Sie wollen ihn vergessen, hinter Gittern wissen, am liebsten nie wieder diesen Namen Marc Dutroux hören müssen. Bereits am vergangenen Sonntag waren mehrere Hundert Demonstranten vor dem Brüsseler Justizpalast aufgezogen. „Keine Freiheit für den Kinderschänder“ skandierten sie und riefen: „Dutroux reste au trou“ (Dutroux, bleib im Loch). Ihre Forderung nannten sie das „Gesetz der Engel“: „Wir wollen, dass das Gesetz eine echte lebenslange Haftstrafe vorschreibt“, erläuterte ein Organisator des „Schwarzen Marsches“ das Ziel.

Mehrere Hundert Demonstranten fordern in Brüssel, dass Marc Dutroux nie wieder auf freien Fuß gesetzt werden darf.
Mehrere Hundert Demonstranten fordern in Brüssel, dass Marc Dutroux nie wieder auf freien Fuß gesetzt werden darf. | Bild: Imago

Doch die Demonstranten konnten nicht verhindern, dass das zuständige Gericht später zumindest die Türe für ein mögliches Haftende des 62-Jährigen öffnete. In den kommenden Wochen soll ein neues psychiatrisches Gutachten angefertigt werden (übrigens das erste seit 2013), um Dutroux‚ psychischen Zustand und das Risiko eines Rückfalls neu zu bewerten. Anwalt Bruno Dayez bezeichnete diese Entscheidung als einen „notwendigen Schritt“. Der Jurist hatte schon 2018 angekündigt, er wolle die Haftentlassung nach 25 Jahren im Gefängnis erreichen. Dann käme Dutroux 2021 frei.

Prognose half Dutroux schon mal

Der Kindermörder war 1996 nach einer von Skandalen und Polizeipannen durchzogenen Fahndung festgenommen worden. Im Verfahren ab 2004 befanden ihn die Geschworenen für schuldig, bis Mitte der 1990er-Jahre mehrere Kinder und Jugendliche im Alter von acht bis 19 Jahren entführt und sexuell missbraucht sowie einen seiner Komplizen und zwei von ihm entführte junge Frauen im Alter von 17 und 19 Jahren ermordet zu haben. Zwei entführte achtjährige Mädchen verhungerten eingesperrt, während er im Gefängnis war. Dabei war der Mann schon Jahre zuvor wegen mehrerer Vergewaltigungen festgenommen und verurteilt worden, kam aber 1992 mit einer günstigen Sozialprognose wieder frei – das ist einer der Gründe, warum Opferanwalt Georges-Henri Beauthier keinem Gutachten mehr vertrauen will. Wäre Dutroux damals in Haft geblieben, könnten die Mädchen heute noch leben, argumentieren die Gegner.

Bruno Dayez verteidigt den Kindermörder Marc Dutroux vor Gericht. Der Anwalt fordert eine frühzeitige Entlassung seines Mandanten unter ...
Bruno Dayez verteidigt den Kindermörder Marc Dutroux vor Gericht. Der Anwalt fordert eine frühzeitige Entlassung seines Mandanten unter bestimmten Auflagen. | Bild: AFP

Bei der Suche nach den Opfern unterliefen der Polizei etliche Fehler. Mehrmals wurde das Grundstück durchsucht, ehe man die Überlebenden und die Leichen fand. Aber auch nach der erneuten Verhaftung gab es unerklärliche Ereignisse. Etliche Zeugen verstarben, Spuren, denen nicht nachgegangen worden war, fanden die Angehörigen der Überlebenden Jahre später in den Akten.

Hinweis auf Pädophilen-Netzwerk

Im Hintergrund stand eine Befürchtung, die nie ausgeräumt werden konnte: War ein einfacher Mann wie Dutroux wirklich in der Lage, derart grausame Taten zu begehen? Oder gab es vielleicht doch ein Pädophilen-Netzwerk im Hintergrund? Was ist dran an den Mutmaßungen, dass Dutroux Kinder für höchste Kreise in Gesellschaft und Politik beschaffte, wie er es selbst nach seiner Festnahme behauptet hatte? 2010 erfuhr die geschockte belgische Öffentlichkeit, dass bei Ermittlungen wegen Kindesmissbrauchs gegen den höchsten katholischen Würdenträger des Landes, den langjährigen Kardinal Godfried Danneels, pikante Unterlagen gefunden wurden. Darunter sollen nicht nur Akten über Täter gewesen sein, die eigentlich in den Besitz der Justiz gehörten, sondern auch Dossiers über den Kindermörder Marc Dutroux sowie Fotos der beiden von ihm missbrauchten und ermordeten Mädchen Julie und Melissa. Über Rückschlüsse schweigen die Behörden beharrlich.

Skandalöse Behandlung im Gefängnis?

In den vergangenen Jahren hörte Belgien auf höchst widersprüchliche Weise von dem Kindermörder. Mal attackierte sein Anwalt öffentlich die belgische Justiz wegen „skandalöser“ Behandlung seines Mandanten im Gefängnis 25 Kilometer vor Brüssel. Der sei dort völlig isoliert und würde „lebendig verrotten“. Es werde nichts getan, um seine Wiedereingliederung in die Gesellschaft zu fördern.

Bis heute keine Entschuldigung

Dann wieder hieß es, der Häftling sei inzwischen ein reicher Mann. Dutroux handele überaus erfolgreich an der Börse. Sein Sohn, mit dem er mehrmals am Tage telefoniere, diene ihm als verlängerter Arm. Die Erlöse aus den Geschäften wanderten ausnahmslos auf das Konto des jungen Dutroux, sodass der Kindermörder bis heute keinen Cent an Entschädigung oder Schmerzensgeld an die beiden überlebenden Opfer und die Angehörigen der ermordeten Mädchen gezahlt hat. Reue oder gar eine Bitte um Entschuldigung kamen ihm bis heute nicht über die Lippen.

Detroux‘ Ex-Frau wurde bereits 2013 entlassen

Dass Dutroux 2021 wirklich wieder völlig freikommen könnte, scheint jedoch ausgeschlossen. Selbst sein Anwalt Dayez fordert lediglich eine Entlassung unter strengen Auflagen – beispielsweise eine elektronische Fußfessel. Obwohl ein Gericht bei einem ersten Anlauf für eine Freilassung 2013 genau diese Variante abgelehnt hatte. Denkbar wären auch Auflagen, wie sie seine inzwischen geschiedene Frau Michelle Martin (59) akzeptierte. Sie war als Mittäterin verurteilt worden und wurde Mitte 2012 aus dem Gefängnis entlassen. Seither lebt sie in einem Kloster unweit der belgischen Stadt Namur.

Der Fall Dutroux

Marc Dutroux gilt als einer der schlimmsten Verbrecher in der Geschichte Belgiens. Er war 1996 festgenommen und 2004 von einem Schwurgericht verurteilt worden. Die Geschworenen befanden ihn für schuldig, in den Jahren 1995 und 1996 zwei Mädchen und einen Komplizen ermordet sowie insgesamt sechs Mädchen entführt und vergewaltigt zu haben. Experten beschrieben Dutroux damals als „echten Psychopathen“, „narzisstisch pervers“ und „manipulativ“. (AFP)