Frau Dr. Pfleiderer, als Sie etwa zwölf Jahre alt waren, hat der Kater Ihrer Eltern Sie zum Biologiestudium animiert: Sie sind ihm manchmal nachgegangen. Erinnern Sie sich an ein besonders aufregendes Erlebnis?

Besonders aufregend waren für mich die Kämpfe. Da gab es Kater zum Zuschauen, wie sie sich anjaulen. Meistens kam es nicht zu einer Rauferei, weil Sándor riesig war. Da gab es wenig Herausforderer.
Katerjaulen ist ein Kampfgeschrei.

Was, wenn nur einer der Kater jault? Ist es der Überlegene, der droht, oder der Unterlegene, der Angst hat?

Es ist der Überlegene, der droht. Er ist in Kampfstimmung. Der Unterlegene traut sich nicht zu antworten, denn wenn er dagegen schreit, sind wir schon in der nächsten Kampfstufe.

Forscherin Mircea Pfleiderer mit Karakal Ruby. Bild: Privat
Forscherin Mircea Pfleiderer mit Karakal Ruby. Bild: Privat | Bild: (privat)

Reviere überlappen sich manchmal, d.h. Katzen teilen sie sich und wechseln sich ab. Wie wird der Zeitplan ausgehandelt?

Meistens über Sichtkontakt. Der eine droht etwas mehr und sagt, „Das ist meins.“ Das funktioniert aus sicherer Entfernung, und der andere sagt, „Ja gut, es ist Vormittag, eigentlich war ich um diese Zeit noch nie da“, dreht um und geht wieder. Wie streng es gehandhabt wird, hängt auch von der Katzendichte ab. Je höher die Dichte, desto aggressiver wird auch mal ein Revier verteidigt.

Bevorzugen Katzen ein eigenes Revier ohne jegliche Überlappung?

Nein. Katzen wollen schon den Sozialkontakt. Wobei es da wieder einen großen Unterschied gibt zwischen intakten Katern (nicht kastrierte, Anm.d.Red.) und Kastraten, die kleinere Reviere haben, sie aber wesentlich strenger verteidigen. Ebenso wie Weibchen, deren Reviere sich nur wenig überlappen. Während die Kater große Reviere haben, die oft mehrere Weibchen-Reviere einschließen und gemeinsam mit anderen Katern genutzte Gebiete haben – sie bilden „Bruderschaften“.

Was bedeutet „Bruderschaft“?

Die „Bruderschaft“ hat nichts mit Verwandtschaft zu tun, sondern mit Freundschaft. Kater, die zur selben Bruderschaft gehören, ziehen miteinander um die Häuser und locken den Neuling richtig aus dem Haus raus – mit sanften Lauten. Das Gejaule geht erst los, wenn er unten ist.

Serval Nala mit ihren Jungen Mick Mohr und Monti in der Wildforschungsstation in Südafrika. Bild: privat
Serval Nala mit ihren Jungen Mick Mohr und Monti in der Wildforschungsstation in Südafrika. Bild: privat | Bild: (privat)

Katzen treffen sich manchmal nachts, sitzen zusammen und trennen sich dann wieder. Was ist das für ein Phänomen?

Ich bin auf dem Land aufgewachsen und habe es als Kind einmal selbst gesehen. Auf der Nachbarwiese saßen in der Dämmerung plötzlich 20 Katzen. Jede etwa im Abstand von einem Meter oder zwei, es ist sonst nicht viel passiert. Das war also eine sehr ruhige, stille Party mit Herumschauen, wenig Interaktion, und dann liefen sie wieder auseinander.

Wie werden Einladungen verschickt? Mit „P-Mails“ (engl. „Pee-Mails“)?

Wahrscheinlich geht es über den Zeitsinn der Katzen. Vielleicht verständigen sie sich vorher irgendwie, wann und wo die Party stattfindet. Vielleicht mittels P-Mails – toller Begriff! (lacht) Jedenfalls gibt es sie!

Sie forschen auch an wilden Falbkatzen. Woher weiß man, dass die Falbkatze die Urahnin unserer Hauskatze ist? Für ein ungeschultes Auge sieht sie unserer Hauskatze sehr ähnlich…

Man muss auch ein ganz gutes Auge haben, um sie zu unterscheiden. Die ersten Haus- bzw. die ersten zahmen Katzen waren Falbkatzen im alten Ägypten, die hat man mumifiziert und deswegen weiß man das –und heute kann man es mit Genetik-Tests auch feststellen. Sie können sich auch uneingeschränkt miteinander vermehren.

