An der Ekkehardstraße in Singen treffen Gegensätze aufeinander. Der pompöse Altbau der Realschule. Das Mauerwerk: Dunkelrot mit weißen Akzenten. Alte Türen aus dunklem Holz mit verzierten Klinken. Daneben: ein eckiges Gebäude mit hellgrauen Betonwänden. Vervollständigt von modernen Fenstern in schlichtem Design. Altbau trifft auf Nachkriegsbau. Traditionen auf Moderne. Ein Bild, das auch im Innern der Schule nicht verebbt. Katholische Religion, evangelische Religion, konfessionsübergreifende Ethik – Altbau. Und das moderne Gegenstück: Islamischer Religionsunterricht.

Yassemin Yildriz ist eine von über 130 Schülern und Schülerinnen, die den Islamischen Religionsunterricht an der Ekkehard-Realschule besuchen. Ihre Eltern kommen aus der Türkei, sie ist mit dem Islam aufgewachsen. Heute ist die Muslima 15 Jahre alt und besucht die 9. Klasse der Realschule. „Durch den Unterricht mache ich mir viel mehr Gedanken zum Islam„, sagt Yildriz.

Das könnte Sie auch interessieren

Unterricht soll Toleranz vermitteln

Der Islamunterricht sunnitischer Prägung wird von der 5. bis zur 10. Klasse angeboten und findet in der Zeit statt, in der die Mitschüler ebenfalls den Religionsunterricht besuchen. Thematisch befasst sich der Unterricht mit allem, was mit dem Islam zu tun hat – die Glaubenslehre, die Geschichte der Religion, die Lehren des Koran – aber auch darüber hinaus: das Leben in der Gesellschaft mit Nicht-Muslimen oder der Vergleich mit anderen Religionen. „Das Wichtigste ist, dass die Kinder sich Wissen aneignen, um das in der Gesellschaft nutzen zu können“, sagt Islamlehrer Niyazi Varol.

Niyazi Varol ist der einzige Lehrer an der Ekkehard-Schule, der den islamischen Religionsunterricht leitet.
Niyazi Varol ist der einzige Lehrer an der Ekkehard-Schule, der den islamischen Religionsunterricht leitet. | Bild: Wetschera, Wiebke

Varol ist der einzige Islamunterrichtslehrer an der Realschule. Er unterrichtet zudem Mathe, Biologie und Chemie. Mit dem Islam ist er aber aufgewachsen, ging schon als Kind regelmäßig in die Moschee. „Ich praktiziere meinen Glauben auch und mache das gerne“, sagt Varol. Mit dem Unterricht verfolgt Varol ein Ziel: Die Kinder sollen den Islam richtig verstehen. „Damit sie nicht auf falsche oder extremistische Wege abdriften“, sagt der 42-Jährige. „Sie lernen, tolerant zu sein und lassen sich dadurch auch besser integrieren.“

Die Schülerinnen Yassemin Yildriz (von links), Ulpiana Alili und Hiba Mebarkaoui besuchen die 9. Klasse der Singener Realschule. Seit der 6. Klasse nehmen die 15-jährigen Mädchen am Islamunterricht teil.
Die Schülerinnen Yassemin Yildriz (von links), Ulpiana Alili und Hiba Mebarkaoui besuchen die 9. Klasse der Singener Realschule. Seit der 6. Klasse nehmen die 15-jährigen Mädchen am Islamunterricht teil. | Bild: Wetschera, Wiebke

Das findet auch Yassemin Yildriz, die den Unterricht von Niyazi Varol schon seit Beginn im Schuljahr 2015/2016 besucht. „Wir lernen viel darüber, wie man mit Menschen umgeht“, sagt sie. „Das sollten auch die Leute wissen, die neu hierher kommen, um zu verstehen, wie sie sich integrieren können.“ Die eigenen Eltern hätten oft nicht genug Zeit, die Hintergründe der Religion ausführlich zu erklären, sagt ihre Klassenkameradin Hiba Mebarkaou: „Für uns ist es besser, wenn der Unterricht in der Schule angeboten wird.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kultusministerium gründet Stiftung

Der Islamische Religionsunterricht ist seit 2006 als Lehrfach an einigen öffentlichen Schulen des Landes eingerichtet. Neben der Ekkehard-Realschule bietet auch die Schillerschule in Singen den Islamunterricht an. Auch die Gartenschule, eine Grundschule in Villingen-Schwenningen, macht bei dem Projekt mit. Das Land hat ihn bislang als Modellprojekt selbst organisiert, Vertreter der vier islamischen Verbände wirkten in einem Projektbeirat mit.

