Weil ein Besuch bei ihrer Schwester in München mit Wiesn-Ausflug ansteht und sie beim Oktoberfest ihres Fußballvereins als Servicekraft eingeteilt ist, hat sich Lisa Ammann dazu entschlossen, in ein Dirndl zu investieren. Dass eine 19-Jährige ein Dirndl im Kleiderschrank hat, ist heutzutage nichts Ungewöhnliches.

Früher sah man Frauen im Dirndl vielleicht bei der Pferdewallfahrt in Bad Tölz. Doch Trachten sind schon seit einigen Jahren im Trend und auch außerhalb der Oktoberfestzeit salonfähig – etwa bei feierlichen Anlässen wie Hochzeiten. Doch natürlich sind die Wochen von Wiesn und Wasen die Zeit schlechthin, in denen Frauen und Männer in Tracht zu sehen sind.

Myriam Straub ist Inhaberin der Trachtenscheune in Überlingen-Ernatsreute.
Myriam Straub ist Inhaberin der Trachtenscheune in Überlingen-Ernatsreute. | Bild: Trachtenscheune/M. Straub

Ein Dirndl kann, muss aber nicht teuer sein. Bei Myriam Straub in der Trachtenscheune Ernatsreute, einem Fachgeschäft für traditionelle und moderne Trachtenmode am Bodensee, kosten die günstigsten Modelle knapp über 100 Euro, die teuersten das Zehnfache.

Ein Dirndl steht fast allen Frauen

„Von Mitte August bis Oktober ist bei uns Hochsaison“, bestätigt Straub. „Ein Dirndl steht fast allen Frauen. Nicht ganz so ideal ist es für jene, die einen großen Oberkörper haben und ab der Hüfte sehr schmal sind.“ Ein Hauptkriterium beim Kauf: „Es muss sitzen!“ Und das heißt: Ein Dirndl fällt nicht locker-flockig, sondern es ist eng.

Dirndl von Lola Paltinger haben Kultstatus.
Dirndl von Lola Paltinger haben Kultstatus. | Bild: Lola Paltinger

Die unterschiedlichsten Stilrichtungen von klassisch-bodenständig über fesch und fancy bis hin zu festlich-elegant stehen zur Auswahl. Ob verspielt oder schlicht – das ist letzten Endes eine Typfrage. Gerüscht, paspeliert, mit Perlen und glitzernden Bordüren bestickt: am Ausschnitt geht es hübsch zu.

Die Bordüre heißt Froschgoscherl

Ein aufwendiger Klassiker beim so genannten Ausputz ist das Froschgoscherl, es erinnert tatsächlich an ein Froschmäulchen. Schürzen haben meistens ein Streifen-, Ranken- oder Blumenmuster, sie enden zwei Finger breit oberhalb des Rocksaums. Burschen, achtet auf den Sitz der Schleifen! Was die schwarzen Bollen auf dem Hut der Schwarzwälderin, ist die rechts gebundene Schleife am Dirndl: verheiratet und vergeben. Links bedeutet ledig.

Ausputz am Dirndl-Mieder: Diese Rüsche nennt sich Froschgoscherl.
Ausputz am Dirndl-Mieder: Diese Rüsche nennt sich Froschgoscherl. | Bild: Kirsten Johanson

Die Geschmäcker in Bayern und Baden-Württemberg sind verschieden. Myriam Straub sagt: „In Bayern ist seit zwei Jahren das schlichte, hochgeschlossene Dirndl gefragt, oft in klassischen Farben wie Rot, Tannengrün und Dunkelblau oder in dunklen, morbiden Tönen. In 2020 dürfte sich Senfgelb als neuer Farbakzent durchsetzen. Bei uns verkaufen sich noch Pastell- und Pudertöne besonders gut. Aber auch hier kommt man langsam weg vom Hochglanz hin zu festen Baumwollstoffen.“

Ihr Sohn hat ein eigenes Trachten-Label

Sie ist nicht nur deshalb so gut informiert, weil sie die Trachtenmode-Messen in München und Salzburg besucht, sondern auch, weil sie sich mit Sohn Daniel austauscht. Er hat mit „Ludwig & Therese“ in München ein eigenes Trachten-Label und eigene Kollektionen auf den Markt gebracht. Er sagt zu den aktuellen Trends: „Wir haben zum ersten Mal Samtdirndl aufgenommen und Streifenschürzen.“ Besonders gut eigne sich das schwere Samtmaterial an kühlen Wiesntagen oder bei Festen in der Weihnachtszeit. Angesagt seien auch hochgeschlossene Schlupfblusen aus Spitze ohne Knopfleiste.

Urban und cool: Ein Dirndl von Ludwig & Therese, dem Münchner Label von Daniel Straub. Bild: Ludwig & Therese
Urban und cool: Ein Dirndl von Ludwig & Therese, dem Münchner Label von Daniel Straub. Bild: Ludwig & Therese | Bild: Ludwig & Therese

Wer die Oberweite in Szene setzen will, greift am besten zu einem Dirndl-BH mit Push-up-Funktion. Der Mieder-Ausschnitt soll nicht zu flach, aber auch nicht übermäßig prall rüberkommen. Das Mieder wird in der Regel geknöpft oder mit einem Reißverschluss verschlossen. Die Häkchen sind nur dekoratives Requisit.

Für alle, die es opulent mögen: Perlenschmuck am Dirndl.
Für alle, die es opulent mögen: Perlenschmuck am Dirndl. | Bild: Kirsten Johanson

Natürlich braucht man auch eine spezielle Dirndlbluse. Ans Mieder schließt sich der Faltenrock an, er bringt das Volumen. Die Kurzversion liegt bei 50 Zentimeter, dann wird es in Zehnerschritten immer länger. Straub: „Die Nachfrage nach 90 Zentimeter langen Dirndlröcken ist jedoch gering, in diesem Jahr liegt knieumspielt im Trend.“

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Bei den Männern ist Leder angesagt

Während die Frauen in schimmerndem Taft, glänzender Seide, in Satin oder durchgewebtem Jacquard schwelgen, ist bei Männern Leder angesagt. Einen Tausender muss man für eine gute Hirschlederhose schon hinblättern. Eine Lederhose mit Hirschhornknöpfen und Stickerei ist etwas fürs Leben, mit der Zeit wird sie eben speckig, bekommt Charakter und die perfekte Passform.

Der Schmuck für die Lederhose heißt Charivari.
Der Schmuck für die Lederhose heißt Charivari. | Bild: Kirsten Johanson

Wie beim Dirndl gilt auch hier die Devise: die Lederhose muss knackig sitzen. Das Material dehnt sich, worauf man beim Kauf achten muss. Falls der männliche Bauch später wächst: Es gibt Spielraum! Denn hinten am Bund befindet sich ein Zwickel, mit dem sich die Bundweite anpassen lässt. Karohemden werden von slim-fit Businesshemden in Hellblau oder Weiß abgelöst. Die Wollweste ist ein Must-have für trendbewusste Wiesngänger.

Kein Bock auf Dirndl? Dann einfach ein alpin angehauchtes T-Shirt!

Und was machen die, die mit einem Trachten-Outfit so gar nichts anfangen können? Die tragen einfach Jeans und ein alpin angehauchtes T-Shirt mit aufgedrucktem Hirsch, Edelweiß oder Lebkuchenherz, empfiehlt Myriam Straub.