Wieder schwappt ein neuer Gesundheitstrend aus den USA nach Europa: Hanföl mit Cannabidiol, kurz: CBD. Es soll bei Ängsten, Stress, Schmerzen, Krämpfen und sogar Parkinson helfen. Der Clou: Man erhält es rezeptfrei, als Nahrungsergänzungsmittel. Damit hat es Cannabis ins alltägliche Pillengedeck des gesundheitsbewussten Bundesbürgers geschafft, zusammen mit Fischöl, Probiotika, Vitaminen und Mineralien. Doch Nebenwirkungen könnte es trotzdem haben.

Mandy Moore kann selbst auf abenteuerlichsten High Heels noch in die Kameras lächeln. Sie ist eben hart im Nehmen. Oder auch nicht? Denn kürzlich erzählte die US-Schauspielerin, dass sie ihre hochhackigen Fußtorturen nur bewältigen könne, weil sie vorher CBD einnimmt: „Dadurch kann ich geradezu schweben.“ Country-Legende Willie Nelson hat sogar eine eigene Kaffee-CBD-Mischung kreiert: „Willie’s remedy“. Nicht zum High-Werden, sondern zum Wohlfühlen, wie er betont. Weitere bekennende CBD-Fans sind Jennifer Aniston, Gwyneth Paltrow und Dakota Johnson, die angeblich ohne das tiefenentspannende Hanföl nicht den Dauer-Jetlag der Vielfliegerei überstehen könnte.

Vor- und Nachteile

Das Marketing-System ist bekannt: Man nehme einen Naturstoff, propagiere ihn als universales Wellnessprodukt und lasse dann ein paar VIPs für ihn schwärmen. Schon viele Nahrungsergänzungen wurden so auf dem Markt durchgedrückt, und später stellte sich heraus, dass sie zwar das Portemonnaie, nicht aber das Leben erleichterten, und schon gar nicht sonderlich heilen konnten. Wird es CBD genauso ergehen?

Sein großer Reiz besteht sicherlich darin, dass es von einer Pflanze stammt, die derzeit einen dramatischen Imagewechsel zum Positiven erlebt: Hanf. Dessen Zeiten als bloße Kifferdroge sind vorbei, mittlerweile wandern seine weiblichen Blüten und deren Extrakte – sofern ein Rezept vorliegt – auch über deutsche Apothekentresen. Sie stammen von Hanfsorten, die auf einen hohen Gehalt an Tetrahydrocannabinol (THC) gezüchtet wurden. Diese Substanz kann als effektiver Spasmen-, Schwindel- und Schmerzhemmer einem Patienten helfen. Aber sie ist eben auch psychoaktiv, kann euphorisch, paranoid und träge machen.

Vielversprechendes Mittel

Diese Risiken hat das gehypte Öl nicht, weswegen man es auch ohne Rezept erhält. Denn sein THC-Gehalt liegt in der Regel unter 0,2 Prozent, weil es nicht vom Medizinal-, sondern vom Industriehanf stammt, aus dem sonst Textilfasern gewonnen werden. Sein Hauptwirkstoff ist vielmehr das CBD, und das gilt nicht als psychoaktiv, hat aber auch medizinische Wirkungen.

Das Hanföl in Glasflaschen. Davor Marihuana.
Das Hanföl in Glasflaschen. Davor Marihuana. | Bild: MKS - stock.adobe.com

„CBD ist das vielversprechendste Mittel, das in den letzten 50 Jahren für neuropsychiatrische Erkrankungen entdeckt worden ist“, berichtet Esther Blessing von der New York University School for Medicine. Die Psychiaterin koordiniert derzeit eine Studie zum Einsatz des Hanfwirkstoffs bei Alkohol­abhängigkeit und posttraumatischem Stress. Andere Studien geben Hinweise darauf, dass er bei Parkinson, Schlafstörungen, Ängsten und Schizophrenien helfen könnte. Die US-Arzneimittelbehörde erteilte erst die Zulassung eines CBD-haltigen Medikaments für eine besonders schwere Form der Epilepsie.

„Stattdessen enthielten 18 das eigentlich unerwünschte THC“

Nichtsdestoweniger offenbart die Studienlage große Lücken. „Die meisten Untersuchungen wurden zu THC-haltigem Marihuana angestellt, aber nicht zu CBD“, warnt Richard Friedman. Den an der Cornell University in New York lehrenden Psychiatrie-Professor verwundert außerdem, dass CBD generell als risikoarm eingestuft wird, obwohl es dafür keine wirklichen Belege gibt. Hinzu kommt, dass die auf dem freien Markt verkauften CBD-Öle keine Medikamente mit garantiertem Wirkstoffgehalt sind. US-Forscher untersuchten kürzlich 84 frei erhältliche Produkte auf ihre Zusammensetzung – und fanden lediglich in 26 den auf der Verpackung deklarierten CBD-Wert. „Stattdessen enthielten 18 das eigentlich unerwünschte THC“, betont Studienleiter Marcel Bonn-Miller von der University of Pennsylvania.

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Als Alternative bleibt das klassische Hanföl. Es wird wie bei Sesam und Sonnenblume aus den Samen der Pflanze herausgepresst. Damit ist es weder Nahrungsergänzung noch Medizin, sondern ein simples Speiseöl. Es enthält mehrfach ungesättigte Fettsäuren, die das Entzündungsgeschehen in Haut und Schleimhäuten dämpfen können. In klinischen Studien hat sich Hanfsamenöl in der Behandlung von Dermatitis sowie Ohren-, Hals- und Rachenentzündungen bewährt.