Die zwei Damen, die an diesem Vormittag das kleine private Pfandleihhaus in Mannheim betreten, wirken äußerst selbstbewusst. Viele Ringe mit glitzernden Steinen zieren ihre Hände und Goldketten ihre Hälse. Sie sind nicht das erste Mal da und werden von Meike Dobrzynski von Five Points entsprechend vertraut begrüßt. „Manche Menschen sind aufgeregt und sehr nervös, wenn sie zu uns kommen. Andere sind schon erfahren“, erzählt die 37-Jährige, die nicht nur Kaufmännin, sondern auch zertifizierte Diamantgutachterin ist.

An diesem Tag möchte eine der Damen zum erneuten Male ihren Dia­mantring verpfänden. „Das tut sie regelmäßig, löst ihn aber immer wieder ein“, weiß Dobrzynski. Sie betreibt ihr Geschäft zusammen mit ihrem Bruder und ihrer Schwägerin bereits seit über zehn Jahren. Der Pfandhandel ist eine der ältesten Handelsformen. Im zwanzigsten Jahrhundert war der Pfandhandel eher im Rotlichtmilieu angesiedelt und mit entsprechend schlechtem Image behaftet. Heute aber stehen Pfandhändler, wie die jungen Dobrzynskis, in ihrem edel eingerichteten Verkaufsraum, der eher einer Bank ähnelt, inmitten der Mannheimer City.

Pfandleiher interessieren persönliche Verhältnisse des Kunden nicht

Ihre Kunden sind nicht, wie oft vermutet, Menschen unterer sozialer Schichten. „Wir haben bei uns alle Menschen vertreten, von der Großmutter, die manchmal ihren Schmuck verpfändet, damit am Ende des Monats noch etwas im Kühlschrank ist, vom Freiberufler, der keinen Dispo mehr bekommt, bis zu eher Wohlhabenden, die einfach und schnell Schmuck loswerden wollen, der ihnen nicht mehr gefällt.“ Neben Five Points befindet sich eines der ältesten, städtischen Pfandhäuser Deutschlands. Hier beobachtet Jürgen Rackwitz als Geschäftsführer täglich, wer ein und aus geht: „Da beim Pfandkredit der Pfandgegenstand für das Darlehen haftet, anders als beim Bankkredit, interessieren den Pfandleiher die persönlichen Verhältnisse des Kunden nicht. Es sei denn, er erzählt sie uns.“

Die Kundentheke bei Five Points in Mannheim. Schmuck wird hier oft beliehen.
Die Kundentheke bei Five Points in Mannheim. Schmuck wird hier oft beliehen. | Bild: Antje Urban (erphotographer – stock.adobe.com)

Ihn stört das herrschende Vorurteil, es würde sich um die „Bank der kleinen Leute“ handeln: „Außer den ganz Armen – die haben nichts zum Beleihen – und den ganz Reichen kommen alle ins Pfandhaus“, ist seine Erfahrung. Das öffentliche Pfandhaus gründete 1809 Großherzog Karl Friedrich. Zu dieser Zeit florierte der private Pfandhandel. „Doch die vielen Pfandleiher mit Zinsen bis 20 Prozent pro Woche waren der Grund, warum Großherzog Karl Friedrich das Leihamt gründete“, erzählt Rackwitz. Heute gibt es öffentliche Pfandhäuser nur noch in drei Städten: neben Mannheim in Nürnberg und Stuttgart. In Mannheim gibt es innerhalb von nur zwei Quadraten gleich drei private und das städtische Pfandhaus, daher wird es auch das „Goldviertel“ genannt.

Zinsen für einen Pfandkredit oft günstiger

Die rund 250 privaten Pfandkreditbetriebe in Deutschland haben sich im Zentralverband des Deutschen Pfandkreditgewerbes zusammengeschlossen und zahlen jedes Jahr über 630 Millionen Euro an Krediten aus. Grundlage der Kreditgeschäfte in Leihhäusern ist die 1961 erlassene älteste Verbraucherschutzverordnung Deutschlands. Sie garantiert stabile Zinssätze von einem Prozent pro Monat sowie klare Spielregeln bei der Vergabe von Pfandkrediten.