Die Katze hat eine von allen anderen Tieren abweichende Domestikationsgeschichte: sie hat sich „selbst domestiziert“. Was ist da passiert?

Auch der Hund ist den Menschen wegen der Essensreste nachgelaufen. Aber die zurückgelassenen Restchen von Nomaden haben Katzen nicht interessiert, sondern die ägyptischen Kornkammern, denn dort gab es viele Mäuse. Da waren dann natürlich auch die Falbkatzen, die bis zu einem gewissen Grad zähmbar sind. Also ist sie über die Mäuseplage an solchen Kornspeichern in die Domestikation reingekommen.

Das Sprichwort „Wie der Herr so's G'scherr“ spielt auf die Ähnlichkeit von Hundehaltern mit ihren Schützlingen an. Gibt es bei Katzen und ihren Haltern auch Ähnlichkeiten bezüglich der Persönlichkeit?

Ich würde sagen, es färbt schon ein bisschen ab. Wenn man ein intensives Verhältnis mit der Katze hat, wird man ihr schon durch das Betragen ähnlich und weil die Katze ein leises Wesen ist, sind es die Katzenhalter meistens auch. Man fängt auch selbst an zu blinzeln oder macht ein Gesicht wie eine Katze. Es gibt übrigens einen alten Ethologen-Witz, dass man seinem Vieh immer ähnlicher wird. Da bin ich immer froh, dass ich Katzen zum Studieren habe und keine Schweine. Oder Affen. (lacht)

Wie man heute weiß, binden sich Katzen durchaus an „ihren“ Menschen: Wie ist die beste Kommunikation mit Katzen möglich?

Mit Streicheln und Füttern, mit viel Liebe, nie aufdringlich sein, die Katze kommen lassen, ihr viel Wärme, körperliche und Herzenswärme geben und dann kann man eine Katze auf „Kätzisch“ beruhigen, wenn man selbst schnurrt (Mircea Pfleiderer macht „brrrrrrrr“ mit einem langgezogenen, rollenden Zäpfchen-R) … Man muss schauen, dass man nicht ins Husten kommt. Man kann natürlich mit ihnen blinzeln, man kann schön mit ihnen murmeln und viele kleine, „kätzische“ Manierismen übernehmen.

Auch mit ihr reden?

Reden ist ganz wichtig, ja. Viele Katzen ahmen die menschlichen Geräusche nach. Das ist natürlich auch für den Menschen toll, wenn er heimkommt und sagt, „Mann, heute war's wieder mal furchtbar im Büro“ und wenn die Katze dann mit Gesten und Lauten „antwortet“.

Können Katzen den Menschen etwas lehren? Zum Beispiel Mechanismen für den Umgang mit Stress?

Katzen können ja auch gestresst sein; sie können schnurren, um sich selbst wieder in die Ruhe zu bringen. Das können wir natürlich nicht, aber die Katzen können uns beruhigen: wenn sie nahe bei uns sind und man hört ihr beim Schnurren zu. Wir wissen ja inzwischen dank vieler Untersuchungen, dass Katzenbesitzer gesünder sind, niedrigeren Blutdruck und weniger Herzprobleme haben. Auf der anderen Seite gibt es Katzen, die sehr wohl unter Stress stehen, da muss ein Mensch der Katze die Ruhe beibringen.

Können alle Katzen, auch sogenannte Großkatzen, schnurren?

Alle Katzen, die ich kenne, schnurren. Tiger schnurren, Leoparden schnurren, und Geparden, die schnurren wie eine Hauskatze, aber weil sie größer sind, klingt es dann eher wie ein Traktor. Die Karakals schnurren, Servale schnurren… Ich hab also keine Katze erlebt, die nicht schnurrt. Übrigens: die mit den Katzen weitschichtig verwandten Mangusten schnurren auch, wenn sie saugen, aber es klingt nicht wie ein Katzenschnurren, sondern mehr wie Klicken: klick-klick-klick-klick… Ich würde daher sagen, sogar mehr Tiere als Katzen schnurren.

Wie beenden Sie folgenden Satz: Der größte Tierforscher nach Konrad Lorenz ist ……….. .

Gut, da kann ich bloß Leyhausen (Paul Leyhausen, Anm.d.Red.) sagen. Wobei es sicher auch sonst noch Größen gibt: Karl von Frisch und Nikolaas Tinbergen. Aber Leyhausen ist ein direkter Schüler von Lorenz gewesen, die haben gut zusammen gearbeitet und die Freundschaft hat bis zum Tod von Lorenz gedauert. Leyhausen, der selbst genial war, hat also viel von Lorenz gelernt. Und ich habe die Chance gehabt, mit ihm zu arbeiten.

