Als Richter Thomas Bott sein Urteil begründet, zitiert er auch zwei Opfer von David G.: „Es hat mir das Licht ausgeknipst“, sagt eine Frau als Zeugin aus. „Es hat Peng im Kopf gemacht“, sagt eine andere. Die jungen Frauen hatten sich selbst an den Schläfen lebensbedrohlichen Stromschlägen ausgesetzt – auf Veranlassung des 30-Jährigen, der sich mal als Professor, mal als Arzt ausgab.

G. trat seinen Opfern gegenüber als Wissenschaftler auf

Der am Montag vor dem Landgericht München II zu Ende gegangene Prozess ist vermutlich beispiellos in der deutschen Rechtsgeschichte. Dass G. unter anderem wegen 13 Fällen des versuchten Mordes für elf Jahre ins Gefängnis und in der Psychiatrie untergebracht werden soll, ist dabei nur der strafrechtliche Teil des Falls. Über dem Prozess steht aber die Frage, warum die Opfer von G. überhaupt mitmachten. Dieser fand dutzende Frauen und junge Mädchen im Internet, weil er als angeblicher Wissenschaftler Geld für eine angebliche Studie bot. Sein Angebot: Für bis zu 1500 Euro sollten Frauen sich selbst Stromschläge versetzen. Er wollte dies über den Chatdienst Skype verfolgen und protokollieren.

G. konnte seine Opfer sehen, diese ihn aber nicht. Er behauptete, seine Kamera sei dummerweise gerade defekt. Womöglich wäre die eine oder andere schon vorher stutzig geworden, wenn sie das jungenhafte Gesicht des während der Urteilsbegründung reglos auf der Anklagebank sitzenden angeblichen Arztes gesehen hätte. So aber machten dutzende Frauen mit. Sie legten sich Stromleitungen an die Füße, teils zogen sie dafür vorher in Alupapier eingewickelte Schuhe an. Andere legten den Strom auf seinen Befehl an die Schläfen, in manchen Fällen halfen sogar Angehörige bei den Experimenten mit.

Das Foto der Polizei zeigt eine Apparatur des Betrügers. Zahlreiche Frauen in ganz Deutschland haben sich damit teilweise lebensbedrohlichen Stromschlägen ausgesetzt.
Das Foto der Polizei zeigt eine Apparatur des Betrügers. Zahlreiche Frauen in ganz Deutschland haben sich damit teilweise lebensbedrohlichen Stromschlägen ausgesetzt. | Bild: dpa

Versprochenes Geld und ausgenutztes Vertrauen

Einigen der mindestens 88 Opfer wurde während der Versuche so mulmig, dass sie abbrachen. Andere machten wiederholt mit. Eine drängte sogar, noch weiter zu machen, weil sie Geld für den Tierarzt für ihre kranke Ratte brauchte. Geld war vermutlich das Hauptmotiv zum Mitmachen, doch G. zahlte nie. Ein weiteres Motiv der Frauen scheint ein tiefes Vertrauen in den Täter allein wegen des vorgegaukelten Titels als Professor oder Doktor gewesen zu sein.

Zur Polizei ging selbst nach den lebensgefährlichen Stromschlägen keine der zum Teil minderjährigen Frauen. Alles flog erst auf, als der Freund einer 16-Jährigen diese nach den Stromschlägen ins Krankenhaus brachte und die Jugendliche von den Experimenten berichtete. Ohne dies wäre es vermutlich noch weiter gegangen, sagt der Richter.

Sexuelle Lust als Antrieb

G. verfolgt die Urteilsbegründung konzentriert, den Blick fest auf den Richter gerichtet. Er zeigt keine erkennbare Reaktion. Auch nicht, als der Richter sagt, es sei eine „naheliegende Beschönigung“ der Taten durch G., dass er seine sexuelle Lust als Antrieb bestreite. Doch für den Richter steht nach den psychiatrischen Gutachten fest, dass eine Kombination aus einem Asperger-Syndrom beim Angeklagten und einem sexuellen Fetisch Motiv für die Taten war. G. hing einem Fußfetisch an, dazu fanden die Ermittler zahlreiche Dateien bei ihm.

Außerdem erregte er sich etwa an Filmen, in denen Menschen sich selbst mit Hundehalsbändern Stromschläge verpassten. G. steht mittlerweile unter gesetzlicher Betreuung seiner Mutter. Er war schon bisher in der Psychiatrie untergebracht und wird dort vorerst bleiben. Denn für das Gericht steht fest, dass ohne Behandlung weiter ähnliche Taten von ihm zu erwarten sind. (AFP)

75 Jahre Geschichte. 75 Jahre Erfahrung. 75 Jahre Journalismus. Sichern Sie sich jetzt für kurze Zeit ein ganzes Jahr zum Jubiläumspreis von 75 €.