Die Wissenschaftler trauten ihren Augen nicht. Unweit der spanischen Urlaubsinsel Mallorca ist einer Forschungsexpedition am Donnerstag die erste nachweisbare Sichtung eines Weißen Hais in dieser Mittelmeerregion seit mehr als 30 Jahren gelungen. „Wir waren aus dem Häuschen“, sagt einer der beiden Leiter der Expedition, der angesehene Zoologe und Naturfilmemacher Fernando López-Mirones, auf dem Forschungssegelschiff Töftevaag. Die Zeitung „Diario de Mallorca“ spricht von einer „historischen Entdeckung“.

Die Teilnehmer der Forschungsexpedition filmten das gesichtete Tier vor der Baleareninsel Cabrera und sind davon überzeugt, dass es sich um einen Weißen Hai handelt:

War es ein Heringshai?

Doch nur einige Tage nach der Sichtung stellen einige Experten in Frage, ob das Tier wirklich ein Weißer Hai ist. Neben dem Institut für Meereswissenschaften in Barcelona hätten auch eine Expertin von der Balearen-Universität UIB und der Meeresbiologe Gabriel Morey Zweifel angemeldet, berichteten mallorquinische Medien. Morey, der vor 15 Jahren gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern eine Studie über die Präsenz des Weißen Hais (Carcharodon carcharias) im Mittelmeer vor den Balearen veröffentlicht hat, glaubt nach Sichtung des Foto- und Videomaterials, dass es sich um einen Heringshai handeln könnte, wie das „Mallorca Magazin“ berichtete. Das sagen auch andere Biologen.

Urlauber tummeln sich am Strand von Arenal auf der Ferieninsel Mallorca. Viele Mallorca-Urlauber zeigten sich in den sozialen Netzwerken nach der angeblichen Sichtung eines Weißen Haies nahe der Insel besorgt.
Urlauber tummeln sich am Strand von Arenal auf der Ferieninsel Mallorca. Viele Mallorca-Urlauber zeigten sich in den sozialen Netzwerken nach der angeblichen Sichtung eines Weißen Haies nahe der Insel besorgt. | Bild: dpa

Weiße Haie und Heringshaie sehen sich sehr ähnlich. Allerdings ist der Heringshai normalerweise nur drei bis vier Meter lang. Der vom spanischen Meeresforschungszentrum Alnitak vor der Insel Cabrera südlich von Mallorca gesichtete Raubfisch soll aber größer gewesen sein. „Bei dem von uns veröffentlichten Bild kann man die Größe nicht erkennen, das Tier ist aber rund fünf Meter lang. Wir haben es 70 Minuten lang verfolgt und auch gefilmt“, bestätigte Expeditionsmitglied Fernando López-Mirones. Auf Twitter schrieb er: „Wir sind keine Touristen, die ‚irgendwas’ gesehen haben und Fotos mitbringen, damit andere uns sagen, um was es sich handelt. Wir sind Teil einer wissenschaftlichen Expedition.“ Laut „Mallorca Zeitung“ sind sich die Alnitak-Experten „zu 90 Prozent sicher“.

Aufregung bei Touristen

Trotz der vorgebrachten Zweifel von den Experten bekommen unterdessen einige Touristen auf Mallorca angesichts der Nachricht das kalte Grausen. „Ich habe keine Angst, aber meine Frau wird nur noch bis zu den Knöcheln ins Wasser gehen“, sagt der 44-jährige Jürgen aus dem niedersächsischen Emden, der am „Ballermann“ den Urlaub genießt. Bei den sozialen Netzwerken ließen die Reaktionen in Spanien und auch in Deutschland nicht auf sich warten. „Damit wäre dann Mallorca von der Liste meiner Reiseziele gestrichen“, kommentiert ein User die Nachricht auf dem BR24-Twitteraccount. Experten weisen alle Befürchtungen von Badegästen jedoch vehement zurück.

