Herr Heisch, als Schulpsychologe haben Sie viele Mobbingopfer begleitet. Welcher Fall ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Mir fällt da sofort ein Jugendlicher ein, der massiv von seiner Klasse ausgegrenzt wurde. Seine Eltern waren Landwirte. Er kam deshalb manchmal mit Gummistiefeln in die Schule und hat teilweise streng gerochen. Ihm wurde ein Bauern-Sohn-Image aufgestempelt, für das er nichts konnte. Dieser Junge wollte gar nicht mehr in die Schule gehen. Ihm musste intensiv psychologisch geholfen werden, weil zahlreiche Maßnahmen im Vorfeld nicht gefruchtet haben.

Sind Kinder, die außergewöhnlich und besonders auffällig sind, typische Mobbing-Opfer?

Man kann nie von einem typischen Opfer sprechen. Prädestiniert sind aber vor allem Menschen, die anders als die Masse sind und zum Beispiel ein auffälliges Merkmal haben, eigenartiges Verhalten zeigen oder unter einer psychischen oder physischen Behinderung leiden. Diese Personen sind vor allem im Kinder- und Jugendalter leicht in eine Mobbing-Rolle zu schieben. Aber Mobbing kann alle treffen, weil wir doch alle irgendwie eigen sind.

Welche Charakteristika haben Kinder, die zu Tätern werden?

Kinder, die einmal gemobbt wurden, werden oft irgendwann selbst zu Tätern. Ein Beispiel: Ein Junge wird in der Grundschule schikaniert, weil er dick ist. Er nimmt ab, wechselt in die Sekundarstufe und versucht Anschluss zu finden. Dort findet er ein anderes Klassengefüge vor. Eine neue Chance tut sich auf. Der einfachste Weg nicht wieder zum Opfer zu werden ist andere zu erniedrigen, um sich selbst aufzuwerten und in der Ranghöhe zu steigen.

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Also sind es gar nicht die starken, selbstbewussten Typen, die andere runter machen?

Nein. Schüler mit viel Selbstvertrauen haben es gar nicht nötig andere abzuwerten.

Was können besorgte Eltern tun, damit ihr Kind gar nicht erst zum Mobbing-Opfer wird?

Die wichtigste Basis ist ein vertrauenvolles Verhältnis zwischen Eltern und Kind herzustellen und mit dem Sohn oder der Tochter, nicht nur über Schule und Leistung, sondern auch über Befindlichkeiten zu reden. Im Arbeitsalltag wirken Probleme der Kinder oft nichtig. Man muss sich dann sensibilisieren und auch für die vermeintlich kleinen Probleme der Kinder ein offenes Ohr haben. Dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass Kinder sich bei Problemen von selbst an die Eltern wenden.

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Was können Lehrer und Eltern bei ­Cybermobbing tun?

Eltern und Lehrer können viel tun. Sie müssen Anzeichen erkennen und deshalb wachsam sein. Cybermobbing findet zwar im Internet statt, aber meistens ist es so, dass es auch in der realen Welt fortgesetzt wird. Lehrer müssen deshalb im Unterricht, auf dem Pausenhof und Eltern etwa im Sportverein genau hinschauen.