In einem schwäbischen Kindergarten dürfen Kinder keinen selbst gebackenen Geburtstagskuchen mitbringen – aus Angst vor Hygienemängeln. Die Leiterin der Kita in Bissingen (Kreis Dillingen) hatte die Eltern per Brief darüber informiert, dass sie ihren Kindern keine Speisen mehr mitgeben sollten. Die Entscheidung sei auf eine "ausdrückliche Empfehlung des Gesundheitsamtes" hin gefallen, heißt es in besagtem Brief.

Klärendes Elterngespräch geplant

Eine Bürgerbewegung will Unterschriften gegen das Verbot sammeln. Der Kita-Leiterin zufolge sollte am Mittwochnachmittag ein klärendes Elterngespräch stattfinden. In Kitas fehle oft hauswirtschaftliches Wissen, was zur Übervorsicht führe, sagt die Leiterin des Nationalen Qualitätszentrums für Ernährung in Kita und Schule (NQZ) in Berlin, Anke Oepping. „Da wird der Zaun oft sehr eng gezogen.“

Das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) mit Sitz in Erlangen rät, sich bei Lebensmitteln an sieben Regeln zu halten, darunter vor allem gute Kühlung. Speziell für Mitbringsel in den Kindergarten können sich Eltern an Empfehlungen für Vereinsfeste orientieren.

Das Bundeszentrum für Ernährung (BZE) empfiehlt zum Beispiel, kein Sushi oder andere Speisen mit rohem Fisch, rohem Fleisch oder rohen Eiern (etwa Tiramisu) mitzubringen. Durchgebackene Kuchen seien hingegen durchaus geeignet. Allergene wie Gluten müssen Eltern übrigens nicht angeben. Nur professionelle Lebensmittelhersteller müssen die Waren laut LGL kennzeichnen.

Ernährungsthemen finden laut Expertin in der Ausbildung zu wenig statt

Anke Oepping vom NQZ glaubt, dass Erzieher und Kita-Leitungen mit dem Risikomanagement bei der Ernährung oft alleine gelassen werden. „In der Ausbildung der Erzieher, Kinderpfleger und Kita-Leiter finden Ernährungsthemen zu selten statt“, sagt sie. Bei Fragen könnten sich Kita-Mitarbeiter aber an die Vernetzungsstellen Kita- und Schulverpflegung wenden, von denen es in Bayern acht gibt.

Bedenken und Ängste haben laut Oepping auch bei den Kita-Trägern zugenommen. Oepping berichtet von einer Kita, in der Erzieher für jedes Rezept eine Risikoanalyse erstellen müssten. Etwa um zu dokumentieren, ob sie bei einer Tomatensuppe mit frischen Tomaten oder Dosentomaten arbeiten. Auch bei selbstgezüchteten Kräutern herrsche Verunsicherung. „Wenn Kinder erleben, dass sie Selbstgepflanztes nicht verkochen dürfen, ist das pädagogisch schwierig“, meint Oepping. Vielleicht lernten sie daraus, dass Selbstkochen risikoreicher sei als ein Essen im Schnellrestaurant.

Die Reaktionen auf das Mitbringverbot in Bissingen in den sozialen Medien spiegeln zumeist Überraschung wider. Eine Frau kommentierte aber bei Facebook, dass es aus einem ganz anderen Grund durchaus sinnvoll sein könne, wenn Eltern nichts mehr zum Geburtstag kochen und backen dürfen: Dann gerieten sie nicht mehr in Versuchung, sich gegenseitig überbieten zu wollen.

„Da spielen auch Allergien eine immer größere Rolle“

Der Kindergarten in Bissingen ist darüber hinaus längst nicht der einzige, der das Mitbringen von Speisen untersagt. Das ergab eine Umfrage der Augsburger Allgemeinen Zeitung. Die Erklärungen sind oftmals dieselben. "Am Ende ist die Leitung der Einrichtung für das Wohlergehen der Kinder verantwortlich. Daher ist nur ratsam, mit Speisen von außen sehr vorsichtig umzugehen", erklärt beispielhaft Winfried Bublat von der Stadtverwaltung in Neu-Ulm. Gleichzeitig betont er, dass es dabei nicht um Misstrauen gegenüber den Backkünsten oder dem Hygieneempfinden von Eltern gehe. Vielmehr gehe es darum, schwer kontrollierbare Risiken auszuschließen. "Da spielen auch Allergien eine immer größere Rolle", sagt Bublat. Er plädiere daher für Verständnis für die Kindergärtenleitungen, die die Kinder sowie sich selbst schützen wollten.

Das sieht auch Sabrina Dopfer so, die in Offingen (Landkreis Günzburg) das Kinderhaus Glücksstern leitet. Dort dürfen Eltern schon seit geraumer Zeit keine Kuchen, Butterbrezen oder Ähnliches mehr mitbringen. "Das funktioniert sehr gut", sagt Dopfer - und der Freude der Kleinen über ihren Geburtstag tue das keinen Abbruch. Sie dürften an ihrem Ehrentag bei der Sitzordnung und der Auswahl der Spiele mitentscheiden. Zudem gebe es ein Geschenk aus der "Schatzkiste" - da gerät Mamas Kuchen schnell in Vergessenheit.  (dpa, mit Material der Augsburger Allgemeinen Zeitung)