Frau Schnierle, auf was kommt es beim Shopping an?

Dass man eine ganz klare Vorstellung davon hat, wie die Kleidung sein muss, damit sie zum eigenen Körper passt und dem persönlichen Stil gerecht wird. Schnitte, Längen, Farben und so kleine Details wie Muster, Nähte oder Knöpfe sind alles Bestandteile eines Kleidungsstückes, welche sich der Designer ausgedacht hat. Im besten Fall passen seine Ideen zu meinem Körper und zu meiner Vorstellung von mir selbst. Es ist wie eine Suche nach dem idealen Kleidungsstück. Vielleicht macht es deshalb besonders den Frauen so viel Spaß (sie lacht).

Petra Schnierle ist Stilberaterin in Ravensburg.
Petra Schnierle ist Stilberaterin in Ravensburg. | Bild: Derek Schuh

 

Wie vermeide ich Fehlkäufe, die mich später ärgern? Sollte ich jemanden
mitnehmen? Eine Freundin?

Am besten niemals unter Zeitdruck einkaufen. Wenn man ein ganz bestimmtes Outfit braucht, für einen Anlass oder so, dann ist die Gefahr groß, dass man irgendwas kauft. Auch hier hilft eine klare Vorstellung davon, was noch fehlt im Kleiderschrank. Gut sind immer Sachen, die man mit dem kombinieren kann, was schon im Schrank ist. Fragen Sie sich deshalb immer, ob Sie dieses Teil mit mindestens sechs anderen Sachen im Schrank kombinieren können. Und sobald Sie in der Umkleidekabine das Gefühl haben, „das gefällt mir nicht an mir“ oder „das sieht komisch aus“, ist das der richtige Impuls. Fast alle Frauen sehen sofort, ob ihnen ein Outfit steht oder nicht. Sie kennen nur nicht das „Warum“ und glauben sich selbst das dann nicht. Ohnehin liegt das dann immer am Kleidungsstück und nicht an der Frau. Es ist wichtig, Kleidung zu suchen, die zu einem passt, und nicht zu versuchen, irgendwie in die Kleidung zu passen.

Sollte man den eigenen Mann mitnehmen? Eher nicht, oder? Der traut sich nichts zu sagen...

Ich erlebe Männer beim Einkaufen oft sehr viel strukturierter und klarer von der Vorstellung her als Frauen. Sie scheitern eher am Überangebot und der riesigen Auswahl. Trotzdem ist die Gefahr immer groß, dass der gut gemeinte Rat aus einem ganz bestimmten Bild herauskommt, das der andere von mir hat. Ein guter Berater oder eine gute Beraterin legt den eigenen Geschmack ab und sieht, was die Person ausmacht. Das ist das, was professionelle Stilberater machen und was sie auch von Stylisten unterscheidet. „Überredete“ Kleidungsstücke, egal, von wem, sind meist Schrankleichen. Wenn man sich selbst darin nicht gefällt, bleibt das auch so.

Welche Basics braucht jede Frau? Was sind die Must-Haves?

Eine zur Figur passende Jeans, ein klassischer Blazer, der mit allen Details zur Trägerin passt, und eine sehr gut sitzende Bluse. Damit ist Frau bestens ausgestattet. Mit unterschiedlichen und ganz individuellen Accessoires kann sie dann diese zeitlose Grundgarderobe in einen immer neuen Kontext bringen.

Müssen Frauen unbedingt Größe 38 haben, damit Mode gut aussieht?

Nein! Im Gegenteil. Mode sieht so oder so immer nur dann gut aus, wenn es zur Liniensprache, zum Farbtyp, zur Gesichtsfläche und der Haut- und Haarstruktur der Trägerin passt. Wer diese Stil-Parameter von sich kennt, kann Mode zielgerichtet nutzen, um sich optimal in Szene zu setzen. Egal, in welcher Größe.

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Mein Eindruck ist, dass es sehr viel mehr schöne Mode für Frauen mit Kurven gibt als früher. Früher hörte Mode bei Größe 42 auf…

Ja, das ist ein toller Trend, der endlich die Frauen so lässt, wie sie sind. Und nicht ein Ideal vorgibt, dass es so in der Vielzahl gar nicht gibt oder nur mit eiserner Disziplin zu halten ist. Viele Hersteller haben letztes Jahr ihre Kataloge um dieses Angebot ergänzt. „Curvy models“ haben nicht nur über diverse Fernsehformate einen längst fälligen Trend losgetreten, sondern auch bei Instagram folgen diesem Hashtag bereits viele Millionen junger Frauen. Prima Sache.

