Der Tatort im grellbunten Drogeriemarkt von Kandel passt nicht zu dem grausamen Verbrechen. Hier, zwischen Kosmetikwaren und Haushaltsartikeln, tötet der afghanische Flüchtling Abdul D. am 27. Dezember 2017 seine Ex-Freundin Mia mit einem Brotmesser. „Bleib wach!“, rufen Freunde der Schwerverletzten noch zu. Vergeblich: Die 15-Jährige stirbt im Krankenhaus.

Tat hinterließ Trauma in Kandel

Für Kandel, eine Gemeinde mit rund 9500 Einwohnern in der Südpfalz zwischen Landau und Karlsruhe, ist die Tragödie bis heute traumatisch. „Nach dieser schrecklichen Gewalttat herrschte große Bestürzung“, sagt Bürgermeister Volker Poß (SPD). „Wie konnte das nur passieren? Man kann es nicht verstehen.“

Stilles Gedenken in der Kirche

Gemäßigte Kräfte im Ort hatten sich gestern entschieden, im Unterschied zu den vergangenen Monaten keine Kundgebung abzuhalten. „Am Todestag am 27. Dezember an Mia zu erinnern und ihrer zu gedenken, ist richtig und wichtig“, sagte eine Sprecherin. Dieser Tag sollte allerdings ein Tag der Stille sein. „Ein Tag, der ihrer Familie und ihren Freunden gehört.

Die andere Seite des Gedenken an Mia: Teilnehmer eines „Trauermarschs“ gehen am gestrigen Jahrestag durch Kandel.
Die andere Seite des Gedenken an Mia: Teilnehmer eines „Trauermarschs“ gehen am gestrigen Jahrestag durch Kandel. | Bild: dpa

Das Gedenken für eine politische Kundgebung zu nutzen, entbehrt für uns jeder Pietät.“ Die evangelische Gemeinde hatte die Einwohner zur Andacht in der St. Georgskirche aufgerufen. Besucher konnten Kerzen entzünden und in der Kirche verharren. Wortbeiträge waren nicht vorgesehen. Am Jahrestag der Tragödie sollte die Kommune die Chance haben, zur Ruhe zu kommen, hatte Bürgermeister Volker Poß (SPD) gesagt.

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Jedoch wurde am Jahrestag der Tragödie erneut die oft gespannte Lage in der Gemeinde deutlich. Teilnehmer eines „Trauermarschs“ gingen durch den Ort – dazu hatte ein Bündnis aufgerufen, das in den vergangenen Monaten in Kandel wiederholt etwa gegen die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung protestiert hatte. Seit der Tat hatten rechte und linke Gruppen mehrfach in der Gemeinde demonstriert. Viele Bürger werfen vor allem dem rechten Lager vor, das Verbrechen politisch zu instrumentalisieren.

Kampf um die Deutungshoheit

Der Widerstand gegen die politische Instrumentalisierung ist im Ort gewachsen. Das Bündnis „Wir sind Kandel“ ist entstanden, gegen die „Flut rechter Netzwerke, die unsere Stadt derzeit überziehen“, wie die Gruppe per Facebook mitteilt. Sie sieht den Streit auch als Kampf um die Deutungshoheit über ihre Gemeinde und die Tat. Dafür ist das Bündnis mit dem „Brückenpreis“ der Landesregierung in Mainz ausgezeichnet worden.

Trauerkränze, Kerzen und Blumen sind am Jahrestag des tödlichen Messerangriffs von Kandel an einer Gedenkstelle am Rande einer Kundgebung eines rechten Bündnisses vor einem dm-Drogeriemarkt abgelegt worden.
Trauerkränze, Kerzen und Blumen sind am Jahrestag des tödlichen Messerangriffs von Kandel an einer Gedenkstelle am Rande einer Kundgebung eines rechten Bündnisses vor einem dm-Drogeriemarkt abgelegt worden. | Bild: dpa

Das Landgericht in Landau hat den Beschuldigten im September nach Jugendstrafrecht zu acht Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt: wegen Mordes an Mia und wegen Körperverletzung, weil Abdul D. einen Freund Mias geschlagen hatte. Die Hoffnung, dass nach dem Prozess gegen Abdul D. Ruhe in Kandel einkehrt, hat sich aber zerschlagen.

Sind Ausländer häufiger kriminell als Deutsche? Was Statistiken verraten

  1. Sind Ausländer krimineller als Deutsche? Die Frage lässt sich nicht seriös mit Ja oder Nein beantworten. Dafür ist sie viel zu pauschal gestellt. Dennoch kann man sich dem Problem anhand Statistiken nähern.
  2. Was sagt die Statistik darüber? Wer sich mit Straftaten in Deutschland beschäftigt, kommt um die Polizeiliche Kriminalstatistik nicht herum. Sie macht deutlich, wie viele Tatverdächtige es zu welchen Straftaten in Deutschland gibt. Ausländer stellten demnach in 2017 zwar nur 13 Prozent der Bevölkerung, aber in 34,8 Prozent aller Fälle mindestens einen Tatverdächtigen. Der Anteil von Ausländern an den Verurteilten (32,5 Prozent) ist laut Statistischem Bundesamt fast genauso hoch.
  3. Wie aussagekräftig sind die Zahlen? Die Kriminalstatistik hat ihre Tücken. So gibt sie zwar einen Überblick über die Zahl tatverdächtiger Ausländer. Zu den Ausländern in Deutschland gehören allerdings spanische Ehefrauen von Deutschen und Asylbewerber aus Eritrea genauso wie Fernfahrer aus Polen. Daher darf man die Zahl der ausländischen Tatverdächtigen nicht einfach ins Verhältnis zur ausländischen Wohnbevölkerung setzen.
  4. Wie sieht es bei Zuwanderern aus? Verengt man den Blick auf die Kriminalität von Zuwanderern in Deutschland, lassen sich genauere Aussagen treffen. Das BKA meint mit Zuwanderern hauptsächlich Asylbewerber, anerkannte Flüchtlinge und Geduldete. Zuwanderer sind gerade bei Mord und Totschlag, bei schwerer Körperverletzung und bei Vergewaltigung deutlich überrepräsentiert. Bei je etwa 15 Prozent dieser Fälle sind Zuwanderer unter den Tatverdächtigen.
  5. Warum tauchen Zuwanderer überdurchschnittlich oft in der Statistik auf? Das lässt sich unter anderem mit der Sozialstruktur der Zuwanderer erklären. Ein durchschnittlicher Asylbewerber ist männlich und knapp 30 Jahre alt, also 15 Jahre jünger als der deutsche Durchschnitt. Damit gehört er zu einer Bevölkerungsgruppe, die praktisch überall auf der Welt häufiger Straftaten verübt. Unter den straffälligen Zuwanderern fällt die hohe Zahl der Mehrfachtäter auf, besonders bei Menschen aus den Maghreb-Staaten Marokko, Tunesien und Algerien, aber auch aus Georgien. Einige von ihnen sind geduldet oder gar ausreisepflichtig, wurden also nicht als Flüchtlinge anerkannt. Schaut man allein auf die Zahlen für anerkannte Flüchtlinge, wird deutlich, dass sie im Jahr 2017 gesetzestreuer waren als Deutsche. Ein anerkannter Flüchtling begeht also statistisch gesehen weniger Straftaten als ein Deutscher. (dpa)