möglich. Jetzt haben wir fast 40 Grad und sind schon schwer gegrillt. Kann es denn noch heißer kommen?

Ja, da würde ich an meiner Aussage von damals festhalten. Ob es dann wirklich 50 Grad werden, ist nicht der Punkt, denn was ich damit sagen wollte: Wir haben längst nicht das Ende der Fahnenstange erreicht. Wenn wir also den Klimaschutz nicht ernsthafter als bisher betreiben, könnten die Temperaturen im Sommer auf weit über 40 Grad ansteigen.

Global betrachtet könnte die Durchschnittstemperatur bis Ende des Jahrhunderts um vier Grad steigen. Dabei will ich gar nicht daran denken, wenn es in Sibirien zum Auftauen des Permafrostbodens kommt und der dort gebundene Klimakiller Methan frei wird. Kippen noch weitere Teilkomponenten des Erdsystems, sind die 50 Grad sicher möglich.

Dann würden nicht nur der im Winter schneefreie Schwarzwald und sinkende Pegel auf dem Bodensee Realität. Was käme im Süden noch auf uns zu?

Die anhaltende Trockenheit ist das Eine. Aber es tritt ja auch das genaue Gegenteil ein, und zwar in Form von sintflutartigen Niederschlägen, die Überschwemmungen mit sich bringen. Deshalb sollte man nicht glauben, dass das, was wir gerade erleben, die einzige Blaupause für den Klimawandel ist. Es gibt ja noch eine zweite Seite der Medaille, und das sind Überflutungen wie im baden-württembergischen Braunsbach im Mai 2016.

Der Wasserpegel des Bodensees nimmt derzeit immer weiter ab.
Halbinsel Mettnau bei Radolfzell am Bodensee: Schwimmer müssen lange laufen, bis sie ins tiefe Wasser kommen. | Bild: Schuler, Andreas

Sie sagten 2009, das Einzige, was sie in den 10 Jahren zuvor überrascht habe, sei die schnelle Schmelze des Eises in der Arktis. Sind denn inzwischen weitere Überraschungen dazugekommen?

Ich bin von der Rasanz der Entwicklung jetzt noch überrascht. Man kann fast dabei zuschauen, wie schnell sich das Meereis in der Arktis zurückzieht. Seit Beginn der Satellitenaufnahmen 1979 registrieren wir – bezogen auf das Ende des arktischen Sommers im September – einen Rückgang um 40 Prozent. Das ist wirklich Wahnsinn.

Ist es denn möglich, dass die Grönländer irgendwann in der Sonne sitzen?

Nun ja, an der Südspitze Grönlands gab es schon immer eine Vegetation, daher kommt ja auch der Name des Landes. Auch dort steigen die Temperaturen, aber der grönländische Eispanzer wird nicht schnell komplett abschmelzen. Das dauert Jahrtausende. Dennoch trägt die Schmelze des Grönlandeises bereits zum Anstieg des Meeresspiegels bei, und der Prozess scheint sich in den letzten Jahren zu beschleunigen.

Das könnte Sie auch interessieren

Realistischer ist, dass es zu regelmäßig befahrenen Schifffahrtsrouten um Nordkanada herum und nördlich von Russland kommt . . .

Ja genau. Die Nordostpassage durch die Barentssee und das Eismeer nördlich von Sibirien ist ja schon an vielen Tagen für Schiffe frei, und die Nordwestpassage wird folgen. Man kann jetzt schon immer wieder mal durchfahren.

Sie waren mal sehr optimistisch, dass der Handel mit Emissionsrechten, den es seit 2005 in der EU gibt, zur Senkung des Treibhausgas-Ausstoßes deutlich beitragen würde. Jetzt hört man gar nichts mehr von diesem Handel. Was ist denn schiefgelaufen?

Es gibt einfach zu viele Zertifikate. Die kann man quasi aus der Portokasse bezahlen, und deshalb wird gar keine Lenkungswirkung erzielt. Das ist eine Folge der letzten Finanzkrise von 2008 und der danach einsetzenden Wirtschaftsflaute. Die Produktion ging zurück und die Zertifikate wurden nicht gebraucht. Wir schwimmen auch jetzt noch in Zertifikaten. Mit einer Gesetzesänderung soll aber erreicht werden, dass der Überschuss ab 2021 schneller abgebaut wird.

Sie haben früher schon darauf aufmerksam gemacht, dass Deutschland klimapolitisch keineswegs so gut dasteht, wie uns die Politik weismachen will. Jetzt kritisieren Sie ganz offen die frühere „Klima-Kanzlerin“. Was werfen Sie Angela Merkel vor?

Ich werfe ihr vor, dass den Ankündigungen keine Taten gefolgt sind. Wir haben doch alle die Bilder im Kopf als sie mit Sigmar Gabriel im Eismeer geschippert ist. Aber von der klimapolitischen Agenda ist leider nicht viel übrig geblieben.

Inwiefern?

Deutschland verharrt beim Treibhausgas-Ausstoß auf hohem Niveau. Und dafür ist eben auch die Bundeskanzlerin verantwortlich, weil sie die Richtlinien der Politik bestimmt.

Sind denn die ambitionierten Klimaziele, die auf dem Papier stehen, für Deutschland noch zu erreichen?

Von dem ursprünglichen Ziel, bis 2020 40 Prozent weniger Treibhausgase auszustoßen als 1990, hat sich die Bundesregierung ja schon verabschiedet. Jetzt soll mal wieder ein Gremium – die Kommission „Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung“ – bis Herbst schauen, was überhaupt noch zu retten ist. Unter anderem stehen die Kohleverstromung und damit auch die Braunkohlekraftwerke auf dem Prüfstand.

