Ursula Gasch ist ausgebildete Psychologin und Kriminologin und arbeitet unter anderem als Gerichtsgutachterin und Dozentin. Sie war außerdem langjährige psychologische Beraterin der Polizei in Fällen schwerer Kriminalität. In Tübingen leitet sie das Private Institut für Kiminalpsychologie.

Frau Gasch, was macht die Grusel-Clowns gefährlich?

Zunächst einmal möchte ich den Begriff Grusel- oder auch Horror-Clowns nicht verwenden, das ist beides verharmlosend. Außerdem stellt er die gesamte Branche der guten, gemeinnützig tätigen Clowns infrage. Mir wäre Bad-Clowns, also böse Clowns lieber. Alles andere würde einen falschen Stolz wecken. Aber zu Ihrer Frage: Diese Clowns stellen sowohl eine reale Gefahr dar, wenn sie Menschen tatsächlich angreifen oder auch nur erschrecken und verfolgen, als auch eine abstrakte.

Was meinen Sie damit?

Der Mensch rastert seine Umgebung regelmäßig auf potentielle Gefahren ab, das ist erst einmal nicht schlimm, sondern einfach instinktiv. Wir scannen unser Gegenüber in Sekundenbruchteilen, und achten dabei vor allem auf die Mimik. Fehlt uns die bei diesen Bad-Clowns wegen der Maske, können wir eine Situation nicht einschätzen. Hinzu kommt das, was ich einen falschen Kontext nennen möchte. Wir erwarten keine Clowns im Alltag, zum Beispiel beim Einkaufen, am Bankschalter oder auf der Straße – sofern nicht gerade Fasnacht ist.

Warum wählen diese Leute denn gerade den Clown?

Lange Zeit galt die Figur des Clowns als Unterhalter, als Komiker und als sympathische Figur. Und das gilt sie in vielerlei Hinsicht immer noch. Denken Sie an die vielen positiven Effekte für schwerkranke Kinder in Krankenhäusern. Aber es gab auch einen Wandel, eben jene Entwicklung des Bad-Clowns. Das beste Beispiel dafür ist der Clown Pennywise in Stephen Kings Roman „Es“. Ein noch schauerlicheres Beispiel aus der Realität ist der amerikanische Serienmörder John Wayne Gacy, der als Clown auftrat und in den 70er-Jahren 33 junge Männer entführte und tötete. Mittlerweile gibt es Studien, dass sich Kinder an Clowns mehr fürchten als erfreuen.

Warum machen sich Menschen einen Spaß daraus, andere im Clowns-Kostüm zu erschrecken?

Es gibt ihnen einerseits ein Gefühl von Macht und Genugtuung, Panik schüren zu können. Entweder, weil sie im Alltag selbst erniedrigt werden, oder aber schlicht gelangweilt von ihrer Welt sind. Da es sich inzwischen um ein weltweites Phänomen handelt, sollte nicht unterschätzt werden, dass sich manche als Teil einer Bewegung fühlen, ihrem Leben einen kollektiven Sinn geben wollen.

Warum gerade als Clowns?

Nun, die Maske verleiht das Gefühl von Anonymität, man befindet sich buchstäblich hinter einer Fassade. Da das vermehrt junge Menschen machen, könnte ich mir vorstellen, dass sie sich ähnlich fühlen, wie im virtuellen Raum. Auch dort bewegen sie sich, zumindest vermeintlich, in der Anonymität.

Was richten diese Leute an?

Das reicht von einer kurzzeitigen Angst vor der Situation, dem Gefühl eines Kontrollverlustes bis hin zu Panik. Außerdem kann es zu körperlichen Folgen für den Erschreckten kommen. Denken Sie an Schwangere, die dadurch ihr Kind verlieren könnten. Oder die Gefahr eines Herzinfarkts, die durchaus gegeben ist. Ich sehe aber noch eine weitere Gefahr.

Und die wäre?

Ich halte es für durchaus möglich, dass sich durch die sozialen Medien eine Art Bürgerwehr bilden könnte, die sich die Clowns vornehmen möchte. Sie sehen: Die Folgen sind vielfältig und auch schwer.

Glauben Sie, die Bad-Clowns sehen das ein?

Nein. Sie wissen nicht, was sie tun. Abgesehen davon, dass sie sich im strafrechtlichen Bereich bewegen, hat das mit Spaß aber auch überhaupt nichts zu tun. Es muss hart bestraft werden, wir reden hier nicht von einer harmlosen, gar witzigen Kleinigkeit.

Warum steigen viele Menschen mit Falschmeldungen auf das Thema ein?

Es gibt Trittbrettfahrer auf beiden Seiten, in beiden Fällen geht es hauptsächlich um Aufmerksamkeit. Einige mögen sehen, dass diese Clowns Aufmerksamkeit bekommen, wenn sie ihre Taten öffentlich machen, etwa als Video ins Internet stellen. Andere schätzen die Aufmerksamkeit, die Opfer bekommen. Das kann der Genuss der berühmten 15 Minuten Ruhm sein, aber auch ein dringendes Bedürfnis nach tieferer sozialer Zuwendung. Für tatsächliche Opfer und ihre lang erkämpften Rechte ist das ein Schlag ins Gesicht.

Fragen: Benjamin Brumm