Ein Weißer Hai im Indischen Ozean. Nach der Hai-Sichtung unweit der Ferieninsel Mallorca gibt es inzwischen Zweifel, ob es sich tatsächlich um einen Weißen Hai handelt oder doch viel mehr um einen Heringshai, der ganz ähnlich aussieht.
Ein Weißer Hai im Indischen Ozean. Nach der Hai-Sichtung unweit der Ferieninsel Mallorca gibt es inzwischen Zweifel, ob es sich tatsächlich um einen Weißen Hai handelt oder doch viel mehr um einen Heringshai, der ganz ähnlich aussieht. | Bild: dpa

Der 54 Jahre alte López-Mirones wirkt mit Lederjacke und breitkrempigen Filzhut wie eine Art spanischer Indiana Jones. Er sagt: „Zu Attacken auf Menschen kommt es äußerst selten, etwa dann, wenn ein Hai seine Beute verwechselt und Surfer auf Brettern für Robben hält.“

Sollte es sich bei dem Tier tatsächlich um einen Weißen Hai handeln, deutet in der Tat alles daraufhin, dass er nur eine sehr gering Gefahr für Urlauber auf der Ferieninsel darstellt. Zumal das Tier rund acht Seemeilen – knapp 15 Kilometer – südlich der kleinen Balearen-Insel Cabrera entdeckt wurde. Die Entfernung vom Sichtungsort zur Südküste Mallorcas beträgt 35 Kilometer. Bis zur Amüsiermeile „Ballermann“ sind es sogar mehr als 50 Kilometer.

Während einige Badegäste trotzdem zittern, jubeln die Umweltschützer. „Das ist eine tolle Nachricht, ein Hoffnungsstrahl für das Mittelmeer“, sagt Grau. Es bedeute nämlich, dass die Haie im Meer vor den Balearen wieder Nahrung finden: Roter Thunfisch, Meeresschildkröten und vielleicht sogar die vom Aussterben stark bedrohte Mittelmeer-Mönchsrobbe.

Gut für ökologisches Gleichgewicht

Man wisse, dass es vor 60 oder 70 Jahren im Wasser um die Balearen „sehr, sehr viele dieser Tiere gegeben“ habe, erläutert Grau. Nach Beginn der Industriefischerei seien sie aber irgendwann völlig verschwunden. Dabei seien Haie „unerlässlich“ für das ökologische Gleichgewicht im Mittelmeer. „Sie verhindern zum Beispiel den Ausbruch von Epidemien“, so Grau. Die Situation sei dank der Fischereigesetze der EU im Mittelmeer – wo über 90 Prozent der Fischbestände als überfischt gelten – besser geworden. Noch gebe es aber leider viel zu tun, um die Wasserfauna früherer Jahrzehnte wiederherzustellen.

Richtiges Verhalten bei einem Hai-Angriff

  • Der Raubfisch: Mit bis zu sechs Metern Länge ist der Weiße Hai der größte Raubfisch der Meere. Seine Lieblingsspeise sind Seelöwen und Seehunde. Aufgrund seines geringen Vorkommens und der Bejagung zur Trophäen-Gewinnung gilt die Art als gefährdet.
  • Vorkommen: Der Weiße Hai kommt fast in allen Ozeanen vor und bevorzugt gemäßigte Küstengewässer. Ins Mittelmeer ist er eingewandert, wurde aber um die Balearen seit mehr als 30 Jahren nicht mehr gesichtet.
  • Verhalten bei einer Attacke: Taucht unweit eines Strandes ein Hai im Wasser auf, handelt es sich oft „um kranke oder verletzte Tiere, die sich verirrt haben“, erklärt WWF-Sprecher Jörn Ehlers. Er rät, in einem solchen Fall nicht ins Wasser zu gehen. „Wer sich bereits im Meer befindet, sollte möglichst ruhig und auf direktem Weg an den Strand schwimmen.“ Wichtig dabei ist, keine panischen Bewegungen zu machen.
  • Andere Tiere gefährlicher: „Weltweit kommt es zu 50 bis 80 Opfern pro Jahr“, sagt Ehlers. Andere Tiere seien da gefährlicher, etwa die Malaria-Mücke, Tiger oder Leoparden. (dpa)