. . . und an der Braunkohle machen Sie Ihre Kritik hauptsächlich fest?

Ja. Es ist ein Elend, dass wir von der Braunkohle einfach nicht nur nicht loskommen, sondern sogar in Nordrhein-Westfalen aus Gründen der Jobsicherung neue Abbaugebiete eröffnet haben, obwohl man seit Jahrzehnten weiß, wie wichtig der Ausstieg aus Klimasicht wäre. Krampfhaft halten wir ohne Not an der Braunkohle fest.

Und dann gibt es ja den nächsten Klima-Schritt: 55 Prozent weniger bis zum Jahr 2030. Kann das gehen?

Das sehe ich überhaupt nicht. Ich kann gar nicht erkennen, wie Deutschland seine zuzugeben ehrgeizigen Ziele umsetzen kann – wenn wir bestenfalls mit Trippelschritten vorangehen.

Sehen Sie denn bei anderen europäischen Ländern eine druckvollere Klimapolitik?

Frankreich stößt zwar weniger Treib-hausgase aus. Aber das liegt am Atomstrom. Der aber kann für uns keine Option mehr sein. Wir können nicht das Übel Kohle durch ein anderes Übel ersetzen. Aber es geht ja nicht nur um nackte Zahlen. Man muss sehen, dass Deutschland in der Klimapolitik eine besondere Verantwortung hat. Natürlich ist unser Anteil an der globalen Erwärmung sehr gering, wenn man ihn mit dem von China oder den USA vergleicht. Aber darum geht es nicht. Es geht vielmehr um Glaubwürdigkeit.

Und wir sind nicht glaubwürdig?

Zurzeit jedenfalls nicht. Jeder Deutsche entlässt pro Jahr knapp 10 Tonnen Kohlendioxid in die Atmosphäre. Ein Inder aber weniger als zwei Tonnen. Das heißt: Jeder Deutsche emittiert fünf Mal mehr Treibhausgase als ein Mensch in Indien. Wenn man sich vorstellt, dass jeder der eine Milliarde Inder seinen Ausstoß um den Faktor fünf erhöht, kann man jeden Klimaschutz vergessen. Daher müssen wir den anderen Staaten zeigen, dass es uns ernst ist mit einer Vorreiterrolle.

Aber mit Blick auf unsere Energiewende haben wir die doch. Der Anteil der erneuerbaren Energien an der Stromproduktion lag in Deutschland 2017 bei einem Drittel. Das ist doch vorzeigbar.

Ja, und das wird in der Geschichtsschreibung der Zukunft vielleicht auch mal gewürdigt werden. Fest steht: Deutschland hat die Technik der erneuerbaren Energien bezahlbar gemacht, und zwar mit unseren Steuergeldern. Damit konnten die Preise für Solartechnik oder Windanlagen deutlich gesenkt werden. Daraus könnte sich – und das ist meine Hoffnung – eine weitere Dynamik entwickeln, die am Ende des Tages dazu führt, den Klimawandel doch noch in den Griff zu bekommen. Das Verdienst Deutschland ist es, diesen Prozess in Gang gebracht zu haben.

China setzt mittlerweile auf das Elektro-Auto. Könnte das Land eine Art klimapolitischer Motor werden?

Im Moment ist das nicht so. Der globale Ausstoß von Treibhausgasen ist 2017 wieder gestiegen, und daran hat auch China seinen Anteil. Aber die schmutzige Luft in den Metropolen zwingt China zum Handeln. Und so kann man zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Bessere Luft und weniger CO2-Emissionen. Daher müsste man auch in Deutschland viel stärker auf den Verkehr schauen und eine Mobilitätswende schaffen. Denn wir klagen ja auch über schlechte Luft.

Also auch mehr Investitionen in den öffentlichen Nahverkehr?

Ja, auf jeden Fall. Der wird zugunsten des Individualverkehrs stiefmütterlich behandelt. Auch das E-Auto ist ja nicht die Zukunft. Auch das steht nur herum, wenn es nicht genutzt wird – das Gegenteil von Mobilität! Ich selbst mache alle meine Termine in Städten mit dem ÖPNV oder ich fahre Rad.

ÖPNV ist doch besser und entspannter, als sich durch den täglichen Stau zu kämpfen. In Deutschland haftet dem Auto etwas Heiliges an, aber dennoch sollte man überlegen: Ist es jetzt besser, mit dem Auto zu fahren oder ergibt die Nutzung eines öffentlichen Verkehrsmittels nicht mehr Sinn?

Aber der Mensch ist bequem, und am Geld fehlt es den meisten auch nicht . . .

Daher sollte man mal an diesen Mittwoch, den 1. August, erinnern. Das war der „Earth Overshoot Day“, der Tag, an dem wir Menschen alle natürlichen Ressourcen aufgebraucht haben, die die Erde innerhalb eines Jahres regenerieren und nachhaltig zur Verfügung stellen kann. Das heißt: Wir leben seit gestern auf Kosten der zukünftigen Generation.

Was uns zu denken geben muss: Der Overshoot Day rückt immer weiter nach vorn. Wir übernutzen die Erde also immer mehr, anstatt den Rückwärtsgang einzulegen. Das würde auch heißen: Weniger fliegen. Die Politik lässt hier zu viel Unvernunft zu und überlässt die Sache dem Markt. Der aber richtet die Umwelt zugrunde.