Diese Zusammenarbeit zwischen Land und Verbänden läuft noch bis Ende des laufenden Schuljahres. Dann soll der Islamunterricht mithilfe einer Stiftung in Baden-Württemberg organisiert werden. „Der islamische Religionsunterricht eröffnet muslimischen Kindern und Jugendlichen eine fundierte Auseinandersetzung mit ihrer Religion und trägt zu einer selbstbestimmten Identitäts- und Wertebildung bei“, sagt Kultusministerin Susanne Eisenmann. „Es ist mir ein wichtiges Anliegen, auch in Zukunft islamischen Religionsunterricht anbieten zu können.“

Für die Inhalte des Islamunterrichts gibt es konkrete Pläne vom Kultusministerium.
Für die Inhalte des Islamunterrichts gibt es konkrete Pläne vom Kultusministerium. | Bild: Wetschera, Wiebke

Einen großen Teil des Unterrichts nehmen Fragen zum Islam im Schulalltag ein. Die Schülerinnen beten jeden Morgen um sechs Uhr, dann wieder nach regulärem Schulschluss. Ausflüge würden häufig für Unsicherheit sorgen, wenn diese mit den Gebetszeiten kollidieren. Deshalb klärt Varol seine Schüler über ihre Pflichten auf: „Wenn sie mehr wissen, dann trauen sie sich auch mehr.“ Der Unterricht trage daher zur Integration bei.

Trotzdem gebe es noch „viel zu tun.“ Ein ebenso wichtiges Thema ist die Fastenzeit. Sie ging bis zum 3.Juni. Einen Monat lang durften Moslems zwischen Sonnenauf- und -untergang weder essen noch trinken. Das überschneidet sich mit den Abschlussprüfungen der Zehntklässler. „Bei so wichtigen Prüfungen sollen sie nachfasten“, sagt Varol. Das bedeutet: Einen Tag pausieren und ihn stattdessen am Ende der Fastenzeit nachholen. Auch bei Klassenfahrten rate er dazu.

Nachfrage nach Islam-Unterricht ist groß

Vor allem die jüngeren Schüler würden oft so viele Fragen stellen, dass Varol das eigentlich geplante Thema des Unterrichts vernachlässigen müsse. „Wenn ich die gleichen Schüler in Mathe habe, melden sie sich viel weniger“, sagt Varol schmunzelnd. Was den Schülern auf der Seele brennt? Anfeindungen, Vorfälle in der Welt wie der Anschlag in Neuseeland oder in Paris 2015. „Das berührt sie, das wollen sie besprochen haben.“

Ulpiana Alili hat der Islamunterricht Sicherheit beim Gebet gegeben: „Als ich das erste Mal gebetet habe, wusste ich nicht, was ich aufsagen soll“, gibt sie zu. Dann fügt die 15-Jährige stolz an: „Jetzt kann ich es alleine.“ Die Nachfrage nach dem Islamunterricht ist ungebrochen. Die Gruppe musste bereits geteilt werden, weil nur ein Lehrer zur Verfügung steht. „Wir haben einen hohen Anteil an muslimischen Schülern, das sieht man auch an der Nachfrage des Unterrichts“, sagt Rektorin Patricia Heller-Tassoni.

Patricia Heller-Tassoni ist die Schulleiterin der Ekkehard-Realschule in Singen.
Patricia Heller-Tassoni ist die Schulleiterin der Ekkehard-Realschule in Singen. | Bild: Wetschera, Wiebke

In ganz Baden-Württemberg wollen immer mehr Schulen den Islamunterricht einführen. Die muslimischen Schüler haben dann die Wahl zwischen Islamunterricht und Ethik. An der Ekkehard-Realschule gehört der Islam schon zum Alltag. So sehr, dass Niyazi Varol jeden Freitag in der 6. Stunde frei hat. Denn dann muss der Lehrer sein Freitagsgebet abhalten. Auch hier lässt sich erkennen: In der Ekkehard-Realschule in Singen trifft Tradition auf Moderne.