Es ist die Geschichte der Stadt Urmia und des gleichnamigen Sees, eines einstigen Urlaubsidylls im Nordwesten des Irans. Es ist auch die Geschichte von Menschen, die sich an der Natur versündigen und Reichtum anhäufen, und von vielen anderen, die zu Verlierern werden. Es ist die Geschichte eines hochexplosiven Mixes aus Klimawandel, Misswirtschaft, Korruption und außenpolitischem Streit, der das Land zu einer tickenden Zeitbombe macht.

Eine junge Iranerin steht vor dem fast ausgetrockneten Urmia-See. Der Urmia-See ist mit einer Fläche von 5.470 Quadratkilometern der größte Binnensee des Irans. Einst zehn Mal größer als der Bodensee, verliert der Urmia aber immer mehr an Wasserfläche.
Eine junge Iranerin steht vor dem fast ausgetrockneten Urmia-See. Der Urmia-See ist mit einer Fläche von 5.470 Quadratkilometern der größte Binnensee des Irans. Einst zehn Mal größer als der Bodensee, verliert der Urmia aber immer mehr an Wasserfläche. | Bild: Farshid-Motahari Bina/dpa

Der Taxifahrer Radschab Ali aus Urmia erinnert sich gerne an die alten Zeiten, als der See noch zehnmal größer war als der Bodensee. „Urmia war mal bekannt als das Paris des Irans“, sagt er. Touristen aus dem ganzen Land seien gekommen, aber auch aus der benachbarten Türkei und dem Irak. Hotels, Taxifahrer, Basarverkäufer, alle hätten in der 740 000 Menschen zählenden Grenzstadt gut gelebt. Das war einmal. Satellitenbilder zeigen, dass die Oberfläche des größten Binnensees im Iran massiv geschrumpft ist. Seine Fläche wurde in 30 Jahren um 80 Prozent kleiner. Wo Badende sich einst im Wasser tummelten, blieb eine salzverkrustete Wüste zurück. Salzstürme zogen übers Land und verschärften die Umweltkrise. „Die Menschen befürchten jetzt, dass der See ganz austrocknet“, sagt der 62 Jahre alte Fahrer Radschab Ali.

Satellitenbilder zeigen, wie sich der See gewandelt hat. Vor 20 Jahren leuchtete er blau. 2011 fallen die grüne Färbung und weißen Salzränder auf. Die rote Farbe 2016 kommt vom hohen Salzgehalt und dem warmen Wasser. Es macht nur Algen und Bakterien glücklich.
Satellitenbilder zeigen, wie sich der See gewandelt hat. Vor 20 Jahren leuchtete er blau. 2011 fallen die grüne Färbung und weißen Salzränder auf. Die rote Farbe 2016 kommt vom hohen Salzgehalt und dem warmen Wasser. Es macht nur Algen und Bakterien glücklich. | Bild: -

Was ist passiert? Der Klimawandel führte zu Trockenheit und höheren Temperaturen, Wasser verdunstet. Außerdem speist weniger Wasser den See. Gründe dafür sind Staudämme, Bewässerungsprojekte und Tausende illegal angelegte Brunnen. Einige Iraner profitieren vom Eingriff in die Natur, von Korruption und Missmanagement, sehr viel mehr Menschen verlieren: Jobs, nutzbares Land, Einkommen.

Besorgniserregend ist, dass Urmia kein Einzelfall ist. Beispiel Millionenmetropole Isfahan. Früher führte der Fluss Zayandeh-Rud nur im Sommer kein Wasser. Heute ist er den größten Teil des Jahres ausgetrocknet. Stromabwärts sind Ackerflächen nicht mehr fruchtbar. Landwirte wandern in Armenviertel der Metropole ab.

16 Millionen iranische Flüchtlinge

Landesweit könnten inzwischen 16 der 80 Millionen Iraner Landflüchtlinge sein, Tendenz steigend, zitiert die „New York Times“ den Geologen und Exil-Iraner Nikahang Kowsar. Deren Armenviertel werden leicht zu Brennpunkten von Unruhen. Der Experte verweist auf Prognosen, wonach Millionen Iraner sich in diesem Jahrhundert gezwungen sehen könnten, ihr Land zu verlassen – eine neue Flüchtlingsbewegung.

Seit vielen Jahren plagen Dürren den Iran. 2017 regnete es 40 Prozent weniger als im Vorjahr. „Wir sind auf dem Weg, ein Wüstenstaat zu werden“, sagte Vizepräsident Issa Kalantari, der auch Chef der Umweltbehörde ist. Zwar gehört der Iran zu einer Region, die die Folgen des Klimawandels besonders zu spüren bekommen dürfte. Doch das Schwinden des Urmia-Sees haben vor allem Menschen verursacht.

