Ein Außentermin mit Kunden. Morgens die schicke, hellblaue Bluse mit Kelchkragen herausgelegt, eine dunkle Jeans ohne Waschung dazu und den marineblauen Blazer, ein wenig Lippenstift – und schon fühlt sich jede berufstätige Frau bereit für den großen Auftritt. An einem anderen Tag ist Schreibtischarbeit angesagt. Da kommt frau mit einer hellen Jeans und einem hübschen, aber etwas lässigeren Shirt ins Büro.

Kleidung gibt Sicherheit

Warum ziehen wir uns für unterschiedliche Situationen unterschiedlich an? „Wenn man sich für einen Anlass oder für einen Geschäftstermin anzieht, gibt einem das ein Stück Sicherheit, die man dann auch ausstrahlt. Man tritt anders auf“, erklärt Barbara von Ow, Stylecoach in Waldshut beim Modehaus Andreas Keller.

Barbara von Ow ist Stylecoach bei Andreas Keller in Waldshut.
Barbara von Ow ist Stylecoach bei Andreas Keller in Waldshut. | Bild: Barbara von Ow

Sicherheit – so weit, so gut. Aber Kleidung sendet auch andere Botschaften aus. Warum kommen wir zu einer Hochzeit als Frau (falls wir nicht die Braut sind) auf keinen Fall in Weiß, und warum tragen Pfarrer Schwarz, die katholischen Kardinäle Rot und der Papst Weiß? Anlässe, gesellschaftliche Rollen, Status – all das spielt hinein, wenn wir uns für den Tag bekleiden.

Der Stand einer Person

In früheren Jahrhunderten zeigte Kleidung zunächst mal ganz simpel den Stand einer Person an. Je höher der Stand, desto aufwendiger, farbiger und schöner verziert die Kleidung. Das ist heute nicht mehr so. Jeder darf alles tragen. Das gelingt mal, mal auch nicht. Man braucht sich nur einmal an einem schönen Tag in ein Straßencafé zu setzen und die Passanten zu betrachten.

Kleidung ist viel mehr als nur Stoff, der uns davor schützt, im Winter zu frieren und im Sommer einen Sonnenbrand zu bekommen. Sie drückt Launen, Gefühle und Stimmungen aus – deshalb greifen wir manchmal zu einem grauen Pullover und ein anderes Mal zu einem türkisen Shirt. Oder wir machen es ganz genau und bewusst anders herum, greifen an einem trüben Tag im Winter zum roten Wintermantel und zaubern damit allen Umstehenden ein Lächeln ins Gesicht.

Wir zeigen unsere Rolle

Kleidung kann aber noch mehr. Sie ist Bestandteil unserer Identität. Sie zeigt, wer wir sind, wer wir sein wollen oder welche Rolle wir gerade erfüllen, erklärt Johannes T. Doerflinger, Sozialpsychologe an der Universität Konstanz. Mit Kleidung zeigten wir zum einen unsere Identität nach außen: Wir stellen uns etwa im beruflichen Bereich als besonders professionell und kompetent dar. „Ich möchte, dass mein Gegenüber mich ernst nimmt und mir einen hohen Status zubilligt“, sagt er.

Johannes T. Doerflinger, Sozialpsychologe an der Universität Konstanz.
Johannes T. Doerflinger, Sozialpsychologe an der Universität Konstanz. | Bild: Universität Konstanz

Zum Zweiten hat sie aber auch eine Funktion nach innen, für uns selbst also. „Wenn ich das Gefühl habe, dass ich meine gewünschte Identität nicht erreiche, kann es sein, dass ich sie symbolisiere. Zum Beispiel, indem ich Kompetenz oder einen Titel erwerbe oder Kleidung trage, die symbolisiert, was ich bin.“ Wenn wir uns unserer Identität nicht so ganz sicher sind, könnte der Anzug oder der Blazer uns vor dem Termin ein wenig Zusatzsicherheit geben. Das ist legitim und erlaubt.

Der persönliche Stil

Und dann gibt es ja noch die Frage nach dem persönlichen Stil, nach dem, was wir am Wochenende, am Feierabend und in den Ferien tragen. Sind wir ein fröhliches Blumenkind und laufen im Sommer am liebsten mit bodenlangen Hippie-Kleidern herum? Oder eher eine sportliche Frau in Jeans und T-Shirt?

Mögen wir es lieber klassisch, kaufen Stücke, die mehrere Saisons halten, oder lieber kurzlebige Teile, eine Momentaufnahme? Wo wird gefertigt? In Bangladesch, der Türkei oder in Deutschland? Mögen wir schöne Stoffe aus Naturfasern, die sich gut anfühlen? Oder ist der Preis wichtiger? Tragen wir Pelz oder nicht?

Unsere Entscheidungen haben Folgen

All das sind Fragen, die wir meist unbewusst beantworten. Wir kaufen uns eine Schluppenbluse oder finden sie schrecklich spießig. Unsere Kleidung spiegelt unsere Entscheidungen und prägt Entscheidungen mit, die anderswo getroffen werden – bei Designern, Nähfabriken und Modehäusern; ein Grund mehr, am Morgen etwas sorgsamer in den Schrank zu greifen.

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Annette Hülsenbeck ist Textilwissenschaftlerin in Osnabrück und forscht über die Kulturgeschichte von Kleidung und Kleidung in der Literatur. Sie bringt einen ganz anderen, interessanten Aspekt: „Kleider sind ein Schlüssel zum Verstehen unserer eigenen Biografie“, heißt es in einem Interview mit ihr in „Psychologie Heute“ (02/19).

Kleidung ist ein Stück Lebensgeschichte

Sie erklärt: „Lieblingskleidungsstücke verorten uns in einer bestimmten Zeit unseres Lebens, erinnern uns an die Zeit als junge Frau oder eine spezielle Lebensphase. Auf eine sehr sinnliche Weise verankern die Stücke uns in unserer Lebensgeschichte.“ Zudem ist Kleidung ein wunderbares Experimentierfeld: „Wir probieren, wer wir sind und wer wir sein könnten.“

Mit schicker Uniform als falscher Pilot

Wie Leonardo DiCaprio etwa, als er im Film „Catch me if you can“ den amerikanischen Hochstapler und Scheckfälscher Frank W. Abagnale darstellt, der als falscher Pilot, Arzt und Jurist jahrelang die Behörden der USA narrte. Er setzte sich mit größter Selbstverständlichkeit in Piloten-Uniform ins Cockpit großer Passagiermaschinen und trat im Krankenhaus als Arzt in weißem Kittel ans Bett kranker Menschen.

Leonardo DiCaprio als Hochstapler in Steven Spielbergs Film "Catch me if you can" von 2002, umschwärmt von Pan-Am-Stewardessen.
Leonardo DiCaprio als Hochstapler in Steven Spielbergs Film "Catch me if you can" von 2002, umschwärmt von Pan-Am-Stewardessen. | Bild: Imago

Wie kann so etwas funktionieren? Nur dann, wenn man mit großer Selbstsicherheit auftritt, betont Johannes T. Doerflinger. Wer die nicht hat, fliegt auf – als falscher Pilot ebenso wie als falscher Arzt. So weit muss man ja gar nicht gehen. Aber an einem düsteren Tag zu einem gelben Shirt zu greifen, das ist kein Verstellen. Das ist nur ein kleiner Trick, um ein wenig Sonne in die eigene Seele zu zaubern.

Buchtipp: Annette Hülsenbeck, Die Kleider meines Lebens. Erzählungen von Margaret Atwood bis Virginia Woolf, Ebersbach & Simon, 2017, 16,80 Euro.