Herr Doerflinger, wenn ich einen Außenkontakt mit einem Kunden habe und dafür meinen Lieblings-Blazer anziehe, trete ich ganz anders auf. Selbstsicherer, ruhiger. Warum ist das so? Ich bin ja eigentlich der gleiche Mensch wie sonst auch...

Das Ganze hat zwei Komponenten. Die eine ist die Präsentation des Menschen nach außen, die andere ist das Symbolisieren des eigenen Selbst an die eigene Adresse. Die Außenkomponente hat eine strategische Bedeutung. Was will ich meinem Gegenüber damit zeigen? Wenn Männer im Business einen Anzug und Frauen einen Blazer tragen, wird ihnen ein höherer Status zugeschrieben, das haben einige Studien gezeigt. Kleider machen also Leute. Das geht so weit, dass mit höherem Status sogar eine größere Körpergröße assoziiert wird. Wir haben also die Präsentation nach außen – ich möchte, dass mein Gegenüber mich ernst nimmt und mir einen hohen Status zubilligt. Die Frage ist aber nicht nur: Wer bin ich, sondern auch: Wer möchte ich sein? Wenn ich das Gefühl habe, dass ich diese Identität nicht erreiche, kann es sein, dass ich sie symbolisiere. Zum Beispiel Kompetenz erwirke, mir einen Titel zulege oder Kleidung trage, die symbolisiert, was man ist. Ein Arzt, der Zweifel an seiner beruflichen Identität hat, wird häufiger einen Arztkittel tragen, um die eigene Identität zu bestärken. Allerdings muss es jemand bemerken, dass er diese Symbole trägt.

In vielen Firmen gibt es ja eine feste Kleiderordnung. Warum wird darauf so großer Wert gelegt? Weil eben diese Kompetenz damit assoziiert wird?

Zum Teil sicherlich. Solche Kleiderordnungen, aber auch Uniformen, haben gemeinschaftsstiftende Effekte, aber auch eine de-individualisierende Wirkung. Man repräsentiert nicht mehr nur sich selbst, sondern auch das Unternehmen. Das Unternehmen hat einen bestimmten Auftritt.

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Es gibt ja immer auch Leute, die sich um diese Kleiderordnung nicht ganz so scheren. Was signalisieren die damit? Sind die besonders selbstbewusst oder einfach nur nachlässig?

Nachlässigkeit ist das nicht unbedingt. Mit Selbstsicherheit sind wir näher dran. Dieser Mensch signalisiert, dass er diese Kleiderordnung gar nicht braucht. Wer sich noch ein bisschen unsicher ist, der trägt den Anzug vielleicht ganz gern, weil er ihm zusätzliche Sicherheit gibt. Wer diese Sicherheit schon mitbringt, der braucht das unter Umständen gar nicht.

Leonardo DiCaprio als falscher Pilot im Film "Catch me if you can" von Steven Spielberg (2002), umgeben von Pan-Am-Stewardessen.
Leonardo DiCaprio als falscher Pilot im Film "Catch me if you can" von Steven Spielberg (2002), umgeben von Pan-Am-Stewardessen. | Bild: Imago

Im Film "Catch me if you can" zeigt Leonardo DiCaprio in der Rolle des Hochstaplers und Scheckbetrügers Frank Abagnale sehr gut, wie dieser erfolgreich als Pilot, als Arzt und als Jurist auftrat. Dieser Film ist für Sie auch als Psychologe interessant, oder?

Auf jeden Fall. Da sieht man sehr gut, wie sich mit der Wirkung von Kleidung die Rollen nach außen verändern. Eine andere Kleidung sorgt für einen anderen Auftritt. Das sieht man auch ganz deutlich, wenn man bei einem Theaterstück mitwirkt. Wichtig ist dafür aber eine gewisse Selbstsicherheit. Wenn der Hochstapler in dem Film nicht mit dieser Selbstverständlichkeit aufgetreten wäre, würde auch die Kleidung nicht so wirken. Wenn Kleidung und Verhalten nicht zusammenpassen, dann sendet das ungünstige Signale.

Bei Jugendgruppen spielt Kleidung eine besonders große Rolle. Da hat Kleidung aber auch die Funktion, Zugehörigkeit zu symbolisieren?

Ja, sie symbolisiert Identität. Das kann eine persönliche Eigenschaft sein, ein Status, aber auch die Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Ganz prägnant ist das bei Fußballfans zu sehen, die klar signalisieren, zu welcher Gruppe sie gehören. So ist es auch bei Jugendlichen einer bestimmten Subkultur. Sie zeigen mit ihrer Kleidung: Ich gehöre zu dieser Gruppe, das ist die Identität, die ich habe oder die ich haben will.