Die achtjährige Luisa tobt mit Husky Grizzly über die schneebedeckten Hügel von Vorarlberg. Der Hund bleibt stehen, drängt sich an ihr Bein, stupst sie an. Luisa herzt und knuddelt Grizzly, genießt seine Nähe. Sie wirkt glücklich, unbeschwert. Solche Momente gab es in der letzten Zeit nicht. Luisas Mutter ist vor wenigen Wochen an Krebs gestorben und hinterlässt die Achtjährige und weitere drei Geschwister. Die familiäre Situation ist seitdem von Trauer und Hilflosigkeit geprägt. Heute ist Luisa mit einer Gruppe von Kindern im österreichischen Bludesch bei „Husky-Toni“, seiner Familie samt 22 Schlittenhunden zu Besuch und genießt einen Tag voller Unbeschwertheit.

Draußen in der Natur: Husky-Toni mit seinen Tieren.
Draußen in der Natur: Husky-Toni mit seinen Tieren. | Bild: Anton Kuttner

Im Dezember 2014 hat Anton Kuttner, genannt Toni, den Verein „Husky Toni’s Kindertraum“ gegründet und möchte so Kindern und ihren Familien, die sich in einer schwierigen Situation befinden, unbeschwerte Stunden schenken. Ursprünglich wollte der Österreicher ausschließlich leukämiekranke Kinder unterstützen, bekam dann aber viele weitere Anfragen. „Ich kann doch nicht Menschen mit anderen schweren Schicksalen abweisen“, erklärt er schulterzuckend. „Es ist mein inniger Wunsch, Kinder und ihren Familien mithilfe meiner Huskys in eine Welt voller Leichtigkeit eintauchen zu lassen, damit sie die Krankheit und ihre Schicksale wenigstens für einige Stunden vergessen können.“

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Jeder findet seinen Lieblingshund

Die Hunde als Therapie, kein neues Konzept, jedoch ein gutes. „Zu mir kommen Kinder mit schweren Krankheiten, die Leidvolles in der Familie erfahren haben, manche wurden misshandelt, andere sexuell missbraucht“, erzählt Toni kopfschüttelnd. „Zu den Huskys mit ihrem natürlichen und ursprünglichen Naturell, die sich nicht dressieren lassen und Purzelbäume schlagen, gleichwohl wolfsähnliche Rudeltiere mit ausgeprägtem Instinkt und voller Achtsamkeit sind, finden die Kinder schnell einen Zugang. Ich sehe immer wieder, dass das Erlebte mit unseren Huskys, gemeinsam mit den Streicheleinheiten, bei allen Beteiligten enorme positive mentale Auswirkungen hat“, so der 47-Jährige.

Unterwegs in Skandinavien: Husky-Toni mit kleinen Gästen.
Unterwegs in Skandinavien: Husky-Toni mit kleinen Gästen. | Bild: Anton Kuttner

Wenn eine Gruppe mit Kindern zu Toni kommt, findet meist jeder schnell seinen persönlichen Lieblingshund, erzählt er. Er selbst weiß in der Regel nicht, welche Geschichte sich hinter den Kindern verbirgt, hat aber im Laufe der Zeit ein gutes Gespür dafür entwickelt. „Erst kürzlich war hier ein kleiner, ganz zarter Junge, der sich ausgerechnet den größten und kräftigsten Husky ausgesucht hat. Im Nachhinein habe ich erfahren, dass der Junge jahrelang körperlich und seelisch misshandelt wurde. Er hatte sich also mit seiner Wahl einen starken Beschützer an seine Seite geholt.“

Toni wird nicht nur von seinen Huskys unterstützt, sondern auch von seiner Frau und seinen drei Töchtern. Besonders die siebenjährige Ella ist oft dabei. „Sie hat ein gutes Gespür für Menschen und baut instinktiv eine Brücke zwischen den Kindern, die schnell Vertrauen zu ihr schöpfen und uns Erwachsenen.“ Die Events sind für die Teilnehmer kostenlos und finanzieren sich über Spenden sowie über den ehrenamtlichen Einsatz von Familie Kuttner. Auch in Schweden organisiert Toni Husky-Touren – ganz ohne Handy, Fernseher und Radio, inmitten der Natur.

