Herr Vaidhyanathan, immer weniger Menschen in Europa nutzen Facebook, die Aktie fällt. Steht das Unternehmen vielleicht bald vor dem Aus?

Nein, ganz und gar nicht. Denn es stimmt zwar, dass viele Menschen in Europa und den USA den Rücken kehren, in Ländern wie Indien, Brasilien oder Kenia steigen die Nutzerzahlen jedoch weiterhin jeden Tag.

Woran liegt das?

Europäische Nutzer können Facebook verlassen, da sie andere Möglichkeiten haben, zu kommunizieren. Sie sind in diesem Sinne medial privilegiert. Viele Nutzer können das nicht.

Weshalb können sie das denn nicht?

Dafür gibt vor allem zwei Gründe. Zum einen erhalten viele Menschen, vor allem in ärmeren Regionen der Welt, ausschließlich über die kostenlose App „Free Basics“ Zugang zum Internet. Das Problem dabei: Es können dann nur bestimmte Seiten aufgerufen werden, darunter das soziale Netzwerk Facebook sowie zum Beispiel WhatsApp und Instagram.

Und der zweite Grund?

Facebook oder auch WhatsApp für viele überlebenswichtig geworden. Stellen Sie sich eine Familie vor, die Syrien verlassen hat, um über Bulgarien und Österreich nach Deutschland zu flüchten. Um sich auf diesem Weg zurecht zu finden, nutzen sie die ganze Zeit Facebook und WhatsApp.

Das Problem ist also, dass Facebook auf der einen Seite schadet, auf der anderen Seite aber auch Leben retten kann?

Ja. Und das ist genau das, was das Problem so kompliziert macht. Ich fände es klasse, wenn ich einfach jedem sagen könnte: „Hey, kehre Facebook doch einfach den Rücken, dann ist das Problem gelöst.“

Aber so einfach ist es nicht.

Nein, ist es nicht. Manchmal habe ich das Gefühl, dass manchen Menschen in Europa und den USA denken, wenn sie Facebook verlassen, haben sie ihren Teil beigetragen. Dann sei Facebook kein Problem mehr, da es kein Problem mehr für sie ist. Aber das ist eben leider nicht die Antwort auf die Probleme, vor die uns Facebook stellt.

Dass die Nutzerzahlen von Facebook in Europa zurückgehen, liegt neben der neuen Datenschutz-Grundverordnung ja auch an dem Skandal um Cambridge Analytica.

Richtig, meiner Ansicht wird der Einfluss von Cambridge Analytica jedoch überschätzt.

Wirklich? Weshalb?

Die Erkenntnisse der Datenanalyse waren nicht brauchbar. Das Unternehmen konnte gar nicht vorhersagen, wie Menschen sich verhalten. Wenn man aktuell eine politische Kampagne starten möchte, braucht man kein ausgefeiltes ‚Social Profiling‘ wie Cambridge Analytica es anstrebte. Man braucht nur Facebook selbst.

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Was meinen Sie damit?

Mit Facebook kann man Werbung perfekt zuschneiden und adressieren – auch im Vorfeld einer Wahl. Man erreicht die Menschen, die man erreichen möchte mit der passenden Botschaft. Statt auf Cambridge Analytica zu schauen, sollte man deshalb eher Facebook selbst in den Blick nehmen. Denn hier liegt das echte Problem.

In ihrem aktuellen Buch weisen sie darauf hin, dass Facebook die Demokratie bedroht. Warum?

Facebook ist die perfekte Propagandamaschine für antidemokratische, nationalistische und autoritäre Kräfte. Politische Werbung kann dazu genutzt werden, Menschen zu verwirren und die Gesellschaft zu spalten. Erschwerend hinzu kommt, dass man auf solche Kampagnen nicht vernünftig reagieren kann. Denn man weiß ja nicht, welche Botschaften im Umlauf sind. Es mangelt an Transparenz und Nachvollziehbarkeit.

Aber Facebook unternimmt doch Versuche, dies zu ändern.

Ja, Facebook versucht das zu ändern, indem ausgewiesen werden muss, wer für die Werbung bezahlt. Außerdem werden der Standort und die Identität des Auftraggebers verifiziert. Aber das passiert nur nach und nach – in Deutschland, Irland und den USA zum Beispiel. In Ländern wie Mexiko, wo jetzt gewählt wurde, oder auch in Indien, wo dieses Jahr viele Wahlen stattfinden, existiert diese Regelung nicht. Aus meiner Sicht ist das ohnehin nur Kosmetik, um der Öffentlichkeit zu suggerieren, dass sie das Thema ernst nehmen.

Gibt es denn eine Möglichkeit, die Gefahr für Demokratien durch Facebook einzudämmen?

Nein, aus meiner Sicht leider nicht. Denn dafür müssten wir Facebook insgesamt abschaffen.

Achja?

Ja, denn Facebook lebt davon, dass es weltweit genutzt wird, einen Algorithmus besitzt, der Emotionen verstärkt und darüber hinaus eine mächtige Werbeplattform ist. Das sind die drei Eigenschaften, die Facebook zu dem machen, was es ist. Der einzige Weg, die Dinge zum Besseren zu verändern, wäre etwas an diesen drei Dingen zu ändern, und dann wäre Facebook auch weg.

Und das wird Mark Zuckerberg wohl nicht wollen.

Richtig. Und selbst wenn Mark Zuckerberg den Laden dicht machen wollte, könnte er das nicht. Denn dann würden ihm seine Aktionäre sagen, dass er seiner Verantwortung nicht nachgekommen ist.

Kann die Datenschutz-Grundverordnung die Situation verbessern?

Wir wissen noch nicht, wie weit sich Facebook darauf einlässt. Denn in der Vergangenheit setzte das Unternehmen ja eher darauf, Recht zu brechen. Ich vermute jedoch, dass sowohl Facebook und Google zunächst gerade so viel ändern werden, um dem Recht zu genügen. Wie es dann weitergeht, hängt auch davon ab, ob Gerichte und Datenschützer in der EU bereit sind, die Menschen in Europa vor den großen Unternehmen in den USA zu schützen. Es ist zu hoffen. Aber es kann auch sein, dass sie nicht den Mut haben, dies zu tun.

Warum?

Es gibt außer Facebook noch viele weitere Unternehmen, die ein Interesse daran haben, die Datenschutz-Grundverordnung zu schwächen. Es ist deshalb sehr wichtig, dass die Mitgliedsstaaten der EU immer wieder daran erinnert werden, welch eine Errungenschaft die Datenschutz-Grundverordnung ist.

Gibt es denn irgendetwas, das wir tun können, um den Einfluss von Facebook zu schwächen?

Unser Einfluss ist da leider sehr begrenzt. Ich denke aber, dass es wichtig ist, dass wir uns verantwortungsvoll verhalten. Meistens sagen die Leute ja: ‚Ich habe doch nichts zu verbergen. Lass mich in Ruhe.‘ Es kann aber nicht nur um mich, mein Unternehmen, mein Auto oder mein Smartphone gehen. Wir müssen uns fragen, was das Beste für die ganze Gesellschaft ist.