Früher sagte man, dass Frauen ab einem gewissen Alter dies und jenes nicht mehr dürfen. Also z.B. keine ärmellosen Blusen mehr ab 40 und auch keine knalligen Farben. Ist das passé?

Entscheidend ist immer, was mir an mir gefällt und was nicht. Es gibt bestimmte optische Phänomene bei der Kleidung, die man kennen sollte. Also Techniken, die den Blick auf ganz bestimmte Körperteile lenken. Eine ärmellose Bluse zieht den Blick des Gegenübers direkt auf den Oberarm. Wenn einem der Oberarm selbst gefällt, ist das dann prima. Wenn nicht, ist das eher schlecht (schmunzelt). Das Gefühl, für sich gut, stimmig und passend angezogen zu sein, strahlt nach außen und nach innen. Das kann man der Trägerin ansehen.

Wie gehen Sie selbst vor, wenn Sie zum Shoppen unterwegs sind? Oftmals „läuft“ man ja an Teile einfach ran.

Bei Einkaufsbegleitungen sichte ich meist vorher das Sortiment am Einkaufsort und mache mit der Kundin einen Plan, was genau sie braucht. Ich bin dann wie ein „Scanner“, der mit geübtem Blick die Kleidung für die Kundin herauspickt, indem ich alle Ergebnisse aus der Beratung zusammenfließen lasse. Es muss dann nur noch die Größe passen. Ich sehe dem Kleidungsstück schon vorher an, ob es der Kundin stehen wird. Ich freue mich immer wahnsinnig mit, wenn die Kundin im Spiegel entdeckt, wie schnell, leicht und einfach es ist, gut auszusehen, wenn man den Blick auf Kleidung und den Anspruch daran verändert.

Ziehen Sie los und sagen: Ich brauche heute einen schmal geschnittenen Pullover in der und der Farbe? Meine Erfahrung ist, dass man den dann nie findet.

Ja, das ist leider so. Wenn ich für mich einkaufen gehe, habe ich eine ganz bestimmte Vorstellung davon, was ich brauche und suche. Da mache ich dann auch keine Kompromisse. Wenn es das nicht gibt, kaufe ich es nicht. Mein Kleiderschrank ist klein, komplett und gibt für alle Anlässe was her. Meine persönlichen Lieblingsteile sind dann meist Zufallsfunde beim lockeren Shoppen in irgendeinem Ausverkauf. Das macht mir dann richtig Freude. Ich nenne das meine „Schätzchen“.

Ändern sich Farben, die einem stehen, im Laufe des Lebens?

Nein, der Farbtyp bleibt immer gleich. Es geht um die Einteilung in kalte und warme Farben und darum, welche Farbpigmente ich selbst habe. Farben, die der eigenen Pigmentierung entsprechen, betonen diese durch Reflexion. Man sieht dann frisch und fast ein bisschen aus, als ob man „leuchten“ würde. Gegensätzliche Farben lassen einen fahl und müde aussehen. Dieser Unterschied wird bei einer professionellen Farbberatung so herausgearbeitet, dass Sie das selbst sehen können.

Ich werde bald 52, bekomme gerade die ersten grauen Haare und stelle fest, dass mir Gelb lang nicht mehr so gut steht wie früher.

Die Frage ist dabei eher nach der Wirkung der Farbe. Farben sind ein großer Kommunikator direkt in unsere Gefühlswelt, über Assoziationen. Das kann man vor allem im Beruf für sich nutzen. Wenn Sie das „richtige“ Gelb haben, also warm oder kalt, ist das auf jeden Fall o.k. Vielleicht fühlen Sie sich in der auffälligen, lauten und sportlich-aktiven Wirkung der Farbe nicht mehr so wohl.

Kann man dafür neue Farbtöne tragen? Das wäre ja nur fair.

Durch graues Haar verändert sich der Farbtyp zwar nicht, wird aber insgesamt heller. Das bedeutet, dass hellere oder auch sattere Farben aus der persönlichen Farbpalette dann einfach noch ein bisschen besser aussehen. Ein einfacher Tipp, um festzustellen, ob die Farbe zu hell oder zu satt ist: Beim Blick in den Spiegel sollte die erste Aufmerksamkeit immer ins Gesicht gehen und nicht auf das Oberteil. Eine moderne, selbstbewusste und sichere Ausstrahlung lenkt den Blick des Gegenübers nicht auf den Körper, sondern immer ins Gesicht.