„Damit sind die Zinsen für einen Pfandkredit oft noch immer günstiger als konventionelle Überziehungszinsen“, sagt Joachim Struck, Vorsitzender des Zentralverbands des deutschen Pfandkreditgewerbes (ZdP). „Wegen des hohen Lageraufwands für hinterlegte Werte müsse ein Pfandkredit aber zwangsläufig teurer sein als ein konventioneller Bankkredit. Für Pfandkredite besteht keine Rückzahlungsverpflichtung, weil der Kunde für das Darlehen ja entsprechende Wertgegenstände hinterlegt“, so Struck.

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Und etwas wert sind mehr Gegenstände, als man denkt: „So manch einer hat in der Schublade Omas vererbte Armbanduhr liegen oder in der Schatulle verstauben alte Münzen. Und kaum jemand weiß, dass man solche Werte völlig unkompliziert und schnell in Bares umwandeln kann“, sagt David Dobrzynski. Dabei könnten die Schmuckstücke alt, neu oder sogar defekt sein. An dem Morgen betritt auch eine ältere Dame ihr Geschäft, die einen Zehn-Gramm-Goldbarren nicht verpfänden, sondern verkaufen möchte, sowie ein Stück Zahngold ihres Mannes. „Nicht jeder Pfandleiher nimmt Zahngold, da sind wir die Ausnahme.“

Alles ist verpfändbar

Auch viele Raritäten finden den Weg ins Pfandleihhaus. Nebenan bei Jürgen Rackwitz sind es auch mal Eisenbahn-Sammlerobjekte, antike Puppen, Fabergé-Eier oder KPM-Porzellan. Natürlich sind wertige Schmuckstücke, Diamanten und Gold stabile Wertanlagen, doch auch Musikinstrumente, Smartphones, Laptops oder Markenuhren, wie von Rolex oder Breitling, lassen sich gut verpfänden. „Der Preis eines Gegenstandes ist aber nicht gleich der Wert. In der Beleihung bewerten wir die Gegenstände nach ihrem aktuellen Materialwert oder im Falle einer Rolex den prozentualen Marktwert“, erklärt Meike Dobrzynski.

Das fachkundige Bewerten ist das Können der Pfandleiher, auch Taxotoren genannt. Sie schätzen den Wert, dann wird ein Gebot abgegeben. Dabei kann es laut Meike Dobrzynski auch mal zur Sache gehen: „Handeln gehört dazu, aber in der Beleihung gebe ich die Preise vor.“ Ist der Kunde mit dem Preis einverstanden, werden die persönlichen Daten aufgenommen und der Betrag ausgezahlt. Nach der vereinbarten Frist kann der Kunde sein Pfand wieder auslösen oder die Frist verlängern. Pro Monat fallen dafür ein Prozent Zinsen an, hinzu kommen Gebühren für die Abwicklung, Lagerung und die Versicherung.

Ein Auktionator hält in einem Auktionshaus während einer Versteigerung einen Hammer in der Hand.
Ein Auktionator hält in einem Auktionshaus während einer Versteigerung einen Hammer in der Hand. | Bild: Daniel Naupold (dpa)

Holt der Kunde seinen Wertgegenstand nicht rechtzeitig wieder ab, wird er versteigert. „Was aber viele nicht wissen: Erzielen wir einen Überschuss bei der Auktion des Pfands, bekommt den der Kunde ausgezahlt“, sagt die Pfandleiherin. „Der Verdienst für den Darlehensgeber besteht nur in den Zinsen und Gebühren.“ Aber fast 90 Prozent der Kunden würden ihr Pfand immer wieder auslösen.

Das Schmuddelimage ist das Gewerbe los. Was auch daran liegt, dass immer mehr Menschen die Dienstleistung in Anspruch nehmen. Dennoch ist es noch immer ein Geschäft, das auf Diskretion beruht. So empfiehlt Dobrzynski generell immer, die Angebote mehrerer Anbieter zu vergleichen. „Wir kennen unsere Kunden gut, darunter sind auch Profis und Händler. Aber vor allem bei den unerfahrenen Kunden ist es wichtig, auf die Schnelle eine Vertrauensbasis zu schaffen.“ Bei ihr seien viele Menschen regelrecht erleichtert, wenn sie merkten, wie unkompliziert das Ganze abliefe. „Manche sind halt schon in Not. Von einer älteren Dame habe ich aus Dank auch mal einen Kuchen gebacken bekommen.“