Der deutsche Pilgerfriedhof ist eine kleine quadratische Oase der Ruhe hinter dicken Vatikanmauern. Vom Touristenrummel am Petersplatz ist kaum etwas zu hören. Am heutigen Donnerstag, 11. Juli, wird der Campo Santo Teutonico zum Schauplatz eines Ereignisses, das einen der mysteriösesten Vermisstenfälle in der Geschichte des Vatikans lösen soll.

Hoffnung auf Fund der Gebeine von Emanuela Orlandi

Dann sollen zwei Gräber geöffnet werden. Darin könnten möglicherweise die Gebeine des Mädchens Emanuela Orlandi liegen. Die Tochter eines Dieners von Papst Johannes Paul II. verschwand vor 36 Jahren – und niemand weiß bis heute, wieso und warum.

Der deutsche Pilgerfriedhof im Vatikan ist hinter dicken Mauern versteckt, befindet sich aber auf italienischem Staatsgebiet.
Der deutsche Pilgerfriedhof im Vatikan ist hinter dicken Mauern versteckt, befindet sich aber auf italienischem Staatsgebiet. | Bild: AFP

Weil die Geschehnisse nie aufgeklärt wurde, ranken sich seitdem die wildesten Spekulationen um den Fall. Die Erklärungsversuche waren so zahlreich wie abstrus.

Sogar im Grab eines Mafiabosses wurde gesucht

Einmal sollte Emanuela Opfer Krimineller geworden sein, die den Papst-Attentäter Ali Agca freipressen wollten. Dann wieder hieß es, Emanuela sei von Vatikandiplomaten entführt und auf Sexpartys ausgebeutet worden. Auch die römische Unterwelt kam ins Spiel. Auf der Suche nach Spuren wurde sogar das Grab des Mafiabosses Enrico De Pedis in der Kirche Sant‘Apollinare in Rom geöffnet. Ergebnislos.

Teilnehmer des „Marsch für Wahrheit und Gerechtigkeit für Emanuela“ halten im Jahr 2012 Bilder des verschwundenen Mädchens Emanuela Orlandi auf dem Petersplatz. 36 Jahre nach dem mysteriösen Verschwinden des Mädchens lässt der Vatikan zwei Gräber auf dem deutschen Pilgerfriedhof beim Petersdom öffnen.
Teilnehmer des „Marsch für Wahrheit und Gerechtigkeit für Emanuela“ halten im Jahr 2012 Bilder des verschwundenen Mädchens Emanuela Orlandi auf dem Petersplatz. 36 Jahre nach dem mysteriösen Verschwinden des Mädchens lässt der Vatikan zwei Gräber auf dem deutschen Pilgerfriedhof beim Petersdom öffnen. | Bild: dpa

Im Herbst letzten Jahres wurden dann Knochen bei einer vatikanischen Botschaft in Rom entdeckt und untersucht. Wieder Fehlanzeige. Die Graböffnung auf dem Campo Santo Teutonico soll nun endlich Licht ins Dunkel bringen.

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„Es ist ein neues Kapitel“, sagte Emanuelas Bruder, Pietro Orlandi. Er ist es, der seit Jahren unermüdlich für die Wahrheit kämpft. „36 Jahre lang gab es im Vatikan keinerlei Kooperation.“

Erstmals hilft der Vatikan bei Suche

Mit der Einwilligung zur Graböffnung habe der Vatikan erstmals eingeräumt, dass es eine „interne Verantwortung“ oder Mitwisser im Kirchenstaat gegeben habe oder gebe.

Aufwändig gestaltete Gräber befinden sich auf dem deutschen Friedhof im Vatikan.
Aufwändig gestaltete Gräber befinden sich auf dem deutschen Friedhof im Vatikan. | Bild: dpa

Es habe mehrere Hinweise auf den Pilgerfriedhof gegeben, der zwar hinter Vatikanmauern liegt, aber italienisches Staatsgebiet ist. Hier liegen Geistliche und Fürsten aus dem deutschsprachigen und flämischen Raum begraben. Vor allem auf das Grab mit einem Marmorengel richtet sich das Augenmerk. Dort ist Sophie von Hohenlohe bestattet (gestorben 1836).

Mysteriöser Hinweis: „Sucht, wohin der Engel schaut“

Die Familie Orlandi will einen Hinweis bekommen haben: „Sucht, wohin der Engel schaut.“ Im zweiten Grab liegt Herzogin Charlotte Friederike zu Mecklenburg (gestorben 1840 ). Dass der Vatikan auch dieses Grab öffnen lässt, bedeutet für Pietro Orlandi, dass die Ermittlungen dieses Mal durchaus gründlich sind.

Pietro Orlandi, der Bruder von Emanuela Orlandi, geht seit dem Verschwinden seiner Schwester vor 36 Jahren jeder erdenklichen Spur nach.
Pietro Orlandi, der Bruder von Emanuela Orlandi, geht seit dem Verschwinden seiner Schwester vor 36 Jahren jeder erdenklichen Spur nach. | Bild: AFP

Er meint, dass es der Willen von Papst Franziskus sei, die Sache aufzuklären. „Ich habe ihn kurz nach seinem Amtsantritt getroffen. Er hat gesagt, Emanuela ist im Himmel.“ Nun also der nächste Schritt in der Familientragödie: Die fraglichen Gräber seien zuletzt 2010 bei einer Renovierung durch Steinmetze geöffnet worden, sagte der Friedhofsleiter Hans-Peter Fischer der Medienplattform Vaticannews. Der Friedhof habe vor einiger Zeit in die Öffnung der Gräber eingewilligt. Für Fragen, warum ausgerechnet diese Gräber zu öffnen sind und ob es einen Zusammenhang mit den Bestatteten gibt, ist er später nicht erreichbar.