Kai Bosch ist wackelig auf den Beinen, als er die Bühne betritt. Nicht wegen der Aufregung, der Slam-Poet hat bis zu diesem Tag schon einige Auftritte hinter sich gebracht. Ein Neuling ist er also nicht. Der Grund für seinen mühsamen Gang ins Rampenlicht ist seine angeborene Tetraspastik. Das bedeutet: Seine Feinmotorik ist nicht gut ausgeprägt, die Bewegungen seiner Arme und Beine sind eingeschränkt.

Trotzdem steht der 22-Jährige bei Poetry-Slams, Dichterwettstreiten, auf der Bühne. Er greift nach dem Mikrofon, der Applaus verebbt. Dann fängt Bosch mit seiner Show an. Den ersten Satz schafft er ganz ohne Probleme.

Handicaps? Erst recht ins Rampenlicht!

Doch bei Beginn des zweiten Satzes stottert er – eine weitere Einschränkung, die den jungen Mann begleitet. Die Tetraspastik und das Stottern könnten zwei Gründe sein, um nicht auf der Bühne zu stehen. Doch für den Backnanger Kai Bosch sind es zwei Gründe, um erst recht ins Rampenlicht zu treten.

Geboren als Frühchen, drei Monate vor dem Geburtstermin, begann das Leben für Kai Bosch nicht leicht. „Man war sich nicht sicher, ob ich es überhaupt packe“, sagt Bosch. Nach der Geburt kam es zu Komplikationen, keiner wusste, warum. Seine Tetraspastik entstand, mit der auch das Stottern einhergeht.

Es gab Zeiten, in denen Bosch kein Essen im Restaurant bestellen oder am Telefon seinen Namen sagen konnte. Doch die sind vorbei: Bis heute stand Kai Bosch schon rund 200-mal auf der Bühne. „Ohne meinen Sprachfortschritt wäre mein Bühnendasein gar nicht möglich gewesen“, sagt er.

Kai Bosch aus Backnang: Er wollte schon immer auf der Bühne stehen und seine zwei Handicaps haben ihn nicht davon abgehalten.
Kai Bosch aus Backnang: Er wollte schon immer auf der Bühne stehen und seine zwei Handicaps haben ihn nicht davon abgehalten. | Bild: Wetschera, Wiebke

Alle spielen Fußball, er schreibt

Sprache war für ihn Freund und Feind zugleich. Im Schreiben fand Kai Bosch ein Hobby, das ihn erfüllte. Während seine Freunde und Klassenkameraden Mountainbike fuhren und Fußball spielten, saß er zu Hause und schrieb Texte. Im Alter von 15 Jahren veröffentlichte er sein erstes Buch.

Doch gleichzeitig fiel ihm das Sprechen durch seine Stotterei oft schwer. Seine Sprachtherapie zog sich über viele Jahre hin. Der Besuch bei zahlreichen Logopäden brachte nur kurzzeitige Verbesserungen. 2014, im Alter von 17 Jahren, nahm er dann an einer Intensiv-Therapie teil. Mit Erfolg – seitdem hat er sein Stottern besser unter Kontrolle.

Mit einem Workshop fing alles an

Zum Poetry-Slam kam er durch einen Workshop an der Schule. Drei Monate nach seiner Sprachtherapie gab es für alle Teilnehmer des Workshops einen Wettbewerb. Kai Bosch stand zum ersten Mal als Poetry-Slammer auf der Bühne. „Tagträumer“ heißt der erste Text, der sich um persönliche und gesellschaftliche Wünsche dreht.

Ein Wunsch ging für den damaligen Schüler in Erfüllung: Er gewann den Wettbewerb – trotz seines Handicaps. „Das war für mich die Eintrittskarte zum Poetry-Slam.“ Nur ein Jahr später gewann er auch die U20-Landesmeisterschaft Baden-Württembergs im Audimax der Konstanzer Universität. Sein Auftritt vor 700 Leuten bleibt ihm bis heute in Erinnerung: „Das war der komplette Wahnsinn.“

Handicap als Alleinstellungsmerkmal

Der Wunsch aufzutreten, ist aber schon viel älter. Mit 13 Jahren sagte er zu seinen Eltern: „Eines Tages stehe ich auch mal auf der Bühne.“ Die waren anfangs skeptisch, seine guten Texte kannten sie. Doch: Wie soll das mit der Sprache funktionieren?

Mittlerweile steht Bosch seit 4,5 Jahren auf der Bühne. Seine Auftritte sind anders als die von üblichen Poetry-Slammern, das weiß er: „Ich habe nicht den Anspruch, sechs Minuten lang zu reden, ohne mal zwischendurch zu stottern.“ Er lernt seine Texte vollständig auswendig, das gibt ihm Sicherheit.

Positiv und selbstbewusst

Sie haben weniger Inhalt, weniger Variation, Bosch macht das aber durch die Interaktion mit dem Publikum wieder wett. „Mein Handicap ist mein Alleinstellungsmerkmal“, sagt der 22-Jährige, der mittlerweile im zweiten Semester Kommunikationswissenschaft studiert.

Heute ist er positiv und selbstbewusst: „Es ist mir egal, was die Leute denken.“ Der Weg, den Kai Bosch bis dahin gegangen ist, war steinig. Für ihn ist nichts selbstverständlich. Erst seit 2011 kann er weitestgehend schmerzfrei laufen. Doch er ist seinen Weg gegangen.

Jetzt nimmt er anderen die Angst vor der Bühne

Mittlerweile gibt er Workshops, um anderen die Angst vor der Bühne zu nehmen. „Ich sage immer: Ich habe es geschafft, also kannst du es auch schaffen.“ Bei seinen Auftritten spielt er auch mit seinem Handicap, nutzt es, um Pointen zu platzieren.

Anfang des Jahres hat er einen Text über Inklusion geschrieben. „Ich fühle mich in der Pflicht, solche Inhalte zu transportieren“, sagt er. Seine Orientierungslosigkeit, seine Gleichgewichtsstörungen, die Schmerzen beim Gehen – all das wirft Kai Bosch nicht aus der Bahn. „Wenn ich umfalle, dann stehe ich eben wieder auf“, sagt er und lacht. Dann geht es für ihn wieder auf die Bühne. Mit dabei seine größte Pointe: sein Handicap.

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