Der iranische Taxifahrer Radschab Ali sitzt in seinem Taxi. Mit der allmählichen Austrocknung des Urmia-Sees und dem Ausbleiben von Touristen, laufen die Geschäfte auch für Taxifahrer wie ihn immer schlechter.
Der iranische Taxifahrer Radschab Ali sitzt in seinem Taxi. Mit der allmählichen Austrocknung des Urmia-Sees und dem Ausbleiben von Touristen, laufen die Geschäfte auch für Taxifahrer wie ihn immer schlechter. | Bild: Farshid-Motahari Bina/dpa

Wasser nur für Regime-Günstlinge

Rund 600 Dämme zur Energiegewinnung und für Bewässerungsprojekte hat die Führung in Teheran in den vergangenen drei Jahrzehnten bauen lassen. Gigantische Mengen Wasser werden abgeleitet, beispielsweise in die Landwirtschaft, um Pistazien-Bäume zu bewässern. Die Nüsse sind ein wichtiges Exportgut. Außerdem geht das Wasser in Industrieprojekte an teils fragwürdigen Standorten. Profitiert hätten Menschen, die den Revolutionsgarden nahestehen, Günstlinge des Regimes, schreibt die „New York Times“.

In erster Linie sollte die Bewässerung der Landwirtschaft modernisiert und nicht länger verschwenderisch mit dem knappen Wasser umgegangen werden, schlägt Hodschat Dschabari von der Umweltbehörde in Urmia vor. Vizepräsident Ishagh Dschahangiri will nun mehr unternehmen, um den See zu retten. Dschahangiri gilt als einer der wenigen zuverlässigeren Politiker. Anders als sein Chef, Präsident Hassan Ruhani.

Ruhani versprach viel, setzte aber wenig um. Die Wirtschaftskrise konnte der Präsident nicht bewältigen. Das Wasserproblem erklärte Ruhani einst zur Chefsache. Kalantari sagt, dass die Umweltbehörde, der er vorsteht, viel zu wenig aus dem Staatsbudget erhält. Allein um Bewässerungssysteme in der Landwirtschaft zu modernisieren würde sehr viel Geld gebraucht.

Tretboote benötigt in Urmia keiner mehr. Der See ist mittlerweile kilometerweit entfernt. Und Touristen <br />kommen ohnehin keine mehr.
Tretboote benötigt in Urmia keiner mehr. Der See ist mittlerweile kilometerweit entfernt. Und Touristen kommen ohnehin keine mehr. | Bild: Farshid-Motahari Bina/dpa

Geld geht ins Ausland

„Dafür fließt unser Geld nach Syrien, in den Jemen und nach Gaza“, sagt eine iranische Journalistin, die ihren Namen nicht veröffentlicht sehen möchte. Für sie wie für andere Iraner ist es unbegreiflich, warum die Regierung Öleinnahmen für Verbündete ausgibt, aber nicht für das eigene Volk. Als es zum Jahreswechsel und im Sommer zu Protesten und Unruhen kam, thematisierten Menschen genau das. „Nicht Gaza, nicht Libanon, ich opfere mein Leben nur für den Iran“, war eine Parole.

Irans Führung verschweigt, wie viel Geld in das umstrittene Atomprogramm geflossen ist. Die Dokumentationsstelle des US-Kongresses schreibt, dass es über 100 Milliarden Dollar seien. Diese Investitionen haben nach Meinung von Kritikern im Iran außer Ärger nicht viel gebracht. Der internationale Atomvertrag von 2015 hat Teheran zwar viel finanziellen Freiraum zurückgegeben. US-Außenminister Mike Pompeo warf der Führung aber vor, sie habe die Mehreinnahmen lieber für Stellvertreterkriege ausgegeben.

