Sie leiden unter einem seltenen genetischen Defekt und können auf normalem Weg nie Mütter werden: In Deutschland werden jedes Jahr dutzende Mädchen ohne Gebärmutter geboren. Erst seit wenigen Jahren ist es möglich, einen Uterus zu transplantieren – in Deutschland gelang dies erstmals vor rund zweieinhalb Jahren am Universitätsklinikum Tübingen. Jetzt wurden dort zwei Kinder nach einer Gebärmuttertransplantation geboren.

Welche Krankheit liegt zugrunde?

In der Fachsprache heißt das Krankheitsbild absolute uterine Infertilität aufgrund des angeborenen Fehlens, einer Fehlbildung oder des Verlusts der Gebärmutter zum Beispiel durch eine Krebserkrankung. Das betrifft drei bis fünf Prozent aller Frauen und galt bis vor kurzem als praktisch unheilbar.

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In dem konkreten Fall der zwei 25 und 26 Jahre alten Frauen, die im März und im Mai nach einer Uterustransplantation in Tübingen gesunde Kinder zur Welt brachten, handelt es sich um das Mayer-Rokitansky-Küster-Hauser-Syndrom. Die Frauen kamen mit Eierstöcken zur Welt, aber ohne Gebärmutter und ohne Scheide, die das äußere Genital mit dem Uterus verbindet.

Wie viele Frauen sind betroffen?

In Deutschland kommt eines von 4500 weiblichen Neugeborenen mit einer solch seltenen genitalen Fehlbildung auf die Welt – pro Jahr sind das 60 bis 80 Mädchen. Bemerkt wird dies meist erst in der Pubertät, wenn die Menstruation ausbleibt.

Wie können die Ärzte helfen?

In einem ersten Schritt wird den Patientinnen eine Scheide angelegt. In Tübingen waren dies bisher 560 Frauen. Ein zweiter Schritt wäre eine Gebärmuttertransplantation, davon gab es in Tübingen bislang drei. Zwei der Frauen brachten nun Kinder zur Welt, darunter eine 26-Jährige, der im Oktober 2016 deutschlandweit erstmalig ein Uterus transplantiert wurde. In beiden Fällen waren die Spenderinnen die eigenen Mütter.

Wie läuft die Operation ab?

Bei dem höchst aufwändigen, bis zu zwölf Stunden dauernden Eingriff, wird der Spenderin das Organ mitsamt der Blutgefäße und Bänder, die die Gebärmutter im Bauch der Frau verankern, entnommen. Das Organ wird dann durchgespült, um Blutreste zu entfernen und ein Verkleben der Gefäße zu verhindern. Beim Einpflanzen der Gebärmutter müssen Blutgefäße und Bänder wieder angeschlossen werden. Geht alles gut, bekommt die Frau nach wenigen Wochen erstmals ihre Periode.

Die Geburt eines Babys von einer Frau mit einer transplantierten Gebärmutter am Universitätsklinikum Tübingen. Zum ersten Mal haben Frauen in Deutschland mit einer gespendeten Gebärmutter Kinder geboren. Die beiden Babys kamen gesund per Kaiserschnitt auf die Welt – eines im März und eines Mitte Mai diesen Jahres.
Die Geburt eines Babys von einer Frau mit einer transplantierten Gebärmutter am Universitätsklinikum Tübingen. Zum ersten Mal haben Frauen in Deutschland mit einer gespendeten Gebärmutter Kinder geboren. Die beiden Babys kamen gesund per Kaiserschnitt auf die Welt – eines im März und eines Mitte Mai diesen Jahres. | Bild: Universitätsklinikum Tübingen/dpa

Wie geht es weiter?

Damit das Organ nicht abgestoßen wird, muss die Frau spezielle Medikamente nehmen. Etwa ein Jahr nach der Transplantation werden zuvor im Reagenzglas gezeugte Embryonen eingesetzt. Das Kind wird dann per Kaiserschnitt auf die Welt geholt. Frauen können auf diese Weise durchaus zwei Kinder bekommen, bevor die Gebärmutter wieder entfernt wird.

Wie viele Kinder kamen so auf die Welt?

Angesichts der Zahl der Betroffenen handelt es sich um wenige Fälle. Bislang wurden weltweit 17 Kinder nach einer Gebärmuttertransplantation geboren – das erste im Jahr 2014 in Schweden. In fast allen Fällen stammte der Uterus von einer lebenden Spenderin. Ende 2017 brachte in Brasilien eine Frau erstmals ein Kind zur Welt, nachdem ihr die Gebärmutter einer Verstorbenen eingepflanzt worden war.

Wie gehen Ärzte mit ethischen Bedenken um?

Frauen ohne Gebärmutter bleibt zur Erfüllung ihres Kinderwunschs nur Adoption oder Leihmutterschaft, wobei letzteres in Deutschland verboten ist. Die in Tübingen federführende Ärztin Sara Brucker verweist darauf, dass die Kinderlosigkeit für die Frauen großes psychisches Leid bedeutet. Die Gebärmuttertransplantation sei hierzulande „die einzige Chance auf ein biologisch eigenes Kind“, sagt Brucker. Von rund 240 in Tübingen gescreenten Frauen ohne Gebärmutter kamen letztlich allerdings nur fünf Prozent für eine Transplantation in Frage. (AFP)