Der UN-Bericht zur Artenvielfalt klingt alarmierend. Rund eine Million Tier- und Pflanzenarten sind demnach vom Aussterben bedroht, viele davon möglicherweise schon in den kommenden Jahrzehnten. Ob wir bereits von einem sechsten „Massenaussterben“ sprechen können, ist Experten zufolge eine Frage der Definition.

In jedem Fall aber ist die Geschwindigkeit des derzeitigen Artensterbens besorgniserregend. Verantwortlich ist diesmal der Mensch – der damit gleichzeitig seine eigenen Lebensgrundlagen zerstört. Auf der Erde gab es in den vergangenen 500 Millionen Jahren fünf Massenaussterben.

Kein Grund zur Entwarnung

Jedesmal verschwanden dabei 75 Prozent der Tier- und Pflanzenarten, wie der Vorsitzende des Weltbiodiversitätsrats (IPBES), Robert Watson, erklärt. In den vergangenen Jahrhunderten seien gerade mal zwei Prozent der Arten unwiderruflich verloren gegangen. Doch das sei kein Grund zur Entwarnung.

Robert Watson, der Vorsitzende des Weltbiodiversitätsrats (IPBES) bei der Vorstellung des Berichts zur Biodiversität.
Robert Watson, der Vorsitzende des Weltbiodiversitätsrats (IPBES) bei der Vorstellung des Berichts zur Biodiversität. | Bild: Francois Guillot/AFP

Denn die Geschwindigkeit, mit der gegenwärtig ganzen Arten ausgerottet würden, sei hunderte Male höher als in den vergangenen zehn Millionen Jahren. Bleibe sie unverändert, werde die neue 75-Prozent-Marke schon in ein paar Jahrhunderten erreicht.

Die fünf Massensterben der Vergangenheit

Ordovizium: Vermutlich eine kurze, aber intensive Eiszeit führte vor etwa 445 Millionen Jahren zum Aussterben von 60 bis 70 Prozent der Arten. Die meisten von ihnen lebten damals in den Ozeanen.

Die Forscher gehen davon aus, dass sich binnen kurzer Zeit gewaltige Gletscher bildeten, ein Großteil des Wassers damit vereiste und der Meeresspiegel sank. Betroffen waren zahlreiche Meeresorganismen wie etwa Schwämme oder Algen, Muscheln, primitive Schneckenformen, Kopffüßer und kieferlose Fische.

Fangnetze mit Heringen werden auf dem Greifswalder Bodden an Bord eines Fischkutters gezogen.
Fangnetze mit Heringen werden auf dem Greifswalder Bodden an Bord eines Fischkutters gezogen. | Bild: Jens Büttner/dpa

Devon: Vor etwa 360 bis 375 Millionen Jahren starben erneut bis zu 75 Prozent aller Meeresbewohner. Der Auslöser ist unklar, vermutet werden Asteroiden-Einschläge, Klimawandel oder Schwankungen der Meeresspiegel.

Eine Theorie geht davon aus, dass das Leben an Land allmählich aufblühte und dabei zu einem Sauerstoffmangel in den Ozeanen führte. Zu den zahlreichen Opfern zählen Trilobiten – gepanzerte Gliederfüßer, die auf dem Meeresboden lebten.

Perm: Das größte Aussterben der Erdgeschichte ereignete sich vor etwa 252 Millionen Jahren. Es zerstörte fast 95 Prozent allen Lebens an Land und im Meer. Es ist das einzige Massensterben, das auch Insekten betraf. Einige Wissenschaftler glauben, das große Sterben dauerte Millionen von Jahren, andere sprechen von 200.000 Jahren.

Im Meer trifft es die letzten Trilobiten, die das Massensterben davor überlebt hatten, sowie einige Haifischarten und Knochenfische. An Land sterben die Moschops aus – metergroße säugetierähnliche, pflanzenfressende Reptilien. Als mögliche Gründe gelten erneut Asteroiden-Einschläge oder vulkanische Aktivitäten.

Trias: Vor rund 200 Millionen Jahren dezimierte erneut ein Massenaussterben die Artenvielfalt. 70 bis 80 Prozent sind betroffen, darunter die meisten Archosaurier, Vorfahren der Dinosaurier, deren heutige Verwandte Vögel und Krokodile sind. Auch die meisten großen Lurche sind betroffen. Die Gründe für das Massensterben sind unklar.

Eine Theorie geht davon aus, dass das Auseinanderbrechen des letzten Superkontinents, Pangaea, zu massiven Lava-Eruptionen führte, bei denen gigantische Mengen Kohlendioxid freigesetzt wurden und dies zu einer rasanten weltweiten Klimaerwärmung führte. Andere Wissenschaftler gehen von Asteroiden-Einschlägen aus, doch wurde bis heute keine entsprechenden Krater gefunden.

Hochhäuser ragen aus dem Smog der Stadt Nantong in der ostchinesischen Provinz Jiangsu heraus. Die Zahl der Menschen auf der Welt hat sich seit 1970 mehr als verdoppelt.
Hochhäuser ragen aus dem Smog der Stadt Nantong in der ostchinesischen Provinz Jiangsu heraus. Die Zahl der Menschen auf der Welt hat sich seit 1970 mehr als verdoppelt. | Bild: Xu Jingbo/dpa

Kreide-Tertiär: Vor rund 66 Millionen Jahren ereignete sich die wegen ihrer berühmten Opfer vermutlich bekannteste globale Katastrophe. Sie vernichtete 75 Prozent aller Arten, darunter alle Dinosaurier vom Tyrannosaurus rex bis zum dreihörnigen Triceratops. Ein riesiger Einschlagkrater in der mexikanischen Halbinsel Yucatán scheint die These zu unterstützen, dass ein Asteroiden-Einschlag für das Massensterben verantwortlich war.

Die meisten Säugetiere ebenso wie Krokodile, Schildkröten, Frösche und Vögel überlebten jedoch – ebenso wie alles Leben im Meer. Das Aussterben der Dinosaurier führte wiederum zu einer wahren Blütezeit der Säugetiere, und damit letztendlich zur Entwicklung des Homo sapiens – des möglichen Verursachers eines sechsten Massenaussterbens. (AFP)