Auswandern als letzte Option

Die Menschen in Urmia versuchen, aus der Misere das Beste zu machen – zumindest vorerst. Dawud Sattari, Chef des ehemaligen Hotels „Fanus“, erinnert sich an die Zeit, als das Ökosystem des Sees noch intakt war. „Die Wellen kamen damals bis zur Hoteltreppe. Jetzt muss man von derselben Stelle ungefähr zwei Kilometer laufen, um überhaupt ans Wasser zu kommen.“

Ein Iranischer Mann steht am Eingang des geschlossenen Strandhotels Fanus. Er zeigt, bis wohin die Wellen des Urmia-Sees bis vor einigen Jahren noch kamen. Mit der allmählichen Austrocknung des Urmia-Sees und dem Ausbleiben von Touristen musste das Hotel geschlossen werden.
Ein Iranischer Mann steht am Eingang des geschlossenen Strandhotels Fanus. Er zeigt, bis wohin die Wellen des Urmia-Sees bis vor einigen Jahren noch kamen. Mit der allmählichen Austrocknung des Urmia-Sees und dem Ausbleiben von Touristen musste das Hotel geschlossen werden. | Bild: Farshid-Motahari Bina/dpa

Natürlich ist der austrocknende See das Stadtgespräch in Urmia. Gibt es noch Hoffnung auf Rettung? Soll man bleiben? Oder in eine andere Stadt umziehen? Viele der wohlhabenderen Einwohner denken ans Auswandern. Die Grenze zur Türkei ist nur eine Stunde von der Stadt entfernt.

„Es ist eine menschengemachte Katastrophe“

Humangeograph Hans Gebhardt
Humangeograph Hans Gebhardt | Bild: Gebhardt/dpa

Hans Gebhardt (67) ist ein deutscher Human-Geograf und seit 1996 Lehrstuhlinhaber der Professur für Humangeografie an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. In der Vergangenheit forschte er auch zum Konfliktpotenzial von Wasser im Vorderen Orient.

Herr Gebhardt, es ist heute möglich, in tiefste Tiefen Brunnen zu bohren, Meerwasser zu entsalzen und verunreinigte Abwässer aufzubereiten. Kann Technik Konflikte, die wegen Wasserknappheit entstehen, nicht längst entschärfen?

Die Meerwasseraufbereitung zu Trinkwasser spielt in einigen Ländern eine große Rolle, insbesondere in den Golfstaaten, also Dubai und Abu Dhabi. Aber das ist enorm energieaufwendig. Das können sich nur Staaten leisten, die über eigene Öl-Ressourcen verfügen oder einen billigen Zugang zu entsprechenden Ressourcen haben.

Kommt es bei Wassermangel eher zu innenpolitischem Druck – oder ist das Konfliktpotenzial zwischen Staaten stärker?

Es wirken beide Komponenten zusammen. Wenn wir auf den Vorderen Orient schauen, hat sich die ökologische Situation in den letzten Jahrzehnten deutlich verändert. Bis in die 1960er-Jahre war das Unterlaufgebiet von Euphrat und Tigris ein Überschwemmungsgebiet. Dort haben Menschen früher vom Wasser gelebt. Diese Überschwemmungsgebiete sind heute ausgetrocknet. Insofern ist da natürlich ein innerstaatliches Konfliktpotenzial entstanden. Aber relativ wichtig ist auch das Zwischenstaatliche, also die Rolle der Oberlieger vom Irak aus gesehen, also Syriens und der Türkei.

Ein Beispiel?

Als die Türkei den Atatürk-Stausee geflutet hat, ist im Irak und in Syrien für einige Monate kaum mehr Wasser angekommen. Inzwischen wurden Verträge zur Lösung des Problems ausgehandelt.

Schauen wir auf den Iran, der aktuell unter einer schweren Dürre leidet. Das zeigt sich auch am Urmia-See. Ist die verfehlte Wasserpolitik des Regimes schuld an der Entwicklung?

Ich bin zwei Mal über den Urmia-See geflogen. Aus der Luft sieht man große Salzfelder und Vertrocknungsgebiete. Kurz danach kommt man in der Türkei an den Vansee, und der ist weitgehend intakt. Der Vergleich zeigt, dass der Urmia-See nicht unter einer natürlichen Dürre leidet. Es ist eine menschengemachte Katastrophe. Doch der jetzigen Regierung die Schuld zu geben, wäre zu einfach. Das Wasser des Urmia-Sees – und das vieler anderer Seen und Grundwasserleiter im Vorderen Orient – wird seit Jahrzehnten übernutzt.

Kann es Europa egal sein, wenn sich Konflikte um Wasser im Vorderen Orient zuspitzen?

Man muss sich klarmachen, die Region ist nicht ganz weit weg von uns. Ein Flug von Beirut nach Paris ist eigentlich ein Katzensprung. Insofern sind natürlich Vorgänge in den Staaten des Vorderen Orients – angefangen von der Türkei über den Iran, Irak, Syrien bis hin zum Libanon – von direktem Einfluss auf das, was in Europa passiert. Das hat man im Syrienkonflikt 2015 gesehen, der massive Fluchtbewegungen auch in Richtung Europa ausgelöst hat.