Als die Brüder Kellogg am Morgen des 8. August 1894 eine Schüssel mit eingetrocknetem Weizen vom Vortag entdeckten, kam ihnen eine geniale Idee: Indem sie die abgestandenen Körner pressten und rösteten, kreierten sie ein neues, vegetarisches Lebensmittel.

Die Flocken wurden „Granose“ getauft

Das Ergebnis waren dünne, knusprige Weizen-Flocken, die leicht und knackig schmeckten. Nur mit ein wenig Salz gewürzt servierten sie die Speise fortan den Patienten ihres Sanatoriums im US-Bundesstaat Michigan. Dr. John Kellogg taufte die Flocken „Granose“, 1896 erhielten er und sein Bruder Will auf das Verfahren ein Patent.

Die Kellogg-Brüder: Dr. John Harvey Kellogg und Will Keith Kellogg.
Die Kellogg-Brüder: Dr. John Harvey Kellogg und Will Keith Kellogg. | Bild: wiki

So revolutionierten die beiden das Frühstücksverhalten der Amerikaner, die damals üblicherweise morgens üppige Mahlzeiten mit Speck, Eiern und Brot konsumierten. Als Ersatz präsentierten die Kelloggs nun neben ihren Cornflakes auch weitere Getreideprodukte wie Müsli und Kornbiscuits. Zum Standardrepertoire ihrer Therapien gehörte außerdem viel frische Luft und Sonne sowie eine gewissenhafte Darmreinigung.

Protestantische Freikirche mit speziellen Ansichten

Die Kelloggs waren Mitglieder der „Adventisten des Siebenten Tages“. In der protestantischen Freikirche wird der Körper als das „Haus Gottes“ betrachtet. Zum Glauben gehört eine strikte, vegetarische Diät. Der Verzehr von Fleisch und Schalentieren ist ebenso tabu wie der Genuss von Alkohol, Tabak oder Koffein.

Scharfe Gewürze wecken angeblich „wilde Gefühle“, deshalb sind ungewürzte Speisen der Schlüssel zu sexueller Enthaltsamkeit. Daneben würden kühle Sitzbäder, Einläufe oder leichte Verbrennungen der „empfindlichen Teile der Sexualorgane“ die gewünschte Wirkung erzielen.

Promis kamen in die Wellness-Klinik

Das Battle Creek Sanatorium war eine Art Vorläufer heutiger Wellness-Kliniken. Später zählten Literatur-Nobelpreisträger George Bernard Shaw, „Tarzan“-Darsteller Johnny Weissmuller und Erfinder Thomas Edison zu Kelloggs prominenten Kurgästen.

Eine Postkarte des Sanatoriums aus der Zeit der Jahrhundertwende. Das Gebäude brannte bald darauf ab und wurde 1902 neu errichtet.
Eine Postkarte des Sanatoriums aus der Zeit der Jahrhundertwende. Das Gebäude brannte bald darauf ab und wurde 1902 neu errichtet. | Bild: Public domain pictures

Nachdem Will neben Weizen auch mit Hafer, Reis und Gerste experimentiert hatte, fand er heraus, dass das gewalzte Getreide auf Mais-Basis am besten schmeckte. Und die Zugabe von Zucker machte das Produkt noch leckerer. Als John jedoch davon erfuhr, sah er das als Verrat an sich und seiner Arbeit.

John, der Arzt, Will, der Geschäftsmann

1906 gründete Will die „Battle Creek Toasted Corn Flake Company“, die 1922 in „Kellogg Company“ umbenannt wurde. Ein riesiger Markt tat sich auf – mit riesigen Gewinnspannen. Innerhalb weniger Jahre wurden mehr als 100 Nachahmer von Frühstücksflocken in die kleine, 30 000 Einwohner zählende Gemeinde Battle Creek gelockt.

Bekannt bis heute: das Kelloggs-Logo und erste Werbung.
Bekannt bis heute: das Kelloggs-Logo und erste Werbung. | Bild: Kellogg Company

Der Streit der Brüder zog sich jahrelang hin. Erst 1917 entschied ein Gericht zugunsten von Will, der die Frühstücksflocken schließlich unter dem Namen Kellogg‚s verkaufen durfte. Die beiden versöhnten sich niemals. John Harvey hatte Ende der 1920er-Jahre mit schwindenden Patientenzahlen und finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen, während Will Keith sein Unternehmen zu einem gigantischen Wirtschaftsimperium ausbaute.

1915 gelangten die Cornflakes nach Kanada, später nach Australien, England und von dort aus nach Kontinentaleuropa. 1938 eröffnete Kellogg ein Werk im Trafford Park im englischen Manchester, einst die größte Getreidefabrik der Welt.

Der Cornflake-Kreuzzug

Schon in den 1930er-Jahren entdeckte Kellogg das neue Medium Radio für seine Werbung und später auch das Fernsehen. Gerald Carson schrieb 1957 in seinem Buch „Cornflake Crusade“ (Der Cornflake-Kreuzzug): „Mit dem TV hatten sie das ideale Medium gefunden, um der amerikanischen Jugend beizubringen, welche Pflicht diese beim Frühstücken zu erfüllen hat.“

In Deutschland tauchten die Frühstücksflocken erstmals 1928 auf, 1963 errichtete Kellogg ein Werk in Bremen. 2016 wurde die Produktion jedoch nach Spanien verlagert. Heute stellen rund 32 000 Mitarbeiter mehr als 50 verschiedene Getreideprodukte her, die in über 180 Ländern verkauft werden. Im vorletzten Jahr machte die Kellogg Company weltweit einen Umsatz von knapp 13 Milliarden Dollar.

Ungesunde Dickmacher

Für viele Ernährungswissenschaftler sind die Flocken ungesunde Dickmacher. „Sie beinhalten 25 bis 30 Prozent Zucker“, bemängelte die Stiftung Warentest bereits 2008. „Cerealien dieser Art gehören ins Regal für Süßigkeiten und nicht in die Müsli-Ecke.“