Können Sie uns Dr. Paul Leyhausens Theorie des „Ersatz-Kätzchens“ erklären?

Wir sind für die Katze oder für den Kater eine Art Ersatzkind, wir sind auch Ersatzmütter und Ersatzspielkameraden, wir sind für die Katze alles in einem. Und wenn sie uns also eine Maus bringt, dann will uns die Katze versorgen, bzw. uns das Mäusefangen beibringen. Sie haben auch vorhin erzählt, dass Ihr Kater Ihnen Mäuse bringt und zum Teil laufen lässt. Das tut er, damit Sie es lernen!

Warum ist er dann traurig, wenn ich sie fange?

Weil er sie vielleicht doch lieber selbst gehabt hätte.

Oder müsste ich sie vor ihm verspeisen?

Soweit braucht es ja nicht zu gehen (lacht/beide lachen). Aber schimpfen und rausschmeißen wäre ganz verkehrt. Loben ist richtig, denn sie will uns damit etwas Gutes tun, einen Leckerbissen mitbringen, wie ein Stück Schokolade. Oder sie möchte uns auch unterstützen. Katzenmütter machen es ja mit ihren Jungen, und Katzenväter – das habe ich auch bei Falbkatzen beobachtet – die klauen sich ein Huhn und bringen es der Mutter, obwohl sie sonst gierige Fresser sind.

Katzen spielen manchmal mit getöteter Beute weiter. Ist das nicht ein Widerspruch?

Das ist ein Mechanismus, um Adrenalin und Spannung abzubauen. Für junge Katzen ist ein Mäuschen ein Mordsgegner, die sind dabei wahnsinnig aufgeregt, und wenn sie sie dann getötet haben, dann gibt es das sogenannte Erleichterungsspiel, bei dem sie dann nochmal so tun, als ob es ganz etwas Wildes wäre – und das ist dann für den Abbau an Stress und an Spannung. Es hat auch etwas mit einem „Freudentanz“ zu tun – so hat es Leyhausen gesagt.

Kommen wir noch zu Ihrer Arbeit in Südafrika, dort forschen Sie sechs Monate im Jahr: Welche Tiere gibt es derzeit auf Ihrer Farm?

Im Augenblick ist gar nichts dort, weil unsere Tiere im Winterquartier sind. Dieses Jahr waren 15 Katzen bei mir: Falbkatzen, Karakals und Servale. Die Zahl schwankt immer, weil wir auch züchten und verkaufen oder auswildern. Daneben haben wir Hühner, zum Eier legen und für die Katzen zur Unterhaltung – Katzen lieben Hühner. Die Hühner spazieren draußen herum und die Katzen haben immer etwas zum Schauen, das ist sogenanntes Katzen-TV, aber interaktiv, denn manchmal fangen sie auch eines.

Wir haben Sommer: Ferienzeit. Was tun, wenn man nach einer Reise eine beleidigte Katze vorfindet? Hilft Gähnen – es dient auf „Kätzisch“ der Beschwichtigung…

Gähnen auf jeden Fall, Blinzeln, lieb reden mit ihr, und wenn sie hartnäckig ist, dann links liegen lassen. Es hilft bei beleidigten Katzen hervorragend, wenn man sagt, „Gut, wenn du mich nicht anschauen willst, dann schau ich dich auch nicht an“. Man setzt sich hin und schaut weg. Irgendwann ist die so neugierig, dann kommt sie und nimmt den Kontakt auf. Funktioniert auch wunderbar bei scheuen Katzen.

Wie denken Sie über Tierschutz? Was können einzelne tun? Haben Sie bei Ihren Forschungen auch damit zu tun?

Tierschutz ist eine absolute Notwendigkeit. Jeder kann zum Wohl der Tiere beitragen, entweder durch Geld- und Sachspenden (Decken, Futter), oder durch die Arbeit in den Tierheimen, und dann natürlich auch durch die Aufnahme eines oder zweier Tierheimkatzen in den Haushalt. In meiner Arbeit gibt es einige Berührungspunkte mit dem Tierschutz – beispielsweise setze ich mich dafür ein, den Bauernkatzen zum Status eines Nutztieres zu verhelfen. Das bedeutet für diese oft bedauernswerten Tiere die Erfüllung von Mindestanforderungen bei der Haltung und Fütterung. Ein wichtiges Thema in meinen Forschungen ist auch, wie man Zoo- und Wohnungskatzen vor Eintönigkeit schützen kann.

Fragen: Antje Luz