In zwei Dingen wird Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, einst Bundes-Justizministerin der FDP, immer unvergessen bleiben. Neben ihrer Opposition gegen den unter Helmut Kohl geplanten Großen Lauschangriff, weshalb sie sogar ihr Amt niederlegte, bleibt sie in Erinnerung mit dem Namen ihres Dackels, der den schönen Namen „Dr. Martin Luther“ trug.

Wenn man einen kleinen krummbeinigen Hund so nennt, das hat schon was. Das sagt zweierlei. Erstens: Ich hab’ es nicht nötig, meinen Dackel Wastl oder Alfred zu nennen. Ich denk’ mir was aus und bin so keck, einen protestantischen Reformator dafür auszusuchen. Und zweitens: Was ihr darüber denkt, ist mir wurst. Sozusagen.

Der Deutsche als solcher ist tierlieb. In den Haushalten gibt es 13 Millionen Katzen, neun Millionen Hunde und weitere Millionen Kleintiere wie Hamster, Kaninchen und Kanarienvögel. In den letzten Jahrzehnten hat sich im Verhältnis Mensch-Haustier viel getan. Katzen bekommen Sheba mit Petersiliensträußchen serviert und Hunde kriegen Physiotherapie, wenn sie es in den Knochen haben.

Bello hat ausgedient

Auch bei den Namen hat sich viel verändert. Katzen hießen früher Mausi oder Mohrle, Hunde Bello oder Harras. Häufig ist der Haushund oder die Hauskatze eher Familienmitglied als Wachhund oder Mäusefänger. Das spiegelt sich auch bei den Tiernamen, wie die Mainzer Sprachwissenschaftlerin Damaris Nübling herausfand. Aber warum geben wir Haustieren überhaupt Namen? "Wenn ich einem Tier einen Namen gebe, nehme ich es als Individuum wahr", erklärt die Forscherin. "Der Name ist ein Abstandhalter oder Distanzregler, wie nahe mir ein Tier kommen darf."

Nutztiere haben dagegen keine Namen, sondern nur Nummern. "Was einen Namen hat, können wir nicht essen. Je menschenähnlicher ein Tier, je näher und je länger es beim Menschen lebt, je eher es sich in käfigloser Einzelhaltung befindet, desto eher wird es oft über exklusive Namen individualisiert“, beobachtete die Forscherin.

„Heute tragen 60 Prozent einen Personen-, oft einen Kindernamen“, schrieb sie in einer Untersuchung zum Thema. Menschliche Namen für Hunde etwa hätten sich in den letzten 100 Jahren verdreifacht. Bello, Rex und Hasso seien passé. „Der Hund wird nicht mehr als Hund, sondern zunehmend wie ein Mensch benannt und wohl auch so wahrgenommen", erklärte sie.

Aber ist das überall so? Auf dem Land scheint es dagegen noch traditionell zuzugehen: Hier ist Tier noch Tier und Mensch ist Mensch. Lioba Hoggenmüller praktiziert als Tierärztin am Hochrhein, früher in Waldshut-Tiengen, heute in Ühlingen-Birkendorf. „Bei uns gibt es noch eher die klassischen Namen“, berichtet sie nach einem Blick in die Liste ihrer vierbeinigen Patienten. Da dürfen Katzen noch Tiger, Felix, Lucky oder Mohrle heißen, Hunde heißen Ben, Bob, Flecki oder Fritzle.

Anders sei es bei Zuchttieren, ergänzt sie noch. Ein Züchter von ägyptischen Mau-Katzen gebe seinen Tieren natürlich ägyptische Namen. Eine Katze heißt dann vielleicht Keket (Göttin der Dunkelheit – wow!) und ein Kater Ramses – das hat nicht jeder.

Der Schäferhund heißt Hannelore

Wessen Budget keine Rassekatze zulässt, dem bleibt Originalität. „Es gab mal einen Herr Lehmann. Das war ein prächtiger Kater“, erinnert sich Lioba Hoggenmüller. Gern wird auf körperliche Eigenheiten Bezug genommen. Wenn etwa einem Tier ein Stückchen Ohr fehlt, dann heißt es eben „Öhrle“. Vereinzelt gebe es auch Vornamen wie für Mädchen oder Jungen. Dann heißt die Katze eben Clara oder Emma.

Zu Studienzeiten arbeitete Lioba Hoggenmüller in den USA. Dort bekamen Deutsche Schäferhunde auch gern deutsche Namen. „Da konnte ein Schäferhund dann Hannelore heißen.“ Der arme Hund. Bisweilen entwickeln aber auch deutsche Tierbesitzer einen speziellen Humor. Ein Kater mit schwarzer Pigmentierung an Nase und Schnäuzchen wurde „Adolf“ gerufen. „Der konnte ja auch nichts dafür...“, sie muss ein wenig lachen. „Und ein Kaninchen hieß Abendessen.“ Wer’s mag?

Tierarzthelferin Nathalie Gautard, 32, arbeitet bei Tierärztin Sybille Möbius in Radolfzell. Auch sie berichtet, die Namensgebung habe sich gewandelt. Derzeit seien Namen von Filmcharakteren aus der Serie „Game of Thrones“ angesagt, so etwa der Name Khaleesi für Katzen – nach der Drachenkönigin in der Serie. Beliebt seien auch Pärchennamen wie Susi und Strolch, Max und Moritz oder Bonnie und Clyde. Wenn dann eines der Tiere sterbe, sei das immer traurig, weil ja eine Hälfte fehle.

Eine Katze namens Franz

Intellektuelle lassen ihren Geist bei der Namenswahl fürs Haustier gern sprühen, damit die Nachbarn ein wenig neidisch sind. Jürgen Glocker, lange Jahre Kulturreferent des Landkreises Waldshut und großer Katzenfreund, besaß eine Katze namens Franz, wohlgemerkt ein Weibchen. Da ihr Geschlecht anfangs nicht ganz klar war und Franz gut auf ihren Namen hörte, wurde sie auch nicht auf Franziska umgetauft. Zu Irritationen führte das erst, als Glocker in fröhlicher Runde zu Hause, bei der auch ein menschlicher Franz als Gast zugegen war, die Katze mit einem donnernden „Franz!“ zur Ordnung rief... Was lernen wir daraus? Nicht nur Kindernamen, auch Tiernamen sind sorgfältig auszuwählen. Bevor die Viecher sich noch irgendwann beschweren.