Vor gut einem Jahr verwüstete Hurrikan Matthew Haiti. Rund 1000 Menschen starben, 2,1 Millionen wurden obdachlos. Sechs Jahre zuvor waren bei einem der verheerendsten Erdbeben aller Zeiten rund 300.000 Menschen ums Leben gekommen. Mit internationaler Unterstützung versucht Haiti jetzt dafür zu sorgen, dass Naturkatastrophen im ärmsten Land der westlichen Welt nicht immer wieder zu humanitären Katastrophen führen.

Als Wirbelsturm Irma vor wenigen Wochen Kurs auf Haiti nahm, zog Fabien Legype sich mit seiner sechs Monate alten Tochter und seiner Frau in seine aus Holz, Lehm und Blech zusammengezimmerte Hütte zurück – und betete. Hier hatte er vor einem Jahr mit seiner damals schwangeren Frau Hurrikan Matthew überlebt, hier wollte er mit seiner Familie auch vor Irma Schutz suchen. Nachdem Matthew in der Nacht vom 3. auf den 4. Oktober 2016 über Haiti hinweggezogen war, waren nach Schätzungen 1000 Menschen tot, 750 000 benötigen humanitäre Hilfe.

Auch Fabien musste Freunde begraben. In seiner Heimatstadt Petit Goâve im Südwesten Haitis überstanden fast nur solide Steinhäuser Hurrikan Matthew weitestgehend unbeschädigt. Einige dieser Häuser waren aus Steinen gebaut, die Fabien hergestellt hatte. „Diese Steine können Leben retten. Allerdings nicht meins. Dafür bin ich zu arm“, sagt der Tagelöhner. Der Schweiß läuft ihm in Strömen über den muskulösen Körper, als er Sand und Zement mischt, um daraus Ziegel zu pressen. „Die Steine sind wirklich gut. Aber sie sind auch teuer“, sagt der Arbeiter. Ein Ziegel kostet umgerechnet rund 45 Cent. Zu viel für Fabien, der im Monat durchschnittlich rund 65 Euro verdient.

Auch für Micheline Cetoute wären die Ziegel unerschwinglich. Dennoch wohnt die arbeitslose Frau mit ihren drei erwachsenen Kindern und ihrem Mann in einem winzigen Steinhäuschen. Nach dem Erdbeben vom 12. Januar 2010 baute die Welthungerhilfe gemeinsam mit der Bevölkerung für Micheline und 161 weitere Familien aus Petit Goâve einfache, aber solide Steinhäuser, nachdem sie fünf Jahre in einer Notunterkunft wohnten. „Vor einem Jahr hat Matthew die Häuser unserer Nachbarn zerstört. Dabei waren sie erst nach dem Erdbeben gebaut worden. Aber bei uns hat nichts gewackelt. Es ist zwar eng, aber dafür leben und schlafen wir hier, ohne uns zu fürchten“, berichtet Micheline. Sie erinnert sich noch genau an das Beben: „Ich war gerade auf dem Markt, als vor mir plötzlich die Kirche in sich zusammenbrach. Ich bin sofort nach Hause gerannt. Überall lagen Tote, überall schrien Verletzte“, sagt Micheline. „Oft wurden die Häuser nur sehr notdürftig repariert. Einem erneuten Beben oder einem starken Hurrikan würden viele nicht standhalten. Vor allem für die Ärmsten kann eine Naturkatastrophe so leicht wieder zu einer humanitären Katastrophe werden“, sagt ein Architekt, der seinen Namen jedoch nicht in der Zeitung lesen will.

Chaos beim Wiederaufbau

Ohne internationale Hilfe wären in dem Land, das auf dem Entwicklungsindex der Vereinten Nationen den 163. von 188 Plätzen belegt, nach dem Erdbeben und Hurrikan Matthew wohl noch viel mehr Menschen gestorben. Doch beim Wiederaufbau wurden viele Fehler gemacht. „Das Erdbeben war eine Katastrophe. Die Reaktion auf das Beben war die nächste Katastrophe. Der Staat war handlungsunfähig“, sagt Gabriel Frederic, Programm-Koordinator der Welthungerhilfe in Haiti. Überstürzt ins Land strömende Hilfsorganisationen füllten das Vakuum, das der Staat hinterlassen hatte, und arbeiteten völlig unkoordiniert nebeneinander her. „Die Zivilgesellschaft muss von der Regierung endlich einfordern, dass sie mehr zum Schutz der eigenen Bevölkerung tut“, regt Gabriel Frederic sich auf. Doch die Bevölkerung setzt wenig Hoffnung in die Politik: Fabien Legype: „Nach dem Erdbeben und nach Matthew sind hier ein paar Leute von der Regierung aufgetaucht. Sie haben schöne Reden geschwungen, aber danach ist nichts passiert. Von Politikern erwarte ich seitdem gar nichts mehr.“

Problemland Haiti

Haiti ist das ärmste Land der westlichen Hemisphäre. Drei Viertel der Bevölkerung leben von weniger als zwei Dollar am Tag. Die extreme Armut und eine nur schlecht ausgebaute Infrastruktur macht das Land besonders verletzlich bei Naturkatastrophen wie bei dem Hurrikan „Matthew“. Das verheerende Erdbeben von 2010 mit mehr als 220 000 Todesopfern hatte die Insel zurück in die Steinzeit geworfen. Die internationale Gemeinschaft pumpte Milliarden in das Land, Haiti verwandelte sich in eine NGO-Republik, verwaltet von Nichtregierungsorganisationen und den UN. (dpa)