Die Zahl 70 nimmt bei der Übersetzung der Bibel den Rang einer heiligen Tradition ein. 72 Männer waren es, die in 72 Stunden dasAlte Testament vom Hebräischen ins Griechische übertrugen. Sie legten sämtlich einen identischen Text vor, obwohl jeder für sich gearbeitet hatte. So weiß es die Legende. 2000 Jahre später benötigten jene 70 Experten deutlich länger, um die Bibel vom Deutschen ins Deutsche zu übertragen.

Nun liegt das Ergebnis vor: die Lutherbibel revidiert 2017. Ursprünglich wollten sie die gültige Übersetzung lediglich durchsehen (revidieren). Tatsächlich wurde die sprachliche Gestalt dann kräftig bearbeitet. Von den knapp 35.598 Versen des heiligen Buches wurden 15.785 Verse meist leicht verändert. Die letzte Bearbeitung liegt mehr als 30 Jahre zurück, seitdem hat sich einiges geändert. Dem wollten die Bearbeiter Rechnung tragen.

Worum geht es? Einmal um Genauigkeit. Im Buch Levitikus (10,9) beispielsweise ist die Rede von Alkohol. Luther übersetzt den hebräischen Ausdruck mit „starken Getränken“. In der neuen Übersetzung liest man dagegen „Bier“, weil die Forschung inzwischen weiß, dass semitische Völker mit dem Bierbrauen vertraut waren. Das konnte Luther noch nicht wissen. Auch Fragen der Sensibilität spielen eine Rolle–jene Fragen, die regelmäßig für Diskussionen sorgen können.

Einschneidend ist etwa, wenn in den Evangelien ab sofort von „Brüdern und Schwestern“ die Rede ist, wo frü- her nur „Brüder“ aufgeführt waren.
Tatsächlich hatte Jesus auch weibliche Anhänger und wichtige Unterstützerinnen. Deshalb war es höchste Zeit für die Hereinnahme der Schwestern. Den 70 Übersetzern war es also nicht um Genderpolitik zu tun, sondern um den nüchternen Blick auf das Umfeld Jesu, in dem sich Frauen wie selbstverständlich und gegen alle Konventionen tummelten.

An einer anderen Stelle (Römerbrief 16) wurde ein Jünger bisher mit Junias benannt. In der neuen Übersetzung ist an derselben Stelle von Junia, also einer Frau, die Rede. Die Exegeten sind sich aus dem Zusammenhang heraus sicher, dass eine Frau gemeint ist. Generell gilt: Die Fachschaft der 70 hat Luthers Bibel nicht neu erfunden. Sie hat auch nicht alles Alte als unmodern verworfen. Es ging um ein Fortschreiben und das behutsame Anpassen, auch an die moderne Sprache und an aktuelle Sprechgewohnheiten.

Oberste Richtschnur ist stets die Texttreue, also die Frage: Was steht im hebräischen oder griechischen Original – und wie wird der Satz in ein vernünftiges wie auch verständliches Deutsch gebracht? Fast gegenläufig ist ein anderer Trend in der revidierten Bibel: Sie erinnert immer wieder an die Sprache und den Tonfall von Martin Luther, an dem man offenbar nicht vorbeikam