Liechtenstein ist in jeder Hinsicht ein Kuriosum: ein kleiner Staat und großer Bankenplatz; eine Monarchie, umgeben von standhaften Republiken. Auch das Staatsoberhaupt ragt aus der Reihe jener Monarchen heraus, die brav die Worte ihrer Redenschreiber ablesen. Fürst Hans Adam II. äußert sich gerne prägnant, er kritisiert die Deutschen oder seine Landsleute, wenn sie mit ihm über die Rechte streiten.

Das war 2003 der Fall. Der Fürst ließ damals eine neue Verfassung schreiben. Den sensiblen Bürgern war sie zu fürstennah, zu absolutistisch. Dennoch, zwei Drittel der liechtensteinischen Landeskinder stimmten dafür. Seitdem bildet das Dokument die Grundlage im Verhältnis von Bürgern und Fürstenhaus. Ein Jahr später übergab der Souverän das Tagesgeschäft an seinen Sohn Alois. Vater Hans-Adam II. dagegen behält die Oberleitung und die Direktion über das Bankwesen – dieses bildet das Rückgrat der fürstlichen Wirtschaft und der Kasse. Die Familie zählt zu den reichsten Adelshäusern der Welt.

Sein voller Name sagt mehr über den Fürsten aus als die Skibuckel hinter der Vaduzer Burg. Johannes Adam Ferdinand Alois Josef Maria Marco d’Aviano Pius. Jeder der acht Namen weist tief in die Welt zurück, aus der diese Familie kommt: die vor gut 100 Jahren untergegangene K.u.k.-Monarchie. Der 74-Jährige spricht bis heute den Wiener Dialekt. Um die ehemalige Kaiserresidenz drehte sich die Geschichte vom Aufstieg dieser Familie. An der Seite der Habsburger wuchs sie, wurde gefürstet und mehrte den Besitz.

Besonders in Böhmen und Mähren waren die Liechtensteins mit riesigen Ländereien belehnt. Nach Schätzungen waren die böhmischen Güter zehn Mal so groß wie jene in Liechtenstein. Das erklärt, weshalb die eigentliche Liebe des Fürsten bis heute für Wien schlägt. Am meisten erfährt man über den Aristokraten alter Schule, wenn man das Palais Liechtenstein im Wiener IX. Bezirk besucht. Seit zehn Jahren ist das musterhaft sanierte Stadtschloss für alle zugänglich. Drinnen: barocke Gemälde und lichtvolle Treppenhäuser.