„Viele Betroffene leben in permanenter Angst. Überlebe ich? Kommt es zu einem Rückfall? Diese Fragen stehen jederzeit im Raum. Manchmal kommen auch Väter gemeinsam mit ihren Kindern. Gerade Väter gelten innerhalb ihrer Familie oft als Fels in der Brandung und dürfen dabei ihre eigene Trauer und Hilflosigkeit nicht zeigen. Und gerade in Schweden, weit weg von zu Hause, höre ich dann von ihnen: Ich habe nicht ein einziges Mal an mein Schicksal gedacht.“

Als Kind war er selbst schwer krank

Anton Kuttner hat selbst als Kind erfahren, was eine Krankheit mit Betroffenen und ihren Familien macht. Ständige Untersuchungen und Krankenhausaufenthalte, die besorgten Blicke der Erwachsenen, ihr bedrückendes Flüstern ließen den damals Siebenjährigen ahnen, dass etwas Schwerwiegendes im Gange war. Dann die erschreckende Diagnose: totales Knochenmarkversagen.

Kleines Mädchen, kleiner Hund: Da verstehen sich zwei prächtig.
Kleines Mädchen, kleiner Hund: Da verstehen sich zwei prächtig. | Bild: Anton Kuttner

Es folgten 12 Monate voller kräftezehrender Therapien, Chemotherapie und Bestrahlung. Der kleine Toni wurde in Bludenz, Innsbruck und München behandelt, war weit weg von zu Hause, von seiner gewohnten Umgebung und seiner Familie. „In dieser schweren Zeit erhielt ich ein Buch über Huskys. Ich blätterte täglich darin, schaute mir die Bilder an und träumte mich weg in eine Welt, in der ich gemeinsam mit den Hunden rasante Schlittenfahrten unternahm“, erinnert sich Toni. „Das war mein Anker, das gab mir Kraft.“ Dank einer Knochenmarkspende durch seine Schwester, deren Erfolgsaussicht damals bei 1:1 000 000 stand, sowie „vieler Schutzengel“ hat er die Krankheit besiegt. „Meine Schwester hat mir das Leben gerettet, selbst ist sie dann dreiunddreißigjährig an Krebs gestorben.“ In Erinnerung an sie und aus Dankbarkeit, dass er überleben durfte, hat Toni im Jahr 2014 den Verein „Husky Toni’s Kindertraum“ gegründet.

Anton Kuttner erfüllte sich bereits im Jahr 1994 mit dem Kauf eines Huskys seinen Traum aus Kindertagen. Beruflich war er jahrelang als OP-Helfer tätig. Als sein Blut plötzlich wieder schlechte Werte aufwies, gab er diesen Beruf auf, kaufte sich weitere Huskys und gründete ein Unternehmen, das Events mit Schlittenhunden anbietet. Er ist ausgebildeter Wander- und Schlittenhundeführer, wird ebenso von Privatmenschen wie auch von großen Firmen gebucht und verdient damit seinen Unterhalt. Er hatte sich schon immer ehrenamtlich für Kinder engagiert, wollte aber finanziell unabhängig sein und gründete schließlich seinen eigenen Verein.

„Luxus bedeutet, Zeit zu haben“

Unter seinen Kunden und Gästen hat er mittlerweile ein tolles Netzwerk. „Ich bitte niemanden aktiv um Spenden, habe jedoch das Glück, dass viele Spender auf mich zukommen und meine Arbeit unterstützen.“ Husky-Toni nimmt man es ab, wenn er sagt: „Ich führe ein glückliches Leben. Luxus bedeutet für mich, Zeit für meine Familie und Freunde zu haben und die einfachen Dinge zu genießen, die nichts kosten. In Schweden Blaubeeren und Pilze sammeln und zubereiten, am Lagerfeuer sitzen oder in den Wald gehen und Stöcke schnitzen. Es geht mir nicht um Geld. Mein Verein ist eine reine Herzenssache. Und was du aussendest, bekommst du zurück.“